Hungerlohn trotz Vollzeitjob und tägliche Massaker
Zum 41. Mal haben die Spitzenverbände der freien Wohlfahrtspflege den mit 15.000 Euro dotierten Medienpreis für Werke zur sozialen Lebenswirklichkeit in Deutschland vergeben. Mehr als 450 Arbeiten waren von einer unabhängigen Jury begutachtet worden.
Am Montag wurden die drei diesjährigen Preisträgerinnen und Preisträger bekannt gemacht und am 27. November sollen die Auszeichnungen in der Akademie der Künste in Berlin überreicht werden.
Eine der Preisträgerinnen ist Christel Sperlich. Die Journalistin zeichnete verantwortlich für einen 30-minütigen Film, der Ende Oktober 2011 im Rahmen des Magazins für Kirche und Religion im Rundfunk Berlin-Brandenburg (rbb) zum ersten Mal ausgestrahlt wurde.
In Sperlichs nun ausgezeichnetem Beitrag mit dem Titel „Hungerlohn trotz Vollzeitjob“ wurden Einblicke in das Leben von Menschen gegeben, die trotz ehrlicher Arbeit auf zusätzliche Hartz IV-Bezüge angewiesen sind, um ein Auskommen zu finden.
Es war nicht die erste Produktion von Christel Sperlich, die sich mit dem Thema Armut beschäftigte. Erst wenige Monate zuvor war im rbb-Magazin der Film „Die Rente ist sicher?“ über ältere Menschen gezeigt worden, die von ihrer Rente nur in Armut leben können.
Dass die von Sperlich immer wieder vorgestellten Schicksale bei weitem keine Einzelfälle oder Probleme kleiner gesellschaftlicher Gruppen sind, hat eine neue Erhebung des Statistischen Bundesamtes gezeigt, deren Ergebnisse am Mittwoch veröffentlicht wurden.
Die Erhebung stellte fest, dass im Jahr 2010 15,8 Prozent der Bevölkerung, also 13 Millionen Menschen, in Deutschland von einem hohen Armutsrisiko betroffen sind. Als armutsgefährdet gilt hier, wer selbst nach Einbeziehung staatlicher Transferleistungen weniger als 11 426 Euro im Jahr beziehungsweise 952 Euro im Monat zur Verfügung hatte. 24.220 Menschen ab 16 Jahren und etwa 13.512 Haushalte waren im Rahmen der Erhebung „Leben in Europa 2011“ zu Einkommen und Lebensbedingungen befragt worden.
Die Erhebung zeigte außerdem, dass Frauen häufiger als Männer von Armut betroffen sind. Auch Menschen, die allein leben, zählen zur Gruppe der besonders häufig von Armut gefährdeten Menschen: Bei etwa jeder dritte Person in einem Alter unter 65 Jahren hat die Erhebung festgestellt, dass das Einkommen unter den Grenzen von 952 Euro pro Monat oder 11.426 Euro pro Jahr lag.
Wie Armut verdrängt und verharmlost wird, zeigt ein am Montag von der Bundeszentrale für politische Bildung (bpb) veröffentlichter Band der bpb-Schriftenreihe. Unter dem Titel „Armut in einem reichen Land“ erläutert der Armutsforscher Christoph Butterwegge, Professor für Politikwissenschaft an der Humanwissenschaftlichen Fakultät der Universität zu Köln, wie eine anhaltende Verdrängung und Verharmlosung des Problems auch in Deutschland zu finden ist. Zudem formuliert er dort seine Forderung nach einer grundlegenden Neuausrichtung der Wirtschafts-, Bildungs- und Sozialpolitik in Deutschland.
„Die Reichen werden immer reicher, die Armen immer ärmer und die Politik schaut weitgehend tatenlos zu“, kritisierte deshalb auch heute Thomas Beyer, Sprecher der Nationalen Armutskonferenz, ein Zusammenschluss von Wohlfahrtsverbänden, Kirchen und Gewerkschaften.
In ihrem heute vorgestellten „Schattenbericht“ zeigten sie, dass fast jeder Vierte im Niedriglohnsektor arbeitet. Mehrere hundert Oberdachlosen wollen in den kommenden Tagen nun 20.000 Exemplare des Berichts, der eigentlich eine Sonderausgabe der Zeitschrift Strassenfeger ist, laut einem Bericht der taz verkaufen.
Ein Blick auf die globale Lage relativiert den Blick auf die Situation der von Armut betroffenen oder gefährdeten Menschen in Deutschland freilich etwas. Denn der Schweizer Soziologe und Autor Jean Ziegler erinnerte im Zuge des gestrigen Welternährungstages: „57.000 Menschen sterben pro Tag an Hunger. Eine Milliarde Menschen sind permanent schwerst unterernährt. Und das auf einem Planeten, der vor Reichtum überquillt.“
Ein Hungertod, so der frühere UN-Sonderberichterstatter für das Recht auf Nahrung, könne angesichts der eigentlich vorhandenen Ressourcen als Mord bezeichnet werden, die schiere Menge der Hungertoten nannte er gegenüber dem bpb:Magazin das „tägliche Massaker“.
Als Ursachen bezeichnete er die Börsenspekulation auf Grundnahrungsmittel, Landraub, die Überschuldung der meisten Entwicklungsländer und die „verbrecherischen Agrar- und Export-Subventionen der Industriestaaten“. Diese Subventionspolitik, sagte Ziegler gegenüber der ARD, „tötet Menschen.“
So kann ein Blick auf die Lage weltweit die Lage in Deutschland eventuell etwas relativieren. Rechtfertigen kann er die Armut hierzulande allerdings nicht. Denn ganz klar ist: Spekulation mit Nahrungsmitteln und Agrarrohstoffen, Landraub und Subventionspolitik sind weder das Geschäft der von Christel Sperlich vorgestellten Menschen, die trotz Vollzeitjob nur einen Hungerlohn erhalten oder von ihrer Rente kaum leben können, noch der rund 13 Millionen von Armut betroffenen Menschen in Deutschland.
Woher kommt nun die Lösung? Jean Ziegler meint: „Ich hoffe auf eine neue planetarische Zivilgesellschaft. Wir brauchen einen Aufstand des Gewissens.“








