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Kreationismus-Unterricht: Sekten-Spezialist warnt vor Schaden für evangelisches Schulwesen

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Polemische Unterstellungen und wissenschaftsfeindliche Haltungen sieht der Weltanschauungsbeauftragte der Evangelischen Landeskirche in Württemberg in einem pädagogischen Orientierungspapier des Verbandes Evangelischer Bekenntnisschulen.
Samstag, 6. April 2013

In einem Bericht der von der Evangelischen Zentralstelle für Weltanschauungsfragen herausgegebenen Monatszeitschrift »Materialdienst« heißt es, die Festlegung des Verbandes Evangelischer Bekenntnisschulen (VEBS) „auf den Kreationismus als Inhalt und Lernziel (…) ist von großer kirchenpolitischer Bedeutung“.

Mitte vergangenen Jahres hatte der VEBS eine Empfehlung für „Fachkollegien in Religion und Naturwissenschaften sowie für Schulleiter und Vorstände“ an den VEBS-Schulen veröffentlicht. Diese besteht aus Ausführungen des Geschäftsführers der bibeltreuen Studiengemeinschaft „Wort und Wissen“ Reinhard Junker und soll zur Orientierung für die Themenbereiche „Schöpfung“ und „Evolution“ im schulischen Unterricht dienen.

Das VEBS-Empfehlungspapier hatte massive Kritik bei Wissenschaftlern und Fachvereinen hervorgerufen. Ulrich Kutschera, Professor für Evolutionsbiologie an der Universität Kassel sowie der kalifornischen Universität Standford, warnte vor der Indoktrination der Schüler in christlichen Bekenntnisschulen.

Logo des VEBS

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„Die deutschen Kreationisten arbeiten mit subtilen Methoden, um ihre christliche Dogmatik, mit der Biologie vermengt, an Laien zu vermitteln“, sagte Kutschera Mitte Februar. Wenn Schülern das Erlernen naturwissenschaftlicher Denk- und Arbeitsweisen verwehrt werde, sei das inakzeptabel.

In einer Stellungnahme von Martin Neukamm, Geschäftsführer der „Arbeitsgemeinschaft Evolution in Biologie, Kultur und Gesellschaft“, zum VEBS-Papier hieß es zur gleichen Zeit: „Falls im Unterricht schöpfungstheoretische und evolutionsbiologische Ansätze nebeneinander behandelt werden, muss aus wissenschaftstheoretischer Sicht dargelegt werden, dass die zentralen Auffassungen des Kreationismus keinen empirisch-wissenschaftlichen Gehalt haben.“

Ähnlich sieht das auch Hansjörg Hemminger, Weltanschauungsbeauftragter der Evangelischen Landeskirche in Württemberg, Spezialist für kreationistische Gruppierungen und ehemaliger Sachverständiger der Enquete-Kommission „Sekten und Psychogruppen“ des Deutschen Bundestages in seinem Bericht in der EZW-Zeitschrift.

Zu den Auswirkungen der pädagogischen Empfehlungen im VEBS schreibt er unter anderem: „Da in der Öffentlichkeit nicht zwischen dem VEBS und den zahlreichen evangelischen Schulen in kirchlicher und diakonischer Trägerschaft unterschieden wird, entsteht dem gesamten evangelischen Schulwesen ein Schaden.“

Hemminger meint daher weiter, dass sich der Arbeitskreis Evangelischer Schulen diese Vorgänge annehmen muss. Wörtlich heißt es, es werde dem Arbeitskreis „kaum etwas anderes übrigbleiben, als sich mit dem Kurs des VEBS zu befassen.“

Laut eigenen Angaben betreuen die Schulen des VEBS rund 30.000 Schülerinnen und Schüler an 168 Schulen. Auch die Bedeutung dieser Zahlen sei für Hemminger unklar, „da maximal 90 Schulen nach den Grundsätzen des VEBS unterrichten.“

Cover

EZW-Text von 2008: Kreationismus bleibt ein Dauerthema.

Ausführlich geht er im Bericht auf die Stellungnahme Reinhard Junkers ein, die der VEBS empfiehlt. Wie zuvor Ulrich Kutschera verweist er auf die subtilen Methoden der kreationistischen Pädagogik: „Dabei wird die argumentative Weichenstellung (…) hinter Halbwahrheiten  und Irrtümern verborgen.“ Diese seien für Schülerinnen und Schüler und auch für die meisten Lehrkräfte nicht leicht zu durchschauen.

Der Bericht erläutert dies anhand mehrerer Beispiele aus dem pädagogischen Empfehlungspapier. Dort heißt es unter anderem, dass die Naturwissenschaft beim Thema „Schöpfung und Evolution“ die Rolle eines Indizienlieferanten habe, da es um Fragen des Ursprungs gehe, die nicht experimentell untersucht werden könnten.

Hemminger weist hier darauf hin, dass Experimente nur ein Weg zur Gewinnung von Wissen sind. „Zahlreiche Theorien, an denen kein vernünftiger Mensch zweifelt, beruhen nicht oder wenig auf Experimenten: Die geologische Theorie der Kontinentaldrift, die kosmologischen Theorien des Astrophysik, meteorologische Theorien usw.“

Eine Offenheit für verschiedene Deutungen sei in der Naturwissenschaft zwar prinzipiell immer gefordert, diese müssten aber auch das tatsächlich vorhandene Wissen deuten. Wenn sie dazu nicht imstande seien, könnten sie keine Offenheit für ihre Deutung einfordern. Das sei daher beim Kreationismus, auch in seiner wissenschaftlich gefärbten Variante, der Fall.

Die im Papier enthaltene Folgerung, Gegner des vom VEBS verbreiteten Kreationismus würden fordern, dass „Evolution als Wahrheit geglaubt wird“, beurteilt Hemminger als Unterstellung und „pure Polemik“. Der Weltanschauungsbeauftrage weiter: „Kreationisten werden mit Recht als wissenschaftsfeindlich betrachtet“. Sie würden zwar den Eindruck erwecken, man habe berechtigte Zweifel an der Evolutionstheorie, aber sonst kein Problem mit Naturwissenschaft.

Tatsächlich sei, so der Autor, auch der sogenannte „wissenschaftliche Kreationismus“ nicht nur „mit der Biologie unvereinbar, sondern ebenso mit Geologie, Astrophysik und Kernphysik, von Paläontologie, Archäologie usw. ganz zu schweigen. Vom imposanten Gebäude der modernen Naturwissenschaft lässt der Kreationismus nur eine Ruine übrig.“

Die Warnung im Bericht Hemmingers fiel unmissverständlich aus: Wenn an Schulen die Position von „Wort und Wissen“ vermittelt werde, führe diese Pädagogik auch für intelligente Schülerinnen und Schüler unter anderem dazu, dass diese „darauf verzichten müssen, einen sinnvollen Zugang zur Wissenschaft zu finden bzw. selbst Naturwissenschaftler zu werden“.