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Auch den Trauernden etwas mitgeben

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In einer bundesweit bislang einzigartigen Initiative gestalten seit September Christen und Humanisten in Osnabrück gemeinsam einen würdevollen Abschied für Verstorbene ohne Angehörige. Das Modell könnte auch in weiteren Städten Schule machen.
Sonntag, 1. Dezember 2013
Heide Lewandowsky von den Humanisten in Niedersachsen und Diakon Gerrit Schulte. Foto: © Reinhard Brune (Osnabrück)

Heide Lewandowsky von den Humanisten in Niedersachsen und Diakon Gerrit Schulte. Foto: © Reinhard Brune (Osnabrück)

Familienstreitigkeiten, Scheidungen, psychische Erkrankungen, Alkoholsucht, Schulden oder schlicht Kinderlosigkeit. Ursachen dafür, dass nach dem Tod eines Menschen keine Hinterbliebenen auffindbar sind, die für eine Bestattung sorgen, kann es viele geben. In so einem Fall organisiert das kommunale Ordnungsamt die Beisetzung. In Osnabrück gab es 80 dieser Bestattungen im vergangenen Jahr. Nun haben sich hier Christen und Humanisten für einen ganz besonderen Zweck zusammengetan: Sie erweisen den einsamen Toten in gemeinsamen Trauerfeiern die letzte Ehre.

Als Christ und Bürger der Stadt fühle er sich verpflichtet, „Menschen nach ihrem Tod nicht einfach spurlos verschwinden zu lassen, sondern noch einmal an sie zu denken“, erklärt Thomas Herzberg dazu. Der Pastor der evangelisch-lutherischen Martinsgemeinde Hellern ist einer der Initiatoren der gemeinsamen Trauerfeiern, mit denen die Verstorbenen in würdiger Weise beigesetzt werden. Herzberg sagt, niemand soll dabei religiös vereinnahmt werden. Deshalb sprechen für Verstorbene, die keiner christlichen Kirche angehören, in Osnabrück nun Redner der niedersächsischen Humanisten.

Foto: privat

Thomas Herzberg. Foto: privat

Herzberg berichtet, dass der Anstoß von einem Mitglied des diakonischen Betreuungsvereins in der Stadt, Dieter Dirkoben, gekommen war. Dirkoben betreute einen Menschen, der keine Angehörigen hatte. Als dieser starb, gab es für den Toten keine Trauerfeier. „Er fand er das so unbefriedigend, dass er begann, selbst zu recherchieren.“ Dirkoben bat schließlich Pastor Herzberg um Unterstützung. „Bald darauf sind wir dann mir der Stadt in das Gespräch gekommen.“

Unterschiedliche Vorstellungen über die Bedeutung des Todes sind in den neuen Feiern kein Hindernis. Denn während für christliche Gläubige der Tod nicht das Ende darstellt, ist er für Heide Lewandowsky der Endpunkt des Lebens. Anfang September führte sie zusammen mit Gerrit Schulte, Diakon im Bistum Osnabrück und wie Thomas Herzberg treibende Kraft hinter dem Projekt, die erste gemeinsam gestaltete Feier durch. In den Trauerfeiern haben nun beide Überzeugungen ihren Platz und dürfen nebeneinander stehen, berichtet sie. „Allein diese Tatsache ist einfach wunderbar und so sehr menschlich“, sagte Heide Lewandowsky. Und für Gerrit Schulte von der katholische Kirche ist es „eine außerordentliche Kulturleistung der Friedensstadt, dass nun niemand mehr ohne würdige Feier und Ritual beerdigt wird.“

So stehen in der Stadt, wo im Jahr 1648 die Verträge über das Ende des Dreißigjährigen Krieges geschlossen wurden, heute Gläubige und Nichtgläubige zusammen für die Erinnerung und die Würde Verstorbener ein, die zuletzt am Rand der Gesellschaft standen.

Die bislang zwischen 65 und 80 Trauergäste bei den bisherigen Feiern seien natürlich ganz unterschiedliche Personen, berichtet Heide Lewandowsky weiter. Arbeitskollegen, Hospiz-Mitarbeiter, Ehrenamtliche aus der kirchlichen Altenpastoral oder anderen Vereinen zählen dazu. Thomas Herzberg: „Einige der Verstorbenen haben zwar keine Angehörigen, aber doch Freundeskreise. Die bringen dann den Kranz und die Kerzen.“ Zu den Gästen zählen aber auch Angehörige oder Verwandte, welche die Kosten für eine Bestattung nicht aufbringen konnten. Laut niedersächsischem Bestattungsgesetz muss ein Verstorbener innerhalb von acht Tagen beerdigt oder eingeäschert werden.

Heide Lewandowsky geht es schließlich nicht nur darum, dass einsamen Toten eine letzte Würdigung zuteil-wird. „Wir wollen auch den Trauernden in der Feier etwas mitgeben. Mir ist es wichtig, dass dieser feste Termin in der Friedensstadt Osnabrück dazu beiträgt, im Leben der Menschen etwas zu verändern, sie wacher werden zu lassen – Einsamen, Kranken und älteren Menschen gegenüber aufmerksamer zu sein und somit der Vereinsamung in unserer Gesellschaft entgegen zu wirken", erklärt sie. Die Feiern in Osnabrück finden nun monatlich statt.

Die Zahl der Ordnungsamtsbestattungen steigt heute an vielen Orten in Deutschland. Ein Grund dafür ist der demografische Wandel. Aber auch zunehmende Altersarmut und eine verschlechterte finanzielle Situation vieler Hinterbliebener bilden die Ursachen. Bereits im Jahr 2008 widmete deshalb das Sozialwissenschaftliche Institut der Evangelischen Kirche in Deutschland der Tatsache, dass immer mehr Menschen einsam und mittellos sterben, eine Untersuchung. Dafür wurden Interviews mit Mitarbeitern des Ordnungs- und Sozialamtes, Bestattern, Friedhofsbetreibern und Geistlichen der Kirchen in einer norddeutschen Großstadt geführt. Die Befragung fand unter anderem heraus, dass die Achtung der Würde des Verstorbenen eher an der Gestaltung der Beerdigung festgemacht wird als an der Gestaltung des Grabes. Und noch wichtiger als die Achtung der Würde von Toten ohne leibliche Angehörige sei für viele der befragten Geistlichen gewesen, dass es eine „Kultur der Erinnerung“ gibt.

Für die Kultur der Erinnerung setzt sich bereits seit 1997 in Köln eine Interessengemeinschaft zur Bestattung obdachloser Menschen ein. Vertreter der evangelischen und der katholischen Kirche kümmern sich gemeinsam mit Hilfsorganisationen für wohnungslose Menschen um eine würdevolle Beisetzung und die Instandhaltung von Grabstätten. Im nordrhein-westfälischen Detmold wurde im März vergangenen Jahres ebenfalls eine ökumenische Initiative für die würdevolle Bestattung von Menschen ohne Angehörige gegründet. Hier gibt es jährlich 40 bis 50 Menschen Ordnungsamtsbestattungen. Und auch in Berlin setzen sich Mitarbeiter der Kirchen seit einiger Zeit dafür ein, dass einsame und arme Tote nicht einfach „entsorgt“ werden.

Ein Vorschlag, ordentliche Trauerfeiern für Ordnungsamtsbestattungen in der Hauptstadt zu ermöglichen, sei vor rund einem halben Jahr beim Senat für Gesundheit und Soziales eingereicht worden, berichtet Bertold Höcker. Er ist Superintendent des Evangelischen Kirchenkreises Berlin Stadtmitte und wünscht sich, dass es zukünftig auch in Berlin monatliche Trauerfeiern für die wachsende Zahl von Verstorbenen ohne Angehörige gibt. Laut Auskunft des Diakonischen Werkes Berlin-Brandenburg-schlesische Oberlausitz bilden „ordnungsbehördlich angeordnete“ Beisetzungen und die Sozialbestattungen rund zehn Prozent aller Bestattungen in Berlin.

Damit hier Trauerfeiern durchgeführt werden können, muss die Stadt unter anderem erlauben, die Konfession von Verstorbenen in Erfahrung zu bringen. Bertold Höcker sagt ebenfalls, dass niemand vereinnahmt werden soll. Trauerfeiern möchte er deshalb zunächst für die Verstorbenen mit christlichem Bekenntnis erreichen. „Bei den Konfessionslosen weiß man nicht, ob und welchem Glauben sie in ihrem Leben tatsächlich anhingen“, erinnert er bei der Frage, ob er sich gemeinsame Feiern nach dem Vorbild aus Osnabrück in Berlin vorstellen kann. Er wartet nun weiter auf grünes Licht vom Senat. Ein Engagement der Humanisten hält auch er schließlich für grundsätzlich sinnvoll. Denn selbst wenn es unmöglich ist, im Nachhinein die religiösen oder weltanschaulichen Überzeugungen eines Verstorbenen ohne Konfession, der zudem keiner rechtlich verfassten Gemeinschaft angehörte, zu ergründen: Einige Menschen, die ihr Leben ohne Orientierung an religiösen Vorstellungen geführt haben, sind ganz gewiss darunter. Ebenso wie unter den Trauernden. Denn auch ihnen sollte die Feier etwas mitgeben.