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Brainstorming im Zeichen der Evolution

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Im Rahmen des Evokids-Projekts fand am letzten Wochenende in Gießen der Kongress „Evolution in der Grundschule“ statt. Das Institut für Biologiedidaktik der Universität Gießen lud in Kooperation mit der Giordano-Bruno-Stiftung als Veranstalter Lehrer, Eltern und Interessierte zum kreativen (Quer-)Denken in die Hermann-Hoffmann-Akademie ein.
Samstag, 7. Dezember 2013

Auf die spannenden, mit vielen Beispielen untermauerten Ausführungen von Ulrike von Chossy folgte die offizielle Präsentation des Evokids-Projekts. Michael Schmidt-Salomon wies darauf hin, dass die Kampagne unter keinen Umständen mit Religionskritik vermischt werden solle. Gepa Schwickerath, die als Grafikerin des Evokids-Projekts fungiert, berichtete von den bohrenden Fragen ihrer Tochter, die die Kommunikationsdesignerin schließlich zur Mitarbeit motivierten. Im Zuge ihres Vortrags wurden erste Produkt- und Gestaltungsideen vorgestellt, wie beispielsweise Zeitband und Zollstock zur Visualisierung von Zeitdimensionen.

Den Abschluss des ersten Kongresstages bildete der öffentliche Vortrag „Menschenaffen wie wir“ des Anthropologen Volker Sommer, der im großen Hörsaal der Akademie stattfand und von fast 200 Gästen besucht wurde. Die Begrüßung des Publikums mit „Liebe Mitprimaten…“ ebnete den Weg für einen sehr lehrreichen Vortrag, der die Ähnlichkeit zu unseren nächsten Verwandten auf emotionale Weise betonte. So falle es den Menschen zwar meistens leicht, Ähnlichkeiten auf physiologischer Ebene zu erkennen, kognitive und affektive Bereiche würden jedoch vielen Probleme bereiten. In diesem Zusammenhang betonte der Referent, es sei ein gutes Vorgehen „mit Augenmaß zu anthropomorphisieren“. Anhand bestechender Bilder und überzeugender Videos wurden zahlreiche Beispiele für die Menschlichkeit der anderen Primaten dargestellt: Die Nutzung und Bearbeitung von Werkzeugen zum Sammeln von Honig, Knacken von Nüssen, Angeln von Ameisen, die Selbstmedikation bei Durchfallerkrankungen durch das Schlucken von Blättern, das Verstehen von Regeln bei Computerspielen, Fotografisches Erinnern und vieles mehr.

Auch wenn die Deutung dieser Beobachtungen teilweise schwierig und nicht unstrittig ist, gibt es deutliche Hinweise darauf, dass die Primaten Empathie zeigen, um verstorbene Artgenossen trauern, zielgerichtet kooperieren und sich im Spiegel erkennen.

Foto: C. Gilbrich

Die Zukunftswerkstatt lud zur aktiven Mitgestaltung ein: In Kleingruppen wurde lebhaft zu Weiterentwicklung und neuen Ausrichtungen diskutiert. Foto: J. Bäuml

Sommer stellte im Anschluss seine Agenda 2020 vor: Die Erweiterung der „Gattung Mensch“ um Schimpansen und Bonobos, die genetisch näher verwandt mit dem Menschen als mit Gorillas sind. Durch das Hinterfragen von Diskriminierungen solle so eine „Erweiterung der Gemeinschaft der Gleichen“ erreicht werden. Nachdem Herabsetzungen durch religiöse Zugehörigkeit, Rassismus, Sexismus und Heterosexismus zu großen Teilen überwunden wurden, geht es nun um den Speziesismus. Grundrechte für Menschenaffen fordert dabei das „Great Ape Project“. Während der gesamten Tagung wurden im Zuge dieses Projekts von Colin Goldner Fotografien im Foyer der Hermann-Hoffmann-Akademie ausgestellt. Die Aufnahmen zeigen die Situationen der Primaten, die in deutschen Zoos leben und werden von nachdenklich stimmenden Zitaten begleitet.

Sie untermauern die Forderung auf das Recht auf Leben und Heimat, auf körperliche Unversehrtheit sowie auf den Personenstatus auch für diese Primaten. Ein Recht müsse nicht erworben werden, vielmehr wird es zugesprochen, sagte Sommer. Konsequenterweise verabschiedete sich der Referent mit den Worten „Ich bin ein bekennender Menschenaffe und ich bin ein bekennender evolutionärer Humanist. Das ist ein guter Satz.“

Der Sonntagvormittag stand ganz im Zeichen einer Zukunftswerkstatt, in der die verschiedensten Ideen zur Kampagne gesammelt werden sollten. In drei Kleingruppen war von den Teilnehmern Kreativität gefordert, deren Ergebnisse in den anschließenden Präsentationen der jeweiligen „Gruppen-Moderatoren“ vorgestellt wurden. Thomas Junker berichtete von Skepsis innerhalb seiner Gruppe. Es werde mit Widerständen von Seiten der Politik und Elternschaft gerechnet und man solle gezielt an die Interessen der Schüler anknüpfen. Ein ähnliches Bild zeichnete sich auch in der Vorstellung der Ergebnisse der zweiten Gruppe ab, die von der Evolutionsbiologin Sabine Paul moderiert wurde. Man müsse die Schüler – beispielsweise mit einem Urmel-Song – begeistern und gezielt nach Kooperationspartnern suchen sowie die Vernetzung vorantreiben. Der Biophilosoph Eckart Voland präsentierte schließlich die Gedanken der dritten Gruppe, die sich vor allen Dingen für eine stärkere Einbeziehung der Grundschullehrer aussprach. Man müsse Materialien und Unterrichtskonzepte auf Umsetzbarkeit prüfen und zudem über außerschulische Kooperationen nachdenken sowie einen Blick auf die Durchführung von Unterrichtseinheiten zu Evolution in der Grundschule in europäischen Nachbarländern werfen. In der anschließenden Diskussion herrschte Einigkeit darüber, dass man von den Erfahrungen anderer Länder profitieren könne. Eine Teilnehmerin der Tagung, die aus Luxemburg angereist war, berichtete beispielsweise unter großem Interesse des Plenums von der Integration des Themas Evolution in den luxemburgischen Ethik-Unterricht.

Foto: C. Gilbrich

Die offene Abschlussdiskussion bündelte als Endveranstaltung unter der Leitung des Moderators Michael Schmidt-Salomon die Ideen und Anmerkungen der diskussionsfreudigen Tagungsteilnehmer. Foto: C. Gilbrich

Diese fruchtbare Diskussion der unterschiedlichen Ansätze bildete den Schlusspunkt der ersten öffentlichen Evokids-Tagung, in der das Publikum nicht nur Zuhörer war, sondern wertvolle Beiträge zur Weiterentwicklung bestehender Konzepte sowie Denkanstöße für neue Ausrichtungen lieferte. Mitarbeit am Evokids-Projekt ist ausdrücklich erwünscht, sodass in diesem Kontext nun auch ein Wettbewerb angedacht ist, bei dem ein Preis für besonders gelungene Unterrichtseinheiten und Materialien ausgelobt werden soll.

Schmidt-Salomon zeigte sich im Anschluss an die Veranstaltung guter Dinge, dass sich viele Menschen finden werden, die mit Herzblut die Kampagne vorantreiben werden: „Wir wollen evolutionär wachsen und die Nische erobern!“