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Wofür es sich zu leben lohnt

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Bertrand Russells skeptische Lebensweisheit – Eine Interpretation des Vorwortes zu seiner Autobiographie.
Freitag, 21. Juni 2013
Foto: Bassano

Mathematiker, Philosoph und Nobelpreisträger: Bertrand Russell (1872-1970) gehört zu den einflussreichsten atheistischen Denkern des vergangenen Jahrhunderts. Foto: Bassano

Ich möchte Sie vertraut machen mit einem Schlüsseltext Russells, einer Leitfigur des Humanismus im zwanzigsten Jahrhundert: mit dem Vorwort zu seiner Autobiographie. Dieser kurze Text unter dem Titel „Wofür ich gelebt habe“ ist ein Text von hohem literarischem und philosophischem Rang.

Unser Text „Wofür ich gelebt habe“ zeigt das unverwechselbare Profil eines großen Denkers, gewährt Einblicke in Identität und Motivation eines humanistischen Lebensentwurfes, der sich auf der Höhe der Zeit bewegt.

Drei einfache, doch übermächtige Leidenschaften haben mein Leben bestimmt: das Verlangen nach Liebe, der Drang nach Erkenntnis und ein unerträgliches Mitgefühl für die Leiden der Menschheit. Gleich heftigen Sturmwinden haben mich diese Leidenschaften bald hier-, bald dorthin geweht in einem launenhaften Zickzackkurs über ein Weltmeer von Qual hinweg bis zum letzten Rand der Verzweiflung.

Nach Liebe trachtete ich, einmal, weil sie Verzückung erzeugt, eine Verzückung so gewaltig, daß ich oft mein ganzes, mir noch bevorstehendes Leben hingegeben haben würde für ein paar Stunden dieses Überschwanges. Zum anderen hab ich nach Liebe getrachtet, weil sie von der Einsamkeit erlöst, jener entsetzlichen Einsamkeit, in der ein einzelnes erschauerndes Bewusstsein über den Saum der Welt hinabblickt in den kalten, leblosen, unauslotbaren Abgrund. Und letztens habe ich nach Liebe getrachtet, weil ich in der liebenden Vereinigung in mystisch verkleinertem Abbild die Vorahnung des Himmels erschaute, wie er in den Vorstellungen der Heiligen und Dichter lebt. Danach habe ich gesucht und, wiewohl es zu schön erscheinen mag für ein Menschenleben: Ich habe es – am Ende – gefunden.

Mit gleicher Leidenschaft habe ich nach Erkenntnis gestrebt. Ich wollte das Herz der Menschen ergründen. Ich wollte begreifen, warum die Sterne scheinen. Ich habe die Kraft zu erfassen gesucht, durch die nach den Pythagoräern die Zahl den Strom des Seins beherrscht. Ein wenig davon, wenn auch nicht viel, ist mir gelungen.

Liebe und Erkenntnis, soweit sie erreichbar waren, führten empor in himmlische Höhen. Doch stets brachte mich das Mitleid wieder zur Erde zurück. Widerhall von Schmerzensgeschrei erfüllt mein Herz: verhungernde Kinder, gefolterte Opfer von Unterdrückern, hilflose alte Menschen, ihren Kindern zur verhaßten Bürde geworden – die ganze Welt der Verlassenheit, der Armut, des Leids, all das macht ein hohnvolles Zerrbild aus dem, was Menschenleben eigentlich sein soll. Es verlangt mich danach, dem Übel zu steuern, allein ich vermag es nicht, und so leide auch ich.

So war mein Leben. Ich habe es lebenswert gefunden, und ich würde es mit Freuden noch einmal leben, wenn sich mir die Möglichkeit dazu böte.

Der Reiz dieses ergreifenden Dokumentes lebt ästhetisch von der einfachen und klaren Eleganz der Sprache, inhaltlich vom glaubwürdigen Engagement für elementare Menschlichkeit, für Lebensgenuss und Lebenskampf, für eine Haltung, die Wunden und Wonnen des Lebens annimmt.

Der metaphernreiche Text strahlt philosophischen Charme aus. Er verbindet hintergründige Selbstreflexion mit leisem Pathos. Ein Mensch gibt Rechenschaft über Sinn und Ziel seines Lebens – in faszinierender Offenheit ohne eitle Selbstbespiegelung. Er lädt uns ein, sich von seinem Denken inspirieren zu lassen und dann einen eigenen Kurs auf dem Ozean des Lebens zu steuern.

Prüfen wir im Einzelnen, was diese Stimme der Menschlichkeit, diese Stimme praxisbezogener Humanität uns zu sagen hat. Drei Leidenschaften sind es, die Russells Leben geprägt haben:

  • im Fühlen die Leidenschaft der Liebe,
  • im Denken die Leidenschaft des Erkennens,
  • im Handeln die Leidenschaft des Mitleids.

Russells Leben wurde „lebenswert“ dank der erotischen, der philosophischen und der sozialen Leidenschaft. Sie halfen ihm, die Grenzen seines Selbst zu überschreiten. Sie bewahrten ihn davor, in „Einsamkeit“ zu erstarren. Sie erschlossen ihm die Welt als eine Einheit von Gegensätzen. Sie ließen ihn teilhaben am schwellenden Leben und am verwelkenden Leben. Sie gestatteten ihm, Lebenslust zu empfinden, ohne in Lebenslüge zu verfallen.

So richtet Russell sein Streben

  • auf das Lustvollste und das Grauenvollste: die Verzückung der Liebe und die Qual von Folteropfern,
  • auf das Konkreteste und das Abstrakteste: die Einsamkeit des Individuums und den Strom des Seins,
  • auf das Innerste und das Fernste: das menschliche Herz und die Sterne.

Dieser philosophische Blick auf das Ganze des Seins, auf das Sein in seinem Widerspruch, ist die Perspektive eines menschlichen Lebens in Würde, aber im Angesicht des Abgrunds. Im Angesicht des Abgrunds, nicht im Abgrund. Das menschliche Leben ist nicht schlechthin bodenlos, nicht von vorneherein sinnlos oder vergeblich. Russell ist kein Nihilist oder Pessimist, er stiftet zu einer illusionslosen, aber nicht zu einer hoffnungslosen Haltung an.

Menschliches Leben ist immer Leben im Angesicht des Abgrundes, nie jeglichen Risikos enthoben. Nur wenige Millimeter, nur Bruchteile von Sekunden können uns von unserem vorzeitigen Tode trennen. Geborgenheit entsteht – wenn überhaupt – nur über einem „Weltmeer von Qual“. Hier rühren wir an den harten atheistischen Kern des Russellschen Humanismus, der ihn von der aufgeklärten Weltfrömmigkeit seines Freundes und Kampfgefährten Albert Einstein unterschied. Einstein entwickelte in der Tradition eines jüdischen, genauer: eines spinozistischen, Pantheismus eine „kosmische Religiosität“. Russell widerstand der Versuchung, den Weltgrund religiös zu verklären.

Wofür es sich zu leben lohnt Joachim Kahls Interpretation des Vorwortes „What I have Lived for“ zu Bertrand Russells Autobiographie war einer der Vorträge auf dem Humanistentag in Hamburg 2013. Die ausführlichere ursprüngliche Fassung kann hier heruntergeladen werden.

Wer über den „Saum der Welt“, das heißt über die Grenzen der Endlichkeit hinaus zu denken wagt, dem begegnet dort keine geistige Macht, die Halt und Orientierung spendete, vertrauenswürdig, verehrungswürdig, gar anbetungswürdig wäre. Kein „Auge Gottes“ steht oben am Himmel und wacht über Wohl und Wehe der Menschen. Keine „unsichtbare Hand“ führt und fügt alle Dinge schließlich doch noch zu einem guten Ende. Keine weise Vorsehung waltet über dem menschlichen Schicksal, sondern der Eishauch unermesslicher Gleichgültigkeit weht uns aus dem Universum entgegen und enthüllt unsere nichtige Rolle im kosmischen Gesamtgeschehen.

Foto: A. Platzek

Joachim Kahl (r.) auf dem Humanistentag 2013 in Hamburg. Foto: A. Platzek

Die allmächtige Materie hat uns auf ihrer Bahn einst hervorgebracht. Irgendwann verschlingt sie uns auch wieder. Insofern schaut, wer über den „Saum der Welt“ hinaus schaut, nicht in einen geheimnisvollen, gar göttlichen Weltengrund, sondern in einen „kalten, leblosen, unauslotbaren Abgrund“. Dieser Abgrund erschließt sich nicht nur unerschrockener philosophischer Reflexion, sondern er weht uns in seiner Kälte und Fremdheit auch tagtäglich an. Verhungernde Kinder, gefolterte Opfer von Unterdrückern, hilflose alte Menschen, die ganze Welt der Verlassenheit, der Armut, des Leids – katastrophische Erfahrungen, die nicht nur Russell an den „letzten Rand der Verzweiflung“ geführt haben und immer neu führen.

Und dennoch: im Gewahrwerden der Abgründe des Weltalls und der Abgründe des menschlichen Herzens erschöpft sich menschliches Leben nicht. In der dreifachen Leidenschaft der Liebe, des Erkennens, des Mitleids verlassen wir das Gehäuse unserer Einsamkeit und Beschränktheit, öffnen wir unsere Existenz:

  • durch die Vereinigung mit einzelnen Menschen in der Liebe,
  • durch die geistige Aneignung der Welt in der Erkenntnis,
  • durch die teilnehmende Identifikation mit den Leiden der Menschheit.

Als mathematisch orientierter Philosoph in der Tradition des Pythagoras versuchte er zu begreifen, inwiefern der „Strom des Seins“ (englisch flux von lateinisch fluere = fließen) nicht einfach unterschiedslos dahinströmt, sondern inwiefern er von der „Zahl“ beherrscht wird. Die große Erkenntnis der Schule des Pythagoras war es gewesen, dass allen Erscheinungen der Wirklichkeit eine zahlenmäßig erfassbare Ordnung, eine numerische Struktur, zugrunde liegt. Die Erkennbarkeit der Welt ist an ihre Zählbarkeit, Messbarkeit, Berechenbarkeit geknüpft. Alle Gesetzmäßigkeiten in Natur und Gesellschaft sind immer auch in Zahlenverhältnissen ausdrückbar. Ihren höchsten Triumph erlebt die pythagoreische Zahlenlehre in der Computertechnik.

In den letzten Jahrzehnten seines Lebens hat er eine bewundernswerte Phase vitalen Altersradikalismus erlebt. Er nutzte seinen weltweiten Ruhm bewusst, um gegen Rüstungswahn und Atomkriegsgefahr, gegen Polizeistaat und Menschenrechtsverletzungen, wo auch immer, zu kämpfen: zu reden, zu schreiben, zu demonstrieren, Menschen zu mobilisieren. Er trat als „Whistleblower“ auf, als einer, der schrill die Alarmpfeife bläst. Sein Handeln stand in der angelsächsischen Tradition des gewaltfreien „zivilen Ungehorsams“.

Die Wirklichkeit der Welt, die herzzerreißenden Leiden, denen Menschen und Tiere – aus welcher Ursache auch immer – ausgeliefert sind, bewahrten Bertrand Russell vor schnödem Optimismus, vor der Utopie einer vollkommenen Gesellschaftsordnung und vor dem Glauben an einen gütigen und allmächtigen Gott. Religiöser Erlösungsglaube erschien ihm buchstäblich als weltfremd: als widerlegt durch den Zustand der Welt selbst.

Mitleid wird nicht zum rettenden Prinzip empor stilisiert. Mitleid enthält kein Heilsversprechen. Es lindert. Skeptischer Humanismus setzt die Allgegenwart des Leidens und seine Unabschaffbarkeit voraus. Leben ist zwar nicht identisch mit Leiden, wie der Buddhismus und sein deutscher Anhänger Schopenhauer vermeinten. Aber Leben heißt immer auch Leiden. Es gibt keine leidfreie Gesellschaft, kein schmerzfreies Leben, keine übelfreie Welt.

Ohne messianische Gelüste, aber auch ohne Weinerlichkeit räumt er ein: Nicht alle menschlichen Probleme sind lösbar. Konflikte gibt es, die sind unschlichtbar. Neben den Fähigkeiten zum Mitleid, zur Liebe und zur Erkenntnis sind in der menschlichen Natur auch als bleibende Möglichkeiten Grausamkeit und Dummheit angelegt.

Russells drei Leidenschaften begründen und begrenzen sich wechselseitig. Sie stehen in einem ausbalancierten, polaren Verhältnis zueinander. Sie verhinderten, dass er sich in der einen oder anderen Richtung verrannt, verzehrt hätte und am Ende ein ausgebranntes Opfer seiner selbst geworden wäre.

Russell war ein Mensch, der schließlich seine innere Mitte gefunden hatte und aus ihr zu leben verstand – abhold allen Einseitigkeiten. Die erotische Leidenschaft bewahrte ihn davor, seine soziale Leidenschaft in einem karitativen Helferkomplex zerfließen zu lassen. Er griff nicht ständig und überall als Wohltäter ein. Er verspürte durchaus keine Lust, sich selbst für andere zu verzehren, aufzuopfern. Seine eigenen wohlverstandenen Interessen und Wünsche verleugnet er nicht. Umgekehrt bewahrte ihn die soziale Leidenschaft davor, sich in privaten Affären zu verschleißen, im Privatleben überhaupt zu versinken. Seine Ethik stand jenseits der verkürzenden und abstrakten Alternative von Egoismus oder Altruismus. Er wusste: Nur wer sich selbst bewahrt, bewahrt sich auch die Möglichkeit, anderen zu helfen.