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Brainstorming im Zeichen der Evolution

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Im Rahmen des Evokids-Projekts fand am letzten Wochenende in Gießen der Kongress „Evolution in der Grundschule“ statt. Das Institut für Biologiedidaktik der Universität Gießen lud in Kooperation mit der Giordano-Bruno-Stiftung als Veranstalter Lehrer, Eltern und Interessierte zum kreativen (Quer-)Denken in die Hermann-Hoffmann-Akademie ein.
Samstag, 7. Dezember 2013
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Etwa 80 interessierte Teilnehmer versammelten sich dafür in der Hermann-Hoffmann-Akademie in Gießen. Der erst vor kurzem in Betrieb genommene Lernort für junge Forscherinnen und Forscher öffnete für die Tagung „Evolution in der Grundschule“ zum ersten Mal seine Pforten. In unmittelbarer Nähe zu einem der ältesten Botanischen Gärten Deutschlands boten die Räumlichkeiten einen passenden Rahmen für die Veranstaltung im Zeichen der Evolution.

Michael Schmidt-Salomon, einer der Initiatoren des Projekts, stimmte mit einer herzlichen Begrüßung im Namen der Giordano-Bruno-Stiftung die Teilnehmer auf das folgende Programm ein. Der erste öffentliche Auftritt zum Evokids-Projekt stellte nach dem Erscheinen des Buches „Urmel saust durch die Zeit“ von Max Kruse im Juli dieses Jahres den zweiten Schritt der Verwirklichung des Vorhabens dar.

Nachdem der Evolutionsbiologe Ulrich Kutschera zum Einstieg des Kongresses von Evolutionsgegnern berichtete, wurden im anschließenden Vortrag von Dittmar Graf, Biologiedidaktiker an der Justus-Liebig-Universität Gießen, prinzipielle Probleme und Chancen eines frühen Evolutionsunterrichts ausgelotet. So seien Schüler sowie Studenten trotz Evolutions-Unterrichts häufig nicht in der Lage, auf grundsätzliches Wissen zurückzugreifen.

Eine Vielzahl an Studien, die sich mit Schülervorstellungen beschäftigen, ermittelten vor allem finalistische Erklärungen für evolutionäre Anpassungen als die prominenteste Fehlvorstellung. Auch die Einschätzung zeitlicher Dimensionen falle Schülern häufig schwer: So werde der Anteil der Erdgeschichte, in der wir Menschen existieren, meistens maßlos überschätzt.

Foto: Cornelia Gilbrich

Dittmar Graf brachte die derzeitige Situation auf den Punkt: „Unterricht schafft es gegenwärtig nicht, Verständnis von Evolution aufzubauen und Akzeptanz zu fördern.“ Foto: C. Gilbrich

Während der Religionsunterricht die Kinder und Jugendlichen oft ihre gesamte Schullaufbahn begleite, stelle Evolution in den derzeitigen Lehrplänen ein typisches „End-Thema“ dar, was aus didaktischer Sicht problematisch erscheine. Anstatt am Ende der Schulzeit alle anderen Themen unter dem Aspekt der Evolution zu bündeln, würde es sich anbieten, Evolution als Leitthema des gesamten Biologieunterrichts zu nutzen, in das man alle anderen Themen einordnen könne. Derzeit gebe es allerdings für Grundschullehrer keine entsprechende Ausbildung, sodass vermutet werden kann, dass eine Angst vor der Umsetzung besteht. Graf machte deutlich, dass die Kampagne nur gelingen könne, wenn es entsprechende Fortbildungsangebote gäbe. Dabei zeige sich jedoch vor allem bei jungen Schülern eine große Interessiertheit an Evolution, was eine hervorragende Grundlage für einen frühzeitigen Evolutionsunterricht biete.

Die frühe Vermittlung von Grundprinzipien der Evolutionstheorie hält auch Anuschka Fenner, ebenfalls Biologiedidaktikerin, auf Grundlage ihrer Forschung für sinnvoll. Die Studienrätin im Hochschuldienst untersuchte in ihrer Dissertation die Vorstellungen zu Evolutionsmechanismen bei Schülern der 5. und 6. Klasse. Mit Hilfe einer Interventionsstudie konnte sie zeigen, dass das Verständnis durch gezielten Unterricht verbessert werden kann, wodurch innerhalb ihrer Studie gleichzeitig die Akzeptanz der Evolutionstheorie gesteigert werden konnte. Wichtig sei hierbei jedoch vor allem das Anknüpfen an Alltagsvorstellungen der Schüler, um sie dort abzuholen, wo sie stehen.

Dass Evolution auch außerhalb der Schule ein Thema ist, das viel bewegen kann, zeigten die Doktorandinnen Julia Brennecke und Anne Spitzner, die Hans-Peter Ziemek vom Institut für Biologiedidaktik in Gießen vertraten. Ihr lebendiger Vortrag „Evolutionsbiologie im öffentlichen Raum“ berichtete von zwei Ausstellungen, die 2010 und 2012 in der Gießener Innenstadt stattfanden. Um die Innenstadt attraktiver zu gestalten wurden über 60 Dinosaurier-Modelle mit Tiefladern und Helikoptern nach und innerhalb von Gießen transportiert. Nachdem deutlich wurde, dass die Passanten sich Informationen zu den Giganten der Urzeit wünschten, war die Biologiedidaktik gefragt. Unter dem Motto „Dinos in Gießen entdecken“ wurden studentische Dino-Patrouillen ins Leben gerufen, die die Besucher auf Führungen mit Details zu den Dinosauriern versorgten. Mit insgesamt 250 Führungen binnen dreier Monate, speziellen Kinder-Vorlesungen und vielen weiteren Rahmenveranstaltungen konnte die Ausstellung insgesamt als großer Erfolg gewertet werden. „Das Besondere an dieser Ausstellung war, dass man jeden auf der Straße mit Aspekten der Evolution konfrontiert und so Begeisterung und Interesse für das Thema wecken konnte“, so Julia Brennecke.

Foto: Cornelia Gilbrich

„Das, was die Naturwissenschaft erzählt, ist phantastischer und emotionaler als jeder Mythos“, betonte Ricarda Hinz mit ihrer Dokumentation der farbenfrohen Wandbemalung einer Düsseldorfer Grundschule. Foto: C. Gilbrich

Konsequenterweise folgte zwei Jahre später die zweimonatige Ausstellung „Urzeit in Gießen entdecken. Was nach den Dinosauriern kam“. Wieder fanden sich um die 60 Exponate in der Innenstadt, anhand derer man nun die Evolution vom Erdmittelalter bis zur Neuzeit nachverfolgen konnte. Innerhalb dieser Zeit engagierten sich Studenten als Urzeit-Guides in insgesamt 350 Führungen durch die Erdzeitalter. Auch diese Ausstellung wurde wieder von einem ausführlichen Rahmenprogramm begleitet. Zudem konnte im Wallenfels'schen Haus des Oberhessischen Museums die Sonderausstellung „Durch Steppe und Eiszeit – Wie wir wurden, was wir sind“ viele Interessierte anlocken. Neben der Bereitstellung von Informationen für Besucher werde durch die Einbindung der Studenten in Planung und Durchführung gleichzeitig das Prinzip „Lernen durch Lehren“ verfolgt, welches sich auch die Hermann-Hoffmann-Akademie für junge Forscher auf die Fahnen geschrieben hat. Ein nachhaltiges Ergebnis dieser Ausstellungen ist die Urzeitwerkstatt der Hermann-Hoffmann-Akademie, die auch am Tagungswochenende zur Besichtigung und zum Mitmachen einlud.

Die Filmemacherin Ricarda Hinz berichtete im Anschluss von einem Projekt an der Theodor-Heuss-Grundschule in Düsseldorf, in dem die Evolution vom Urknall bis zum heutigen Düsseldorf auf einer 50 Meter langen Wand in Gestalt eines kunterbunten Kunstwerkes einen Flur schmückt. In Filmausschnitten wurde dokumentiert, wie die Kinder unter Hilfestellung des Künstlers Jacques Tilly die Wand gestalteten. Mittlerweile werde diese Wandbemalung auch als Lernort für Schüler anderer Schulen genutzt und Ricarda Hinz betonte, dass das Thema Evolution für junge Schüler zum einen interessant und zum anderen nicht zu abstrakt sei.


„Es ist unglaublich spannend, wenn die Kinder anfangen zu forschen, Hypothesen aufstellen und überprüfen“, berichtete Ulrike von Chossy. Die Managerin der ersten und derzeit einzigen Humanistischen Grundschule in Fürth erklärte, dass es der Leitgedanke der Schule sei, die Kinder dazu zu befähigen, sich des eigenen Verstandes zu bedienen. Dazu erläuterte sie die Prinzipien der humanistischen Pädagogik, die sich mit Werten und Gefühlen auseinandersetzt, personenzentriert ist und Abstand von jeglicher Missionierung nimmt. Jeder sei an der Schule willkommen und die Vermittlung absoluter Wahrheiten werde abgelehnt. Das Philosophieren mit den Kindern fördere die Ausbildung kritischen und eigenständigen Denkens, sodass die Schüler dazu befähigt werden, ihre eigenen Schlüsse zu ziehen. Die Individualität der Kinder spiegelt sich daher auch in den Unterrichtsmethoden wider: Niemand muss das gleiche denken, wissen, glauben oder machen wie die anderen.