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Reproduktion: Kern des Nutzens von Religion?

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Innerhalb der Evolutionspsychologie gibt es zwei Lager: Die einen meinen, die Essenz der Religion liege in der Förderung von kooperativem Verhalten und moralischen Normen. Die anderen glauben, die Anziehungskraft von Religion habe vor allem mit Sex und Fortpflanzung zu tun. Wie es scheint, haben Letztere Recht.
Freitag, 8. November 2013
Foto: Blog do Planalto / Flickr / CC-BY-SA

Papst Franziskus – was ist das Geheimnis seiner Kirche? US-Forscher meinen, die Bereitstellung von Umgebungen für vor allem die Menschen, die verbindliche Beziehungen und mehr Kinder wollen.  Foto: Blog do Planalto / Flickr / CC-BY-SA

Die Forscher Jason Weeden und Professor Robert Kurzban von der US-amerikanischen University of Pennsylvania haben dafür eine umfangreiche globale Studie durchgeführt. Ihre Ergebnisse zeigten, dass die Einstellung von Menschen zu Fragen der Sexualmoral weitaus eher in der Lage ist, Vorhersagen über ihre Religiosität zu machen, als ihre Einstellung zu Fragen des kooperativen Verhaltens.

Für die Untersuchung wurden Daten des World Value Survey und der Europäischen Wertestudie ausgewertet, für die mehr als 300.000 Menschen aus über 90 Ländern befragt wurden. Sie enthalten Antworten zu vielen verschiedenen Themen. In einem Abschnitt wurden die Studienteilnehmer gefragt, wie sehr sie davon überzeugt sind, dass bestimmte Verhaltensweisen gerechtfertigt sein könnten.

Die Forscher an der Privatuniversität kategorisierten einige dieser Verhaltensweisen, wie etwa „im eigenen Interesse lügen“, „Eigentum stehlen“ und „Steuerbetrug, wenn man dazu die Gelegenheit erhält“, als Moralvorstellungen im Bereich des kooperativen Verhaltens. Sie wählten andere, beispielsweise zu Themen wie „Abtreibung“, „Sex vor der Ehe“ und „Homosexualität“, als repräsentativ für Moralvorstellungen in Bezug zum Thema Reproduktion.

Die Evolutionspsychologen verglichen die Antworten der Studienteilnehmer in diesen beiden Kategorien mit denjenigen zu ihrer Religiosität, wie etwa ihrem Glauben an einen Gott und die Häufigkeit ihrer Kirchenbesuche.

„Wenn man diesen Vergleich macht, stellt sich heraus, dass die Moralvorstellungen mit Bezug zur Fortpflanzung der große, eindeutige Gewinner sind“, erklärte Jason Weeden. Sobald man weiß, so Weeden weiter, wie Menschen über Dinge wie Schwangerschaftsabbrüche, vorehelichen Sex und Scheidung denken, lerne man nichts Neues über das Ausmaß ihrer Religiosität, wenn man sie fragt, was sie über Lügen und Stehlen denken.

„Es ist klar, dass Menschen in religiösen Gruppen kooperieren“, so Robert Kurzban, „aber es war nie klar, dass religiöse Gruppen kooperativer sind als andere Arten von Gruppen. Man erfährt tatsächlich weit mehr darüber, wer religiös ist, wenn man sie zu ihren Moralvorstellungen über Reproduktion befragt, als zu ihren Moralvorstellungen über Kooperation.“

Die Studie gründet auf Forschungen, die Weeden und Kurzban in den vergangenen Jahren durchführten, in denen es darum geht, wie Menschen Entscheidungen über ihr Verhältnis zur Religion fällen. Die überwältigende Korrelation zwischen Religion und Einstellungen zum Thema Reproduktion belege nach Ansicht der Forscher ihre Hypothese, dass diese den Kern des Nutzens von Religion darstellen.

„Wir sind der Meinung, dass die Mitgliedschaft in einer religiösen Gruppe ein soziales Werkzeug ist – es ist entweder nützlich oder auch nicht“, meint Weeden schließlich. „Was Kirchen tun, vor allem in entwickelten Ländern, ist eine Umgebung bereitzustellen, die denjenigen hilft, die verbindliche Beziehungen und mehr Kinder wollen. Wenn man einen Lebensstil lebt, in dem eine stabile Ehe und viele Kinder wichtig sind, schwächt die Mitgliedschaft in einer Kirche einige der Risiken ab, die mit diesem Lebensstil einhergehen. Wenn man aber auf längere Sicht nicht plant, zu heiraten oder Kinder zu kriegen, ist alles, was man von einer Religion bekommt, ein Bündel an Scherereien. Was in der wirklichen Welt passiert, ist, dass solche Menschen aufhören, zur Kirche zu gehen, selbst wenn sie religiös erzogen wurden.“

Kommentare

Macht oder Konkurrenz

We made the mountains shake with laughter
As we played hiding in our corner of the world
Then we did the demon dance and rushed to nevermore
Threw away the key and locked the door

R. J. Dio (Children Of The Sea)

Das Bewusstsein des Menschen arbeitet mit Worten und Zahlen, das Unterbewusstsein mit Bildern und Metaphern. Das Unterbewusstsein lässt sich programmieren und damit der Kulturmensch durch selektive geistige Blindheit an eine noch fehlerhafte Makroökonomie anpassen, indem elementare makroökonomische Zusammenhänge mit archetypischen Bildern und Metaphern exakt umschrieben und diese dann mit falschen Assoziationen und Begriffen verknüpft werden, an die der Untertan glaubt. Der Glaube an die falschen Begriffe erzeugt eine geistige Verwirrung, die es dem Programmierten so gut wie unmöglich macht, die makroökonomische Grundordnung, in der er arbeitet, zu verstehen; noch weniger kann er über die Makroökonomie, die in den Grundzügen seine Existenz bestimmt, hinausdenken. Diese Technik, die in früheren Zeiten – etwa bis zum 6. vorchristlichen Jahrhundert – noch eine exakte Wissenschaft war und die nur von eingeweihten Oberpriestern betrieben werden durfte, nennt sich “geistige Beschneidung von Untertanen”, bzw. Religion = Rückbindung auf künstliche Archetypen im kollektiv Unbewussten. Auch das, was heute “moderne Zivilisation” genannt wird, entstand aus der Religion:

http://opium-des-volkes.blogspot.de/2013/11/macht-oder-konkurrenz.html

Nicht ganz plausibel

"Die überwältigende Korrelation zwischen Religion und Einstellungen zum Thema Reproduktion belege nach Ansicht der Forscher ihre Hypothese, dass diese den Kern des Nutzens von Religion darstellen."

Ich glaube diese Korrelation lässt sich auch ganz anders erklären: Nämlich damit, dass der Christentum mit seiner rigiden Sexualmoral international sehr weit verbreitet ist. Dass das Christentum so weit verbreitet ist, liegt aber nicht an dessen strenger Sexualmoral (die es übrigens auch in den anderen abrahamitischen Religionen gibt), sondern hat historische Gründe: Da die moderne Zivilisation ihren Ursprung in Europa fand, wo auch das Christentum beheimatet war, verbreitete es sich von dort aus aufgrund von technologischer Überlegenheit, die den Kolonialismus ermöglichte, über große Teile der Welt.

Die Forscher könnten theoretisch trotzdem recht haben. Sie könnten das belegen, indem gezeigt wird, dass die allermeisten Religionen dazu neigen, eine rigide Sexualmoral zu vertreten. Falls das aber nicht der Fall ist, widerlegt das ihre Position sogar.