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Mit der Bibel gegen die Evolution

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Das evangelikale Christentum blüht weltweit, im Fokus der Glaubensvermarktung stehen in der Regel vor allem junge Menschen und das Verständnis der Evolution. Sogar promovierte Biologen scheuen sich dabei nicht, die Arbeit ihrer akademischen Kollegen zu sabotieren und Errungenschaften der eigenen Disziplin zu untergraben – Analyse eines Fallbeispiels.
Donnerstag, 4. Juli 2013
Foto: privat

Foto: privat

„Rette dich, wer kann“ – im Sommer 2012 entdeckte ich einen Aufkleber in Oldenburg am Hauptbahnhof, der mich auf die „Nightlight Station“ aufmerksam machte. Dabei handelt es sich um die Homepage der überkonfessionellen christlichen Jugendinitiative „Nightlight“ mit Sitz im Bergischen Land, unweit von Köln. Der Name soll suggerieren, dass die Welt durch Einsamkeit, Orientierungslosigkeit und Ängste zwar düster sei („night“), Jesus jedoch Licht in unser Leben bringen könne („light“).

Simon Joas und Manuela Raulf sind die Verantwortlichen der Website, die schon seit über zehn Jahren besteht. Joas, gelernter Bankkaufmann, machte mit der Arbeit an der Homepage sein Hobby zum Beruf. Das Ziel ist klar: Man möchte die Menschen auf Jesus aufmerksam machen und Material zur Verfügung stellen, das anderen Christen dabei helfen kann, es ebenfalls zu tun. In einem Interview erklärte Joas:

Kurzum: Hier arbeiten Christen, die Gott in ihrem Alltag erleben und wissen, dass sie einmal in den Himmel kommen. Fakt ist: Wer ohne Gott lebt, der hat schlechte Karten. Und das kann man doch unmöglich verschweigen.

Die Zielgruppe der Initiative sind vor allem Jugendliche, sodass ein besonderes Augenmerk auf Texte mit einem Bezug zum Alltag der Heranwachsenden und ein „stylisches Layout“ gelegt wird. So werden „ständig neue Flyer, Infohefte, Kalender und vieles mehr“ in diesem Stil produziert. Im angesprochenen Interview macht Joas zudem deutlich, dass viel Aufwand betrieben wird, um die Botschaft der Bibel in eine Form zu überführen, die dem Zeitgeist entspricht, um ihre Aktualität zu unterstreichen. Dazu produzieren sie außerdem CDs, Radiosendungen sowie Videos zu diversen Themen.

Joas beurteilt das Internet als Medium der Mission und als große Chance für die Zwecke des Nightlight e.V., da es zahlreiche Möglichkeiten der Interaktion bietet. Mit modernen Methoden wie einem Chat und kostenlosen Hotlines sollen gezielt Jugendliche angelockt werden. Die Verknüpfung der virtuellen mit der „realen“ Welt ist dabei ein besonderes Ziel: Jugendliche mit denen sie online ins Gespräch kommen, sollen an örtliche Gemeinden vermittelt werden. Das Material wird zudem kostenlos angeboten, denn der Verein finanziert sich durch Spenden sowie die Stiftung Missionswerk Werner Heukelbach.

Bild: Screenshot

„Nightlight“ – nur eine von zahlreichen evangelikalen Initativen in Deutschland. Bild: Screenshot

Der Aufwand, der betrieben wird, um die Jugendlichen von der Wahrheit der Bibel zu überzeugen, lässt sich wahrscheinlich vor allem dadurch erklären, dass Joas den Glauben an Gott als „Garantie für den Himmel“ betrachtet. Er versäumt überdies nicht, den Leser zu ermahnen:

Und denk daran: Ohne Gott ist jeder Mensch verloren.

Allgemeines Stilmittel ihrer Videos und Texte ist der persönliche Appell, wodurch sich der Zuschauer bzw. Leser angesprochen fühlen soll, was bei diesen Zeilen wohl häufig bedeutet: Er soll eingeschüchtert und verunsichert werden. Höllendrohungen in sanfte Worte verpackt sind und bleiben Höllendrohungen.

Dass die Basis ihrer Arbeit die Bibel ist, wird auch in dem Video „Evolution: WOHER – WIESO – WOZU?“ deutlich. Das Video stellt einen Versuch dar, „Beweise“ gegen die Evolutionstheorie zu liefern – Anlass genug, diesen Versuch mal genauer unter die Lupe zu nehmen.

Holger Kühn, ein junger Biologe, der 2007 in Regensburg promovierte (Titel: „Funktionelle Charakterisierung von Noc4p-Interaktionen in der Ribosomenbiogenese“), begleitet den Zuschauer durch das Video. Die Atmosphäre soll einen seriösen und naturwissenschaftlichen Eindruck vermitteln, trägt Kühn doch einen Kittel und Schutzbrille sowie einen Doktortitel vor dem Namen. Zu Beginn seiner Dissertation ist übrigens Psalm 111, 2 zu lesen: „Groß sind die Werke des HERRN; wer sie erforscht, der hat Freude daran“.  Dieser Spruch wird in den folgenden Ausführungen einen ironischen Beigeschmack bekommen, wenn deutlich wird, in welche Richtung Kühn dieses Zitat interpretiert.

Er steht in einem Labor, vermutlich ein molekularbiologisches Universitätslabor – ob die Verantwortlichen der Universität wissen, wofür hier ihre Räumlichkeiten genutzt wurden? Zur Einleitung seiner „Beweisführung“ verwendet Kühn einen hinkenden Vergleich, indem er unterstellt, die Zunahme der Leistungsfähigkeit von Computern würde zeigen, dass sich alles ständig weiterentwickelt. Diesen menschgemachten, technischen Fortschritt vergleicht er mit der Evolution und sät im Anschluss Zweifel an der langsamen Entwicklung aller Lebewesen, die seiner Meinung nach „noch dazu rein zufällig“ vonstatten gegangen sei. Müsste ein promovierter Biologe die Mechanismen der Evolution nicht besser kennen?

Bild: YouTube / Screenshot

Im Kleid der Wissenschaft säht der Biologe Zweifel an der Evolution, um für Religion zu werben. Bild: YouTube / Screenshot

Die Antwort lautet in diesem Fall offenbar nein. Denn im Folgenden präsentiert Kühn eine Auswahl „zahlreiche[r] Argumente“, die angeblich gegen die Evolutionstheorie sprechen sollen, dabei allerdings längst überholte bzw. widerlegte Ideen enthalten, von einem falschen Verständnis des Zufalls zeugen und vieles sind – aber sicherlich nicht wissenschaftlich. Dinge anzuzweifeln, seien es nun wissenschaftliche Theorien, weltanschauliche Hypothesen oder Haushalts-Tipps von Mutti, ist unter Garantie ein lobenswertes Vorgehen. Immerhin kann nur so Wissenschaft funktionieren: Durch Hypothese und Überprüfung, durch Versuch und Irrtum. Die Wandelbarkeit wissenschaftlicher Theorien ist ein wichtiges Merkmal, das sie von weltanschaulichen Dogmen unterscheidet.

Die Zweifel, die Kühn in diesem Film äußert, beruhen allerdings nicht auf der Anwendung der wissenschaftlichen Methode – viel mehr basieren sie eindeutig auf seiner religiösen Weltanschauung, die er nicht mit der Evolution in Einklang bringen kann. Offensichtlich kann er wissenschaftlich arbeiten und in Fachzeitschriften publizieren, allerdings scheint es ihm unmöglich, die wissenschaftliche Methodologie sauber anzuwenden, sobald die Naturwissenschaft seinem Glauben zu widersprechen scheint.

Sein erstes Argument behandelt die Entstehung von Informationen und lässt schon im vorab eingeblendeten Titel erahnen, in welche Richtung es gehen wird:

„Zufällig entstandene Informationen“

Zunächst soll beim Zuschauer Staunen ausgelöst werden, indem durch anschauliche Vergleiche deutlich gemacht wird, wie viel Information eine Zelle enthält und anschließend plakativ die rhetorische Frage in den Raum gestellt wird, ob diese Menge an Informationen denn „einfach so“ entstehen könne. Diese Formulierung lässt jeglichen Zusammenhang mit den Prinzipien der Evolution vermissen und stellt die langsame Entwicklung und Modifizierung der Informationsmenge als ein spontanes und rein zufälliges Ereignis dar. Diese Vorstellung wird besonders deutlich, als Kühn anschließend einen Vergleich für die Entstehung von Information anstellt:

Das wäre ja so, als würdest du eine Tüte Buchstabensuppe auskippen und bei der Landung würden die Buchstaben einen sinnvollen Text ergeben. Das ist doch ziemlich unmöglich, oder? Denn hinter jedem cleveren Plan muss auch ein cleverer Planer stecken.

Abgesehen davon, dass die Formulierung, ein Ereignis sei „ziemlich unmöglich“ natürlich schon rein sprachlich grober Unfug ist, versteckt sich in diesem Absatz ein sehr großes Missverständnis.

Sein Buchstabensuppen-Vergleich ist eine Neuauflage des Arguments von der Boeing 747, die spontan aus einem Haufen Schrott entsteht (das seit Jahrzehnten bekannte und ebenso lange widerlegte sog. „Hoyle-Paradox“) und von Kreationisten gerne als Veranschaulichung für die Unmöglichkeit der Evolution herangezogen wird. Dies ist jedoch ein klassischer Fehler bei der Betrachtung des Prinzips der Evolution und es zeigt sich sehr deutlich, dass Kühns Verständnis des Wortes „Zufall“ nichts mit dem Zufall gemein hat, wie er unter evolutionären Gesichtspunkten betrachtet werden muss.

Kühn verwendet den Begriff hier im Sinne des Zufalls, nach dem ganz bestimmte Lotto-Zahlen gezogen werden. Die Zufälligkeit, die bei der Evolution eine Rolle spielt hingegen, ist eine vermeintliche, die auf der Unvorhersehbarkeit und Planlosigkeit der komplexen evolutionären Entwicklungen basiert. Nicht die Entwicklung des Lebens selbst stellt einen Zufall dar, sondern dessen unterschiedliche Erscheinungsformen als vorläufige Produkte der Evolution, deren Wiederholbarkeit und Reversibilität mit steigender Komplexität immer unwahrscheinlicher werden.

Man könnte sagen, dass Kühn das Pferd vom falschen Ende her aufzäumt: Der Mensch kennt nur diejenigen Lebensformen, die überlebt haben. Die Funktionalität und Gestalt dieser Lebewesen sind fortan das, was der Mensch als geordnet und strukturiert betrachtet.

Die menschliche Vorstellung von Struktur und Ordnung ist sehr stark davon beeinflusst, was bekannt ist. Die DNA ist objektiv betrachtet kein geordnetes Schema, wie beispielsweise ein Kartenspiel eines wäre. Guanin und Cytosin, Adenin und Thymin wirken auf den ersten Blick wie die perfekten Bausteine, aber aus welchem Grund sollte man annehmen, dass es nicht auch andere Stoffe hätten sein können, die als Träger der Information in Frage kämen?

Betrachtet man die Wahrscheinlichkeiten evolutionärer Ereignisse, ist es ein logischer Fehlschluss, von der einen bestimmten Lebensform auszugehen, die heute existiert und dann zu erörtern, wie unwahrscheinlich es doch sei, dass gerade diese Lebensform entstanden ist.

Bei der wöchentlichen Ziehung der Lotto-Zahlen ist beispielsweise nicht der Vorgang der Ziehung der Zufall. Die Ziehung ist ein Mechanismus, ohne den man kein Lotto spielen könnte. Ebenso ist die Evolution ein Mechanismus, der der Weiterentwicklung des Lebens zugrundeliegt. Es ist kein Zufall, dass es eine Entwicklung und Veränderungen gibt, der Zufall besteht in der Gestalt der Lebensformen, die sich entwickeln – so wie beim Lotto-Spielen in der Kombination der Zahlen, die bei einer bestimmten Ziehung das Ergebnis darstellen. Die gezogenen Lottozahlen entsprechen in diesem Beispiel der Lebensform, die letztendlich überlebt hat und deren Struktur fortan das ist, was wir als Ordnung bezeichnen.

Würde man nun das Szenario umdrehen – wie Kühn es hier versucht – und der Lottospieler dürfte entscheiden, welche Zahlen gezogen werden sollen, so bräuchte die Maschine eine unbestimmte Zeit, bis das Ergebnis der Vorgabe des Lotto-Spielers entspricht. Eine Ziehung dieser bestimmten Zahlen wird sehr unwahrscheinlich – oder in Holger Kühns Terminologie „ziemlich unmöglich“.

Genau diesen Fehler begeht der Protagonist des Videos hier, wenn er die Möglichkeit der evolutiven Prozesse in Frage stellt. Dabei übersieht er, dass ein Lebewesen nur eine mögliche Erscheinungsform unter unendlich vielen Möglichkeiten ist – ungefähr einer von vielen Lottozahlen-Kombinationen entsprechend. Beides existiert erst nach der Entstehung und ist ebenso wahrscheinlich wie jede andere Kombination der Komponenten. Weiterhin werden hier die richtenden Faktoren der Evolution unterschlagen, wenn Evolution mit Zufall gleichgesetzt wird. Es ist unbestritten, dass ein komplexer und funktionaler Bauplan nicht allein durch die Anhäufung von zufälligen Mutationen entstehen kann.  Diese können zu morphologischen Änderungen führen, die dann über Generationen durch Selektion und genetische Drift fixiert werden.

Zufall allein hat weder einen Plan noch ein Gedächtnis. Genau diesen Plan postuliert Kühn allerdings anschließend, indem er den Zufall aufgrund seiner Buchstabensuppen-Metapher im Zuge seiner „Logik“ getrost ausschließen kann. Ein „cleverer Planer“ kann aber kaum eine ernsthafte Lösung für die Probleme sein, die der Biologe hier mit seinem Fachgebiet hat.

Es hapert so offensichtlich schon an der Kenntnis grundlegender Mechanismen der Evolution, dass man geneigt ist, hier eine Absicht zu unterstellen. Holger Kühn wird sehr genau wissen, dass kein Evolutionsbiologe behauptet, dass zum Beispiel ein komplettes Organ auf einen Schlag und einzig und allein durch Zufall entsteht. Seine Ausführungen zu der angeblichen reinen Zufälligkeit sollen hier offensichtlich dem Zweck dienen, ein falsches Verständnis der evolutionären Prozesse zu fördern, um Zweifel an der Evolution zu schüren.

„Der Evolutionist Richard Dawkins ist darüber ratlos“

Kühns zweites Argument für einen Zweifel an der Evolutionstheorie zielt auf die fossilen Belege für die Entwicklung des Lebens im Laufe der Zeit ab. Seiner Meinung nach belegen die gegenwärtig vorliegenden Fossilien die Evolutionstheorie nicht hinreichend. Er zitiert dazu aus „The Blind Watchmaker“ von Richard Dawkins: „Es sieht so aus, als wären sie [die neuen Tierarten] einfach aufgetaucht – ohne jede evolutionäre Geschichte“, um anschließend zu erklären, „der Evolutionist Richard Dawkins“ sei „darüber ratlos“.

Von der angesprochenen Ratlosigkeit des Briten kann allerdings nicht die Rede sein und auch der Zusammenhang, aus dem dieses Zitat stammt, ist ein gänzlich anderer. Dawkins geht in seinem Buch auf die fehlenden Fossilien vor dem Kambrium ein, um auf einen innerbiologischen Konflikt aufmerksam zu machen: In diesem geht es darum, ob es sich tatsächlich um eine Lücke in der Reihe gefundener Fossilien handelt, oder ob sich diese durch ein Zusammenspiel von evolutionären Schüben einerseits und langen Zeiten morphologischer Stabilität andererseits erklären lässt (Punktualismus).

Er merkt überdies schon im darauffolgenden Satz an, dass das plötzliche Auftauchen von Lebensformen Kreationisten erfreuen wird. Ihm ist natürlich bewusst, dass diese Beobachtung häufig zu Missverständnissen bzw. absichtlichen Fehlinterpretationen führt – interessanterweise wird diese Passage jedoch nicht zitiert. Es handelt sich bei dieser Art des Zitierens um das sogenannte „Quote mining“, bei dem Zitate aus dem Zusammenhang gerissen und für die eigenen Zwecke missbraucht werden. Das eignet sich dann besonders gut, wenn es sich bei der zitierten Person um einen Prominenten mit hohem Ansehen auf dem behandelten Fachgebiet handelt, wie es auch hier der Fall ist. „Kühn verschweigt den Zuschauern den Zusammenhang des Zitats und darüber hinaus den Stand der Forschung, für den natürlich auch „The Blind Watchmaker“ von 1986 nicht das Maß der Dinge ist.

Bild: YouTube / Screenshot

Nicht nur mit Verweis auf die Bibel gehen Gläubige gegen das Wissen von der Evolution vor – wenn auch in teils skurrilem Gewand. Ein Klick auf das Bild öffnet das Video. Bild: YouTube / Screenshot

Des Weiteren legt Dawkins direkt im Anschluss mögliche Gründe für die hier angesprochene „Kambrische Explosion“ und das damit einhergehende weitgehende Fehlen der Vorfahren der kambrischen Fossilien dar, die sicherlich auch die Verantwortlichen von Nightlight e.V. nicht übersehen haben – sofern sie das Buch überhaupt gelesen haben. Mittlerweile sind viele Gründe bekannt, weshalb es verhältnismäßig wenige Fossilien aus dem Präkambrium gibt, und Holger Kühn wird als Biologe wahrscheinlich schon mal davon gehört haben, wie Fossilisation funktioniert und welche Faktoren die Bildung und Erhaltung von Fossilien beeinflussen.

Ganz unabhängig von der angeblichen Unvollständigkeit des Fossilienbestandes zeigt dieser über die geologischen Zeiträume keinen unstrukturierten, chaotischen Wandel, sondern eine temporäre und stufenweise Abfolge immer komplexerer Lebewesen, was ein eindeutiges Indiz für eine Evolution darstellt.

In der nächsten Einstellung unterbricht Holger Kühn kurz seine Arbeit am Mikroskop, um dem Zuschauer den Begriff der „nicht reduzierbaren Komplexität“ näherzubringen. Dabei handelt es sich um die Idee, dass aus komplexen Systemen kein Teil entfernt werden kann, ohne dass die Funktion des Systems verloren geht oder zumindest eingeschränkt wird. Holger Kühn bleibt auch hier seinem Stil treu und vergleicht eine Zelle mit einem Uhrwerk, um wieder unterschwellig einen Schöpfer zu implizieren. Er erklärt richtig, dass man kein Zahnrad einer Uhr entfernen kann, ohne dabei die Funktionstüchtigkeit der Uhr zu zerstören, zieht daraus aber den falschen Schluss:

Weil solche komplexen Gebilde halbfertig aber einfach nicht funktionieren, können sie sich auch nicht schrittweise entwickelt haben.

Kühn findet natürlich auch für diese These einen prominenten Unterstützer und zitiert Darwin:

Wenn ein komplexes Organ existiert, das sich in keiner Weise mittels mehrerer, aufeinanderfolgender Veränderungen gebildet haben kann, so würde meine Theorie zusammenbrechen.

An dieser Stelle missachtet er erneut den Zusammenhang des Zitats und behauptet, dass „selbst Darwin“ dieses Problem befürchtet hätte. Dies suggeriert zum einen, Charles Darwins Theorie würde noch heute so bestehen, wie er sie einst formulierte, zum anderen wird hier verschwiegen, was Darwin im Anschluss an dieses Zitat ausführt. Man kann dort lesen, dass er Möglichkeiten der schrittweisen Modifikation von Organen beschreibt und er sehr wohl davon überzeugt war, dass komplexe Organe über Zwischenstufen entstanden sind. Darwin in einem kreationistischen Zusammenhang für die eigene Sache zu zitieren, zeugt nicht unbedingt von einem Verständnis seiner Texte und einer Anerkennung seiner genauen Beobachtungsgabe. Ferner ist es – vorsichtig ausgedrückt – schlicht unredlich, aus einem geschlossenen Argumentationszusammenhang diejenigen Aspekte zu isolieren, die die eigene Position stützen und die anderen zu unterschlagen.

Zum Abschluss kommt Kühn zu dem Statement, dass weder Evolution noch Schöpfung jemals zweifelsfrei bewiesen werden“ können und deklariert die Entscheidung als eine Glaubensfrage. An dieser Stelle muss er sich als Naturwissenschaftler allerdings die Frage gefallen lassen, ob er in den vielen Jahren seiner Ausbildung versäumt hat zu lernen, was Wissenschaft eigentlich ist und was sie nicht ist. Die Evidenzen sprechen eindeutig für Evolution: Wir kennen ihre vielfältigen Mechanismen, angefangen von einfachen Punkt-, über Chromosomenmutationen bis hin zu entwicklungsgenetischen Mechanismen. Wir wissen, wie Komplexität entsteht, können einzelne Evolutionsschritte modellieren und empirisch prüfen, historische Belege auswerten, die für Evolution sprechen und vieles mehr. Was hingegen spricht gegen Evolution? Welche Theorie ist genauso gut durch die Empirie unterstützt wie die Evolutionstheorie? Alles, was Kühn hier vorbringt, sind ein paar veraltete Ideen, um die Evolutionstheorie zu schwächen, jedoch keinerlei positive Belege, für das, was er hier unter die Leute bringen will – nichts Neues unter Kreationisten, von einem promovierten Biologen würde man allerdings anderes erwarten. Sein Interesse, sich mit dieser Frage zu beschäftigen, hat nichts mit Naturwissenschaft zu tun, daran ändert auch eine 129-seitige Dissertation nichts.

Kühn vermischt hier die Frage nach der Glaubwürdigkeit der Evolution mit der Grundsatzfrage, woher das Leben kommt. Im Zuge seiner Weltsicht ist eine Anerkennung der Evolutionstheorie gleichbedeutend mit der Ablehnung Gottes. So behauptet er:

Mit der Evolution soll die Entstehung allen Lebens ohne Gott erklärt werden.

Solche Aussagen sind ein wirklich bestechender Grund dafür, dass die religiös-weltanschauliche Position in der Naturwissenschaft keine Rolle spielen darf – ansonsten ist das, was man betreibt, keine Wissenschaft mehr, sondern wird dem Kontext des jeweiligen Glaubenssystems angepasst.

Zum Ende des Videos wird Kühn dann endgültig zum Verkäufer, denn er versucht sein „Produkt“ – den Glauben an Gott – an den Mann zu bringen. Werbung für Sinn im Leben, ewiges Leben und echte Zufriedenheit werden perfekt platziert: Direkt im Anschluss an die angebliche Alternative – Sinnlosigkeit und ein Leben, das nach dem Tod endet.

Der Biologe Holger Kühn ist nicht in der Lage, zwischen Theismus und Naturwissenschaft zu differenzieren, weshalb die Frage nach Evolution und deren Glaubwürdigkeit bei ihm keineswegs eine naturwissenschaftliche ist. Dies ist ein gutes Beispiel für einen Wissenschaftler, einen Doktor der Biologie sogar, der nicht in der Lage ist, seinem Beruf gemäß innerhalb seines Fachgebietes zu argumentieren, weil seine dogmatische Weltanschauung ihn davon abhält, die gleichen Maßstäbe anzusetzen wie in anderen Bereichen der Naturwissenschaften.

Es ist nicht ersichtlich, ob Holger Kühn die Texte für diesen Beitrag selbst verfasste oder ob er lediglich als Protagonist die Produktion von Nightlight e.V. unterstützt. Was jedoch deutlich wird, ist die gezielte Vermischung und der Versuch einer Gleichstellung von religiösem Glaube und Naturwissenschaft mit Hilfe eines seriös wirkenden Akademikers. Während oberflächlich eine wissenschaftliche Atmosphäre erzeugt wird, werden gleichzeitig sowohl Methodik als auch die Errungenschaften der Naturwissenschaften zugunsten von Pseudo-Erklärungen verworfen.

Diese Vorgehensweise sowie die missbräuchliche und sinnentstellende Verwendung von Zitaten dienen einzig dem Zweck, die Zuschauer für die angepriesene Weltanschauung zu begeistern. Die Manipulation der Meinungsbildung Jugendlicher, an die sich der Nightlight e.V. vor allem richtet, ist in höchstem Maße unaufrichtig. Echte Aufklärung und Hilfestellung zur Orientierung sieht anders aus und benötigt keinen wissenschaftlichen Deckmantel – denn sie wäre wissenschaftlich.