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Zivilisation in der Sackgasse: Leben wir noch artgerecht?

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„Immer schneller, größer, höher“ – Die Herausforderungen der Gegenwart und die Unvernunft des Menschen stehen im Mittelpunkt des September-Vortrages der Reihe Humanistisches Forum München.
Sonntag, 18. August 2013

Nicht wir sollten uns an die heutige Zivilisation anpassen, sondern die Zivilisation an uns – so der Aufruf von Franz Wuketits, Professor für Philosophie und Wissenschaftstheorie an der Universität Wien. Am 23. September wird er in München einen Vortrag über das animale irrationale halten, als welches sich das vermeintliche Vernunftwesen Mensch heute wieder zunehmend entpuppt.

Wuketits, unter anderem Vorstandsmitglied des Konrad-Lorenz-Instituts für Evolutions- und Kognitionsforschung in Altenberg an der Donau, veröffentlichte in den vergangenen Jahren zahlreiche Bücher zu religions- und  zivilisationskritischen Themen. Im vergangenen November ist das Buch „Zivilisation in der Sackgasse: Plädoyer für eine artgerechte Menschenhaltung“ erschienen, in der er sich für umfassende Besinnung auf das „Mensch-Sein“ ausspricht. Nur das könne in der Moderne den Verlust unserer Menschlichkeit im wahrsten Sinne des Wortes verhindern.

Denn bis zu 25 Prozent der Menschen in den zivilisierten Ländern sind Schätzungen zufolge psychisch krank – Stress, Depression, Burnout. Immer mehr Menschen leben in anonymen Ballungszentren, schuften in Großbetrieben ohne Bezug zu den Früchten ihrer Arbeiten, verzichten zugunsten ihres Jobs auf familiäre und heimatliche Bindungen. Die primär ökonomisch geprägte Lebenswelt mit ihrem zunehmenden Tempo und ihren Forderungen nach Flexibilität und Globalisierung überfordern den Einzelnen und widersprechen dem Menschen als Gattung.

Bild: Screenshot / ARD

Vor kurzem berichtete eine ARD-Reportage unter anderem über die Geschäftemacherei mit Menschen, die Wege aus ihrer berufsbedingten Erschöpfung suchen. Bild: Screenshot / ARD

Doch statt sich auf ihre eigenen Möglichkeiten und Grenzen zu besinnen, lassen sich die Menschen zusehends von Größenwahn und Geschwindigkeitsrausch mitreißen. Statt ein seiner Natur gemäßes Mittelmaß anzustreben, agiert der selbsternannte Homo sapiens nach dem verhängnisvollen Motto „alles immer schneller, größer, höher“ und überfordert sich damit selbst.

Die Unvernunft triumphiert in allen Bereichen, im kollektiven Handeln, in der Politik, in der Wirtschaft, so Wuketits. Jene Portion Irrationalität, die sich der Steinzeitmensch leisten durfte, wird seinen Nachfahren in unserer komplexen Welt immer wieder zum Verhängnis. Wie könnten und sollen die Menschen darauf reagieren?

Das sagt der DAK-Gesundheitsreport: Die Krankschreibungen von Arbeitnehmern aufgrund psychischer Leiden erreichten im vergangenen Jahr einen neuen Höhepunkt, so das Ergebnis des DAK-Gesundheitsreports im Februar 2013. Die DAK-Gesundheit wertet seit rund 15 Jahren die anonymisierten Krankschreibungen aller rund 2,7 Millionen erwerbstätigen Versicherten aus. Arbeitsverdichtung, Konkurrenzdruck und lange Arbeitszeiten führen den Ergebnissen des Berichts zufolge zu psychischen Erkrankungen, die nach Muskel-Skelett-Leiden auf Platz zwei der häufigsten Ursache für krankheitsbedingte Fehltage liegen. Zu den Ursachen zählen die in der Studie befragten Ärzte auch, dass es für weniger leistungsfähige Mitarbeiter immer weniger Platz in der Arbeitswelt gibt. Prekäre Beschäftigungsverhältnisse verschärften zudem die psychische Belastung.

Foto: Evelin Frerk

Prof. Franz Wuketits. Foto: Evelin Frerk

Der menschlichen Selbsterkenntnis dienen mittlerweile viele Ergebnisse aus verschiedenen Disziplinen wie Anthropologie, Verhaltensforschung und Evolutionsbiologie: Der alte Imperativ „Erkenne dich selbst!“ sei daher heute von besonderer Aktualität und könne helfen, alte Strukturen aufzubrechen und neue Wege für unsere Zukunft zu erkennen.

Der Vortrag von Franz Wuketits „Zivilisation in der Sackgasse? Die Herausforderungen der Gegenwart und die Unvernunft des Menschen“ in der Reihe Humanistisches Forum München mit anschließender Diskussion beginnt am 23. September um 19 Uhr in der Seidvilla München, der Eintritt kostet 6 Euro, der ermäßigte Preis für Mitglieder des Humanistischen Verbandes beträgt 4 Euro.

ARD-Reportage Die Weltgesundheitsorganisation (WHO) erklärte beruflichen Stress in einer Studie zu „einer der größten Gefahren des 21. Jahrhunderts“. Am 6. August 2013 widmete sich eine Dokumentation der FAKT-Redaktion der Lage hierzulande: „Deutschland im Stress – Reise durch ein krankes Land“

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