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Rousseau: Kontroverser Denker der Aufklärung

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Am kommenden Samstag findet in Nürnberg ein Symposium zum 300. Geburtstag des französischen Philosophen und Schriftstellers Jean-Jacques Rousseau statt. Veranstalter sind die Gesellschaft für kritische Philosophie Nürnberg und die Humanistische Akademie Bayern.
Dienstag, 6. November 2012
Jean-Jacques Rousseau

Jean-Jacques Rousseau war einer der einflussreichsten Denker des 18. Jahrhunderts. Aber er war auch einer der umstrittensten philosophischen Schriftsteller: Voltaire kritisierte ihn offen, Nietzsche verachtete ihn, und Hume war letztlich froh, als Rousseau nach den anderthalb Jahren, in denen er ihm in England Schutz vor Verfolgung gewährt hatte, wieder in Richtung Frankreich floh.

Jean-Jacques Rousseau argumentierte für eine kompromisslose Selbstbestimmung des Individuums und seine Befreiung aus den von ihm sensibel wahrgenommenen Zwängen der Gesellschaft, der etablierten Religionen, der Erwartungen von Erwachsenen, Vorgesetzten, ja der ganzen Zivilisation. Sein Einleitungssatz zum Gesellschaftsvertrag „Der Mensch ist frei geboren, und überall liegt er in Ketten“ drückt diesen Freiheitsdrang bildkräftig aus. Er stand darüber hinaus für ein soziales Gleichheitsideal, das über Marx bis in die Gegenwart fortwirkt.

Jean-Jacques Rousseau setzte den maßgebenden und einflussreichen Kontrapunkt gegen den Fortschrittsglauben der Aufklärung: Rousseau schockierte durch den Gedanken, dass die moderne Zivilisation, wie sie sich in der zweiten Hälfte des 18. Jahrhunderts immer deutlicher abzeichnete, keine Errungenschaft darstellt, sondern einen Irrweg. Wir können ihn zwar nicht verlassen (wenigstens insoweit war Rousseau Realist), wir sollten ihn aber deshalb noch lange nicht unkritisch preisen.

Prof. Dr. Reinhard Brandt ist Professor für Philosophie und lehrte 1972–2002 an der Universität Marburg. Er ist Leiter der Marburger Arbeitsstelle der Weiterführung der Akademie-Ausgabe von Kants gesammelten Schriften sowie Mitglied der Wissenschaftlichen Gesellschaft der Universität Frankfurt a. M. und der Akademie zu Göttingen.
Dr. Wolfgang Buschlinger ist Lehrbeauftragter für Philosophie an der Justus-Liebig-Universität Gießen sowie für Mathematik an der Technischen Hochschule Mittelhessen. Er betätigt sich in der Lehrerfortbildung für Niedersachsen und ist Vorsitzender des Café Philosophique in Düsseldorf. Arbeitsschwerpunkte: Moderne Kultur- und Naturphilosophie, Philosophie der Mathematik, Nietzsche.
Dr. Gerhard Engel ist Lehrbeauftragter für Wirtschaftsethik an der FH Nordhausen, Präsident der Humanistischen Akademie Bayern und Mitherausgeber der Zeitschrift „Aufklärung und Kritik“. Seine Arbeitsschwerpunkte sind Humanismus, Kulturphilosophie, Politische Philosophie und Wirtschaftsethik.
Dr. Thomas Grethlein hat an der Friedrich-Alexander-Universität Erlangen-Nürnberg über Transzendentalphilosophie und Hermeneutik promoviert und war jahrelang in der populären Vermittlung von Philosophie engagiert. Er ist Geschäftsbereichsleiter Personalmanagement am Universitätsklinikum Jena.
PD Dr. Alfred Hirsch ist Privatdozent am Institut für Philosophie der Universität Hildesheim und Senior Fellow am Kulturwissenschaftlichen Institut Essen. Seine Arbeitsschwerpunkte umfassen u.a. Gewalt- und Konflikttheorien, die Philosophie politischer und rechtlicher Freiheit sowie interkulturelle Menschenrechtsbegründung.

Schließlich stand der 1712 in Genf geborene und 1778 bei Paris gestorbene Denker für ein außerordentlich vielseitiges Werk, das u.a. Schriften über Gesellschaftstheorie, Musik, Geschichtsphilosophie, politische Ökonomie, Erziehung, politische Moral, Anthropologie und Botanik sowie Romane und autobiografische Schriften enthält.

Über Kritiker brauchte sich Rousseau wenigstens quantitativ nicht zu beklagen: Er gehörte nicht nur zu den meistgelesenen, sondern auch zu den meistkritisierten Schriftstellern des 18. Jahrhunderts. Sogar Aufklärer sagten deutlich ihre Meinung.

Voltaire etwa schrieb an Rousseau über dessen Schilderung der Vorzüge des Naturzustandes: „Man bekommt ordentlich Lust, auf allen Vieren zu gehen, wenn man Ihr Werk liest. Da es indessen mehr als sechzig Jahre her ist, dass ich diese Gewohnheit abgelegt habe, so fühle ich zu meinem Schmerz, dass es mir unmöglich ist, sie wieder aufzunehmen.“

War Voltaires Kritik angemessen? Auch darum wird es im Symposium am kommenden Samstag in Nürnberg gehen. Abgeschlossen wird es durch eine Podiumsdiskussion, in die auch das Publikum einbezogen werden soll.

Flyer

Referenten und Themen

Prof. Dr. Reinhardt Brandt („Rousseau: Welche Freiheit? Welche Gleichheit?“)

Dr. Wolfgang Buschlinger („Am Tiefpunkt nach dem Sündenfall. Rousseaus Menschheits-Diagnose“)

Dr. Gerhard Engel („Wie ›gleich‹ sollten wir sein? Ungleichheit aus humanistischer Perspektive“)

Dr. Thomas Grethlein („Jean-Jacques Rousseau – Leben und Werk im Überblick“)

PD Dr. Alfred Hirsch („Jean-Jacques Rousseau – Friedensträume und politischer Realismus“)

Dr. Frank Schulze („Rousseau als Pädagoge – Werk und Wirkung“)

Das Symposium im Internet: http://www.rousseau-symposium.de/