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„Einer von uns“: EU-Bürgerinitiative von Abtreibungsgegnern auf Zielgerade

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Die Initiative will den Stopp sämtlicher Zahlungen an Projekte in der Entwicklungshilfe, deren Arbeit die Schaffung von legalen und sicheren Wegen zu einem Schwangerschaftsabbruch beinhaltet, erreichen. Auch die Forschung an embryonalen Stammzellen soll nicht mehr finanziell bezuschusst werden.
Freitag, 23. August 2013

Mehr als 900.000 der insgesamt eine Million erforderlichen Unterschriften wurden bereits gesammelt. Auf der Abschussliste der Kampagne „Einer von uns“ stehen Zahlungen der Europäischen Union an gemeinnützige Nichtregierungsorganisationen, die weltweit für die Verbesserung der Gesundheitssituation von Mädchen und Frauen im Bereich Schwangerschaft und Familienplanung arbeiten.

Dazu zählen die 1952 im indischen Mumbai gegründete International Planned Parenthood Federation, zu der unter anderem die deutsche Gesellschaft Pro Familia gehört, sowie die britische Organisation Marie Stopes International. Der Betrieb von sexualpädagogischen Beratungs- und Familienplanungszentren, Aufklärungskampagnen über Geschlechtskrankheiten und die Bereitstellung von Möglichkeiten, eine ungewollte Schwangerschaft sicher und legal abzubrechen, sowie die psychologische Betreuung von Mädchen und Frauen bilden Arbeitsschwerpunkte der Organisationen, die in insgesamt rund 190 Ländern tätig sind.

Bild: Screenshot

Ein Blick auf die Unterstützer der Kampagne zeigt eine illustre Runde an kirchlicher Prominenz: Zwei Päpste, der Kölner Kardinal Meisner wie auch der ehemalige Bundesverfassungsrichter Ernst-Wolfgang Böckenförde und Hartmut Steeb, Generalsekretär der Deutschen Evangelischen Allianz und Vater von zehn Kindern, finden sich.

Dabei wurde die Senkung der Müttersterblichkeit, deren Ursachen vor allem in den Entwicklungsländern unter anderem Jugendschwangerschaften und unsachgemäß durchgeführte Schwangerschaftsabbrüche bilden, im Jahr 2000 von den Vereinten Nationen als 5. Millennium-Entwicklungsziel formuliert. Nach Schätzungen der Weltgesundheitsorganisation WHO im Jahr 2011 entstehen rund 40 Prozent aller Schwangerschaften weltweit ungeplant. Etwa 47.000 Frauen laut WHO sterben jährlich bei illegalen und unter hygienisch prekären Zuständen oft von Laien durchgeführten Schwangerschaftsabbrüchen. Die meisten der laut Bundesministerium für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung (BMZ) weltweit mehr als 350.000 Todesfälle in Folge von Schwangerschaft und Geburt ließen sich durch eine Verbesserung der sexuellen und reproduktiven Gesundheit in Entwicklungsländern vermeiden. „Bei der Verringerung der Müttersterblichkeit, dem Millenniums-Entwicklungsziel 5, sind von allen Millenniumsentwicklungsziele die geringsten Fortschritte zu verzeichnen“, so das BMZ.

Infografik von Marie Stopes International

Infografik von Marie Stopes International

Marie Stopes International schätzt, dass allein durch ihre Dienstleistungen im Jahr 2010 knapp fünf Millionen unbeabsichtigter Schwangerschaften, 13.600 Fälle von Müttersterblichkeit und 1,3 Millionen unsichere Abbrüche von Schwangerschaften verhmieden werden konnten. Rund drei Millionen Euro jährlich erhielt die Organisation von der EU-Kommission dafür in den vergangenen Jahren. Für die Jahre 2011 bis 2013 umfasst das EU-Budget für gesundheitliche Entwicklungshilfe insgesamt 280 Millionen Euro, rund 68 Millionen davon für die Umsetzung des Aktionsprogramms der Weltbevölkerungskonferenz in Kairo von 1994.

Auf der Agenda der Kampagne der Abtreibungsgegner steht außerdem die EU-Förderung der Stammzellforschung, bei der mit dem gegen ungewollte Kinderlosigkeit entwickelten Verfahren der In-Vitro-Fertilisation „im Reagenzglas“ Eizellen befruchtet werden. Nach wenigen Tagen entwickelt sich dabei aus Eizellen eine Blastozyste.

Forschung und Medizin erhoffen sich von der Stammzellforschung „die Möglichkeit zur Schaffung von Gewebeersatz, besonders im Hinblick auf solche Gewebe, die nur ein geringes oder gar kein Regenerationsvermögen aufweisen, wie z. B. Nervengewebe.“ Ziel der Forschung an menschlichen Stammzellen, so das Kompetenznetzwerk Stammzellforschung NRW, ist die bessere „Behandlung von verschiedenen Krankheiten, z. B. neurodegenerativer Erkrankungen wie Morbus Parkinson und Multiple Sklerose, Diabetes mellitus Typ 1 sowie Krankheiten des Herz-Kreislaufsystems.“ Diskutiert werde auch, Zellen „im Rahmen einer Gentherapie etwa zur Wiederherstellung eines zerstörten Immunsystems zum Einsatz zu bringen, etwa in der Therapie der HIV-Erkrankung.“

Über den Status des erst einige Dutzend Zellen großen Embryos urteilte aber im Oktober 2011 der Europäische Gerichtshof: „Jede menschliche Eizelle vom Stadium ihrer Befruchtung an, jede unbefruchtete menschliche Eizelle, in die ein Zellkern aus einer ausgereiften menschlichen Zelle transplantiert worden ist, und jede unbefruchtete menschliche Eizelle, die durch Parthenogenese zur Teilung und Weiterentwicklung angeregt worden ist, ist ein ,menschlicher Embryo‘.“

Das Urteil war der Rückenwind, den die Abtreibungsgegner für ihre Forderung nach einer Einstellung der EU-Zahlungen benötigten. Im Frühjahr sahen Beobachter aufgrund des geringen Wachstums bei den Unterzeichnungen die EU-Bürgerinitiative noch scheitern, jedoch gelang es der Kampagne während der vergangenen Monate, hier deutlich aufzuholen. Gut zwei Monate vor dem Ablauf der Frist zur Unterzeichnung fehlen nur noch rund 80.000 Stimmen, bis sich die EU-Kommission mit den Forderungen wird beschäftigen müssen.