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Religionssoziologe: „Viele Werte haben sich von ihrem religiösen Ursprung gelöst, sofern sie jemals einen hatten“

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Immer weniger Gläubige, immer weniger Kirchenmitglieder: Die Säkularisierung schreitet in Europa anscheinend unaufhaltsam voran. Spielt die sich ausbreitende religiöse Indifferenz den säkularen Weltanschauungsgemeinschaften in die Hände? Der Soziologe Gert Pickel sagt: das Gros der Konfessionsfreien hat kein Interesse an „großen“ und „letzten“ Fragen.
Dienstag, 14. Januar 2014
Foto: FFRF

Gert Pickel ist seit 2009 Inhaber der Professur für Religions- und Kirchensoziologie an der Universität Leipzig und erforscht die wachsende Gruppe der Konfessionsfreien. In dieser Woche spricht er in München zum Auftakt einer Veranstaltungsreihe der christlichen Eugen-Biser-Stiftung zum Thema „Religion, Konfessionslosigkeit und Atheismus in der gegenwärtigen Zeit“.

Herr Prof. Pickel, am Donnerstag werden Sie einen Vortrag über Religion, Religionslosigkeit und Atheismus in der deutschen Gesellschaft halten. Könnten Sie ganz kurz die heutige Lage skizzieren?

Die heutige Lage ist geprägt durch zwei große Prozesse: Säkularisierung und religiöse Pluralisierung. So hat sich zum einen die Zahl der Mitglieder von Religionen erhöht, die vor Jahrzehnten noch kaum einen Stand in Deutschland hatten. Der Anteil der Muslime wird auf zwischen fünf und acht Prozent geschätzt und mittlerweile leben auch 1,8 Millionen Mitglieder der christlich-orthodoxen Kirche in Deutschland. Man kann davon ausgehen, dass die Anteile der Mitglieder dieser Religionsgemeinschaften in der Zukunft noch weiter zunehmen werden. Gleichzeitig findet seit ungefähr vier Jahrzehnten ein noch dynamischerer Prozess statt, den man gemeinhin unter Säkularisierung fasst. Er drückt sich durch eine stetig sinkende Zahl an Kirchenmitgliedern, Teilnehmern an religiösen Praktiken aber auch sich als religiös einschätzender Personen aus. Spiegelbildlich hat in Deutschland in den letzten Jahren die Gruppe der Konfessionslosen (oder Konfessionsfreien) die Gruppen der Mitglieder der evangelischen oder der katholischen Kirche überholt und ein Drittel der Bevölkerung überstiegen. Dabei besitzt sie einen deutlichen Schwerpunkt in Ostdeutschland.

Ließe sich die Gruppe der Konfessionsfreien mit bspw. der Gruppe der Nichtwähler vergleichen?

Ein wenig schon. So werden die Mitglieder dieser Gruppe zwar in der Regel gemeinsam identifiziert, sie umfassen aber eine große Bandbreite an unterschiedlichen Personen mit unterschiedlichen Motiven der Konfessionslosigkeit und unterschiedlichen Wertvorstellungen. 

Was sind denn die maßgeblichen Gründe dafür, dass Menschen, um noch kurz im Bild zu bleiben, auf ihr „Wahlrecht“ verzichten?

Das Gros der Konfessionslosen zeichnet sich durch ein relativ starkes Desinteresse an Religion im Allgemeinen aus. Es benötigt Religion einfach nicht für den Lebensalltag und sieht dies nicht als ein Defizit. Dies belegen verschiedene Umfrageergebnisse. Auch die Haltung gegenüber der Institution Kirche ist vorwiegend negativ – sie wird weitgehend als Herrschaftsinstitution gesehen. Allerdings spielt diese Ablehnung eine eher untergeordnete Rolle für das Grundverständnis der Konfessionslosen, entscheidend ist, dass sie Religion für ein modernes Leben als nicht mehr bedeutsam ansehen. Um ebenfalls im Bild zu bleiben, sie sehen keinen Effekt aus ihrem Wahlverhalten und empfinden es als nutzlos.

Und was sind die Hauptmotive derjenigen, die aus ihrer Kirche austreten?

Der Kirchenaustritt ist für die meisten Austretenden eine Mischung aus einer bereits länger vorherrschenden Abwendung von Kirche und Religion im Allgemeinen und einem Einzelereignis, welches einem dazu bringt diesen Schritt zu vollziehen. Gerade der Wandel des Klimas gegenüber Religion in der Gesellschaft kommt hier den Austrittswilligen entgegen, wird es doch leichter den Schritt des Austritts zu vollziehen, wenn der früher vorherrschende soziale Verpflichtungscharakter nachlässt, was in den letzten Jahrzehnten kontinuierlich der Fall ist. In einer „Kultur der Konfessionslosigkeit“ wie in Ostdeutschland ist dies überhaupt keine Diskussion wert.

In den alten Bundesländern waren 2008 rund 16,5 Prozent der Bevölkerung ohne konfessionelle Bindung. Der Wert in den neuen Bundesländern lag damals bei etwa 74 Prozent. Gibt es weitere bemerkenswerte Unterschiede zwischen den beiden Regionen?

Beide Regionen Deutschlands unterscheiden sich auch weiterhin sehr stark hinsichtlich ihrer religiösen Praktiken und Einstellungen, aber natürlich dies vor allem aufgrund der unterschiedlichen Mitgliedschaftsverhältnisse. Hat man es in Ostdeutschland mit einer sich nun über Generationengrenzen stabilisierenden „Kultur der Konfessionslosigkeit“ zu tun, so findet sich in Westdeutschland noch eine recht verbreitete „Kultur der Konfessionsmitgliedschaft“. Letztere muss sich dabei nicht in regelmäßigem Kirchgang oder großer Frömmigkeit ausdrücken. Es gehört in vielen Gebieten Westdeutschlands noch dazu, zur Kirche zu gehören. Dies baut sich aber in den letzten Jahrzehnten ab. So findet derzeit eher eine Annäherung Westdeutschlands an Ostdeutschland als die – noch 1989 seitens der christlichen Kirchen erwartete – Annäherung Ostdeutschlands an Westdeutschland statt.

Kirchenkritische Vereine haben heute vor allem in den alten Bundesländern Zulauf. Was sind Ihrer Beobachtung nach die maßgeblichen Motive derjenigen, die sich auf Basis ihrer atheistischen oder agnostischen Haltung zusammenschließen?

Hierüber gibt es bislang wenig gesicherte Informationen. Ziemlich sicher ist, dass der Zulauf in Relation zur Zahl der Konfessionslosen eher übersichtlich ist. Da die meisten Konfessionslosen Religion nicht als wichtig für ihr Leben erachten und sich gleichzeitig in Deutschland daraus für sie kaum Probleme im Lebensalltag ergeben, ist ihr Interesse an organisierter Antikirchlichkeit eher gering. Warum auch, wenn der ganze Bereich eher von sekundärer Bedeutung für das eigene Leben ist? Diejenigen, die sich engagieren, dürften neben dezidiert eher weltanschaulich-politischen Positionen vor allem durch Skandale und  aus ihrer Sicht unberechtigte Vorteile der Großkirchen dazu motiviert sein.

Wenn man aus nichtreligiöser Perspektive nun die Entwicklung der Religionsgemeinschaften in Deutschland sieht, fällt es auf, dass vor allem die Gruppen „lebendig“ sind, die mit – aus meiner Sicht – Ambitionen, Ideen und Zielen auftreten, welche dem freiheitlichen Gemeinwesen entgegenstehen. Ich denke hier etwa an die Vereine, die sich als „Lebensrechtler“ bezeichnen. Welche Rolle spielen sie aus Ihrer Sicht bei den Verschiebungen zwischen dem kirchlich gebundenen Teil der Bevölkerung und den Konfessionsfreien?

Hier ist am Beispiel der Gruppe, von denen es ja viele gibt, zu diskutieren, inwieweit und ob die jeweilige Gruppe wirklich dem freiheitlichen Gemeinwesen entgegensteht oder auf dem Boden des Grundgesetzes einfach andere politische und „moralische“ Positionen einnimmt. Aber sicher existieren hier stark konservativ bzw. teilweise dogmatisch ausgerichtete Gruppen – auch als Flügel innerhalb der Großkirchen. Sie weisen in der Tat oft eine stärkere Extrovertiertheit aus als der „normale Gläubige einer Großkirche“. Dabei handelt es sich in Deutschland aber immer noch eher um Randgruppen. Gleichzeitig findet sich gerade innerhalb der Kirchengemeinden und in ihrem Umfeld ein überdurchschnittlich hohes soziales und zivilgesellschaftliches Engagement. Da allerdings eher liberale bzw. „laue“ Christen ihrer Kirche den Rücken kehren, besteht langfristig natürlich die Möglichkeit einer stärkeren Polarisierung zwischen „Säkularen“ und eher „dogmatisch Religiösen“.

Besitzen nichtreligiöse Menschen ein funktionales Äquivalent zu den religiös begründeten  Wertemustern? Welche Faktoren stiften ihre inhaltliche oder auch organisatorische Verbindung, falls es dieses gemeinsame Wertemuster nicht gibt?

Verschiedene Grundwerte, wie Solidarität, Toleranz, Freiheit stehen mittlerweile in keinem Verhältnis mehr zu Religiosität oder Nichtreligiosität. Hier unterscheiden sich die Bürger in den modernen Industriegesellschaften kaum mehr voneinander. „Zivilreligiöse“ Äquivalente finden sich in diesen Werten oder aber der Ausrichtung auf demokratische Werte. Transzendentes ist hier genauso wenig notwendig wie Immanentes.  Die „Atheisten“ selbst identifizieren sich kaum mit anderen „Atheisten“, da dies für sie aufgrund des Desinteresses am notwendigen Gegenüber „Religion“ kaum notwendig oder sinnvoll ist. Wenn, versteht man sich höchstens in einer gemeinsamen Abgrenzung diesen gegenüber. Aber dafür ist den meisten alles Religiöse oder Spirituelle bzw. Weltanschauliche lebenspraktisch zu unwichtig. Schon ein gemeinsames Verständnis als „Atheist“ würde die meisten Konfessionslosen wohl nicht teilen.

Welche Instanzen bzw. welche Akteure tragen denn die Wertebildung bei den Konfessionsfreien in den neuen Bundesländern? Ist Konfessionslosigkeit, wie Sie es nennen, mit einem automatischen Werteverlust verbunden?

Nein, wie oben bereits gesagt, haben sich viele Werte von ihrem religiösen Ursprung gelöst, sofern sie jemals einen hatten. Verschiedene Grundwerte beruhen auf anderen kulturellen Normen in der Gesellschaft und sind entweder allgemein akzeptiert und legitimiert – oder eben nicht.

Der Religionswissenschaftler Michael Blume hat in den vergangenen Jahren immer wieder darauf hingewiesen, dass Säkularisierung sich laut Forschung deutlich auf die demographische Entwicklung einer Gesellschaft bzw. gesellschaftlicher Gruppen auswirkt. Wie sehen Sie das?

Grundsätzlich steigt die Nähe zur Familienbildung mit dem Grad an Religiosität an. Gleichzeitig sind die Unterschiede zwischen den meisten Kirchenmitgliedern, die sich mittlerweile doch oft nur noch eher lose an die kirchlichen Normen im Familienbereich gebunden fühlen, und den Konfessionslosen eher marginal. Inwieweit es sich hier um ein wirklich bedeutendes Erklärungsmoment des demographischen Wandels handelt, ist aus meiner Sicht eher fraglich. Andere Aspekte wie etwa verlängerte Ausbildungszeiten, Urbanisierung und der Arbeitsmarkt sind hier vermutlich wichtiger.

Gibt es denn aus Ihrer Sicht sonst irgendetwas, das mit Ausnahme des religiösen Glaubens und der damit verbundenen Phänomen wie etwa „Kirche“, unter den Konfessionsfreien „fehlt“, sehen Sie die Abwesenheit eines sinnvollen oder notwendigen funktionellen Äquivalentes?

Konfessionslose sind – und sehen sich – in Deutschland genauso wenig defizitär, wie dies auf der anderen Seite für Konfessionsmitglieder der Fall ist. Man kann es als eine Facette der auch andere Lebenshaltungen betreffenden Pluralisierung der Lebensstile verstehen.

„Religiöse Indifferenz“ prägt laut allen Befunden einen großen Teil der Konfessionsfreien. Für mich liest sich das auch so: es gibt hier kein Interesse mehr an den „großen“ bzw. „letzten“ Fragen. Ist diese sogenannte religiöse Indifferenz nicht auch eine weltanschauliche Indifferenz?

Dies ist richtig, das Gros der Konfessionslosen hat kein Interesse an „großen“ und „letzten“ Fragen. Nun ist es eine empirische Frage, inwieweit die religiöse Differenz eine weltanschauliche Differenz darstellt, da unter Weltanschauungen aber auch politische Ideologien und Richtungen verstanden werden, wäre dies vermutlich eine zu starke Erweiterung der Annahme. Man kann religiös indifferent sein, aber sehr wohl Sozialist.

Inwieweit können die neuen Bundesländer eigentlich als repräsentativ für Entwicklungen in den alten Bundesländern gelten?

Die neuen Bundesländer sind natürlich nicht repräsentativ für die alten Bundesländer, haben sie doch bis 1989 zumindest einen spezifischen historischen Erfahrungsstrang, der für die alten Bundesländer und auch andere Länder Westeuropas so nicht existiert. Die heutige Situation hängt stark mit dem Sozialismus und seiner Haltung zu Religion zusammen. Zum Sonderfall wird es auch, wenn man das spezifische Zusammenkommen von politischer Repression gegen die Kirchen und Religion bis 1989, die vermutlich geringere Widerstandskraft der evangelischen Kirche gegen diese Repression und die dann folgende beschleunigte Modernisierung berücksichtigt.

Gleichzeitig ist es natürlich nicht ausgeschlossen, dass die derzeitige Situation in Ostdeutschland beispielhaft für auch andere Gebiete und Länder sein kann, wenn die Säkularisierungsbewegungen – und vieles deutet zumindest in Westeuropa darauf hin – weiterlaufen. So finden sich in den Niederlanden mittlerweile ebenfalls schon über 60 Prozent Konfessionslose, Tendenz steigend. Dies wird sicherlich vielerorts noch dauern und ist zudem von der Entwicklung der sozialen, ökonomischen und kulturellen Rahmenbedingungen abhängig. Auf jeden Fall wird das Bild diesbezüglich in den nächsten Jahren bunter werden, sowohl was die Zusammensetzung von Konfessionslosen und Konfessionsmitgliedern angeht als auch in den Differenzierungen innerhalb dieser Gruppen.

Herr Prof. Pickel, vielen Dank für Ihre Zeit.