Direkt zum Inhalt

Sterbehilfe-Debatte: Es gibt noch viele offene Fragen

Druckversion
Zwei führende Medizinethiker haben sich in den letzten Wochen für den ärztlich assistierten Suizid eingesetzt: der international anerkannte Ethik-Experte Urban Wiesing sowie der Privatdozent und Fachbuchautor Ralf Jox. Aber auch Befürworter von Suizidhilfe müssen sich noch vielen Fragen stellen.
Mittwoch, 30. April 2014
Foto: © Tsuboya - Fotolia.com

Manchen scheint das „Feindbild Sterbehilfe“ unverzichtbar, um auf ein berechtigtes Anliegen, die Palliativ- und Hospiz-Versorgung, aufmerksam zu machen. Foto: © Tsuboya - Fotolia.com

Die beiden Medizinethiker plädieren für Regelungen, die Ärzten eine Gewissensentscheidung möglich machen. Dabei werden allerdings noch viele Details zu klären und unterschiedliche Auffassungen zu diskutieren sein. Gegner der Sterbe- und Suizidhilfe hingegen haben erneut erkennen lassen, dass sie eigentlich ein Feindbild nötig haben – was eine „Auseinandersetzung“ mit ihnen auf den hinreichend bekannten Schlagabtausch, etwa zu einem zukünftigen „Dammbruch“, reduziert.

Dringender Austauschbedarf besteht vielmehr bei einem bisher völlig ausgeblendeten Problem. Es betrifft die Unerfahrenheit und gravierende Unkenntnis der deutschen Ärztinnen und Ärzte, was suizidgeeignete Mittel und deren Wirkung betrifft. Sind die allermeisten in dieser Hinsicht nicht eher Dilettanten als Experten? Wer kann hier mit empirischem Erfahrungswissen Abhilfe schaffen, welche Quellen sind überhaupt zugänglich und verlässlich? Und wer steht – auch aus dem kirchlichen Spektrum – für eine elaborierte Debattenkultur jenseits der Empörungsrhetorik?

Jox und Wiesing meinen beide nicht, sich bei ihrem Plädoyer für ethisch vertretbare ärztliche Sterbehilfe mit Entschiedenheit gegen bestehende Suizidhilfeorganisationen empören zu müssen. Sie erwähnen vielmehr – in wohltuend moderater Weise – lediglich bestimmte Vorbehalte, z.B. „teilweise Wucherpreise“. Folgerichtig wenden sich beide Medizinethiker gegen das Vorhaben der Unionsparteien, mit einem neuen Strafrechtsparagraphen geschäfts- oder gewerbsmäßige (oder auch jede Form „organisierter“) Suizidhilfe in Zukunft zu kriminalisieren.

Diese liberale Position wurde vor anderthalb Monaten durch ein neu gegründetes humanistisches Bündnis für Selbstbestimmung bis zum Lebensende der Öffentlichkeit vorgestellt. In den zehn Leitsätzen des Bündnisses heißt es, dass keine Notwendigkeit für eine neue strafrechtliche Verbotsregelung besteht. Die Suizidhilfe wird bei einem freiverantwortlichen Sterbewilligen, der die Tat selbst ausführt, derzeit nicht bestraft – und so soll es laut Bündnis prinzipiell auch bleiben.

Dammbruch-Argumente überzeugen nur auf den ersten Blick

Als Begründung für das vorgesehene neue Verbot geben die Befürworter „Machenschaften“ oder „Geschäftemacherei“ von Suizidhilfe-Organisationen an. Gemeint ist dabei in erster Linie der Verein SterbehilfeDeutschland. Zudem wird ein drohender „Dammbruch“ mit massiver Druckausübung auf alte und kranke Menschen an die Wand gemalt. Das Argument lebt von der begründeten Angst, dass im Gesundheits- und Pflegewesen alles beständig schlimmer werden wird. Doch wieso sollte ausgerechnet das selbstbestimmte Sterben-wollen daran schuld sein bzw. darunter „zu leiden“ haben, in dem es versagt wird?

Dazu sagte Ralf Jox, Leiter des Arbeitsbereichs „Klinische Ethik“ an der Medizinischen Fakultät der Ludwig-Maximilians-Universität München, im Interview mit dem Deutschlandfunk: „Diese Dammbruchargumente sind sehr überzeugend auf den ersten Blick. Letztlich halten sie aber oft nicht stand, denn sie beruhen ja alle darauf, dass man sagt: Wenn wir jetzt etwas einführen, dann kommen wir auf eine schiefe Ebene und dann passiert das und jenes und wir enden dann irgendwo, wo wir es gar nicht wollen. Alle Untersuchungen, die es gibt aus Ländern, die das eben eingeführt haben, zeigen, dass es keinen Dammbruch gibt. Insofern ist das in gewisser Weise ein emotional unfairer Appell an die Angst der Menschen, dass alles schlechter wird. An diesen Pessimismus.“

Allerdings scheint Jox bei den von ihm geforderten staatlichen Rahmenbedingungen für (ärztliche) Suizidhilfe auch eine Verankerung im Strafrecht nicht auszuschließen. Wie würde das zusammenpassen damit, dass er eine Gegenposition zu geplanten neuen strafrechtlichen Verboten vertritt?

Des Rätsels Lösung: Jox kommt aus der klinischen Praxis der Ethikberatung, wie der Beitrag im Deutschlandfunk einleitend beschreibt. Dort ist er in sehr vielen Gesprächen mit ärztlichen Kolleginnen und Kollegen zu der Überzeugung gelangt, dass diese heute mehr denn je verunsichert sind, wie weit sie dem Todeswunsch eines sterbewilligen Schwerleidenden entgegenkommen können und was andererseits eindeutig verboten wäre.

Mit Strafrechtsparagraphen zur Dynamisierung der Suizidhilfe?

Tatsächlich kann man anhand eines Strafrechtsparagraphen zur Suizidhilfe, der bestimmte Bedingungen von Rechtswidrigkeit beschreibt, Rückschlüsse ziehen, was in der Praxis umgekehrt erlaubt bzw. geduldet ist oder sogar geboten erscheint. Insofern könnte ein neuer Strafrechtsparagraph paradoxerweise in eine ganz andere Richtung weisen: Nämlich zu einer Dynamisierung der Suizidhilfe. Jox formuliert das so: „Ich bin sozusagen durchaus für eine Verschärfung der Rechtslage auf dem Papier, aber indem es klare Bedingungen formulieren würde, wann eine Suizidhilfe erlaubt ist, würde das Gesetz die Praxis ethisch verbessern (…) Also es würde sagen, einzelne Patienten dürfen das, wenn sie sich wirklich autonom dafür entscheiden.“

Nach Meinung von Jox ist das Problem, „dass wir eben aktuell keinerlei Richtlinien, Sorgfaltskriterien, Bedingungen haben, weshalb ich glaube, dass wir in Deutschland ein Gesetz bräuchten, was klare Richtlinien vorgibt (...) es würde eine gewisse Wildwest-Sterbehilfe, wie sie meiner Ansicht nach praktiziert wird in Deutschland, doch einschränken."

Ebenso wie Jox reiht sich auch Urban Wiesing, Direktor des Instituts für Ethik und Geschichte der Medizin der Eberhard Karls Universität Tübingen, in die Reihe derjenigen ein, die sich gegen die Pläne von Bundesgesundheitsminister Hermann Gröhe (CDU) zur Kriminalisierung der Suizidhilfe wenden. Mit einem – nicht ganz – neuen Vorschlag zur Suizidhilfe hat Wiesing dafür plädiert, die organisierte Suizidhilfe in die Hände der Ärzteschaft zu legen – im optimalen Fall, aber er kann sich offenbar auch alternative Organisationsformen vorstellen.

Mit dieser Forderung stellt sich der Arzt und Medizinethiker vor allem gegen die Vorgaben einer Musterberufsordnung der Bundesärztekammer, welche die ärztliche Suizidhilfe standesrechtlich verbieten wollte – was aber in sieben Landesärztekammern nicht gelungen ist, in den 10 anderen hingegen schon. Bemerkenswerter Weise war Wiesing, heute unter anderem Mitglied des Medical Ethics Committee des Weltärztebundes, bis 2013 selbst Vorsitzender der Zentralen Ethikkommission bei der Bundesärztekammer.

Für organisierte Suizidhilfe – durch Ärztekammern

„Die Ärztekammern wären bestens geeignet, Beihilfe zum Suizid zu organisieren“, schrieb Urban Wiesing in der vorletzten Ausgabe der Wochenzeitung DIE ZEIT. Mediziner sollten auf freiwilliger Basis Sterbehilfe leisten dürfen und der Staat habe strenge Regeln gestalten, um Missbrauch zu verhindern.

Wiesing weiter: „Wenn ein Bürger unerträglich leidet, alle medizinischen Optionen ausgereizt hat und aus freien Stücken nach Hilfe beim Suizid sucht, sollte er einen vertrauensvollen und kompetenten Ansprechpartner haben. Dieser muss ausschließen können, dass der Wunsch einer affektiven Kurzschlussreaktion entspringt oder Folge einer behandelbaren Depression ist. Auch eine unzureichende Schmerztherapie muss ausgeschlossen werden. Jede Sterbehilfeorganisation sollte in detaillierter Dokumentation Rechenschaft ablegen und so zur Transparenz beitragen (…) In Deutschland findet Beihilfe jetzt schon ohne Zweifel statt (wie auch alle anderen Formen der Sterbehilfe). Nur wissen wir nichts darüber. Organisierte Beihilfe zum Suizid ermöglicht, zumindest einen Teil der Defizite zu beheben.“

Im Interview mit der taz machte Wiesing deutlich, dass die Politik mit Abwehr auf die Ansprüche der Bürgerinnen und Bürger nach Pluralität und Individualität in der modernen Gesellschaft reagiert – und damit in Deutschland als Gesetzgeber vor folgendem Problem steht: „Die Stimmen gegen jegliche Form organisierter Sterbehilfe speisen sich vor allem aus der Ablehnung des Suizids an sich. Der ist aber nicht Gegenstand der anstehenden Entscheidung, und über ihn zu verhandeln überschreitet die Befugnisse des Parlaments.“

Wiesing formuliert dort seine Rechtsauffassung wie folgt: „Der Staat hat sich zu den Fragen, wie Menschen wohlüberlegt sterben wollen, nicht zu äußern. Er hat jedoch für Bedingungen zu sorgen, dass dies ohne Missbrauch und ohne Bedrängung geschieht, dass voreilige, affektiv überlagerte Entscheidungen vermieden werden. Den unterschiedlichen Einstellungen der Bürger zu Tod und Sterben hingegen hat er mit Neutralität zu begegnen. Wir leben nicht in einem Gottesstaat.“