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„Ich hasse alle, die an Demokratie glauben“

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Über die Schwierigkeit, den Andersdenkenden auszuhalten.
Dienstag, 9. August 2011

Anders Behring Breivik habe kein Mitleid mit den Opfern und hasse alle, die an Demokratie glauben, sagte der Anwalt des norwegischen Attentäters. Aus dem 1.518 Seiten langen Manifest 2083 - Eine europäische Unabhängigkeitserklärung des 76-fachen Mörders wird deutlich, wie sehr ihm eine offene, liberale Gesellschaft zum Feindbild geworden ist. Es wird offensichtlich, wie Breivik die Bedrohung einer tradierten Ordnung abwenden möchte. Einer Ordnung, die von Multikulti, der Zuwanderung von Muslimen, die rückgängig gemacht werden müsse, und der political correctness zu vieler Mitbürger unter Druck gesetzt würde. Die durch die angeblich abwegige Sexualmoral, die insbesondere von Feministinnen verbreitet würde, und durch den schmutzigen Einfluss von Popikonen in die Zange genommen wird. Breiviks Welt soll ethnisch rein sein, mit erneuertem Christentum, zurück zu den katholischen Wurzeln, ohne „Bastarde und alleinerziehende Mütter". Die „traditionelle Familie" solle wieder her.

Manche der Thesen des selbsternannten „christlichen Kreuzritters", der ein „ethnisch-christliches Europa" will, muss man zweimal lesen, man mag es nicht glauben, so wahnhaft sind sie. Und wenn er die fehlende Strenge in der Erziehung, zu viele Ehescheidungen und die unübersehbare Sexualisierung unserer Gesellschaft beklagt, hat man das Gefühl, alles schon mal gehört zu haben - nicht nur am Stammtisch.

Geiß & Doll: Ehrenmord

Dieses Gefühl hatte ich auch bei der Vorstellung der Neuerscheinung über den Ehrenmord an Hatun Sürücü mit dem Titel Ehrenmord. Ein deutsches Schicksal. Im filmisch präsentierten Interview sagt der Mörder der Berlinerin mit türkischen Wurzeln: „Ich tat es, um die Ordnung in der Familie wieder herzustellen." Sie war seine Schwester.

Vor sechs Jahren wurde die 23-jährige Hatun Sürücü auf offener Straße von ihrem Bruder Ayhan erschossen. Zur  Fassungslosigkeit über den Mord gehört auch die Aussage des Bruders: „Wir konnten ihr Leben nicht tolerieren." Die beiden Journalisten Matthias Deiß und Jo Goll gehen mit unverstelltem Blick, großer Sorgfalt und erkennbarer Bereitschaft um Verständnis allen Aspekten der erschütternden Tat nach, befragen Beteiligte und Zeugen, fahren bis nach Ostanatolien und schaffen es, dass nach Jahren gesprochen wird und wir einen unverstellten Einblick in die Vorgeschichte, den Tathergang und die Folgen bekommen.

Der Mörder glaubt immer noch, dass seine Schwester falsch gehandelt hat

Die türkische Familie kurdischer Herkunft, streng religiös und sunnitisch-orthodoxen Glaubens, seit 1971 in Berlin lebend, wo sieben der neun Kinder geboren wurden, konnte nicht ertragen, dass die älteste Tochter ein selbstbestimmtes Leben führen wollte. Dass sie ihr Kind allein erzog, das Kopftuch ablegte und westliche Kleidung trug, geschminkt war und manchmal rauchte. Dass sie einen deutschen Freund hatte, einer Berufsausbildung nachging und eine eigene Wohnung hatte. Auch heute, selbst nach einer fünfjährigen psychotherapeutischen Behandlung, habe der Mörder Ayhan Sürücü zwar eingesehen, dass er kein Recht hatte, das Leben seiner Schwester auszulöschen. „Aber er glaubt immer noch", sagen die Autoren, „dass seine Schwester falsch gehandelt hat, weil sie wie eine Deutsche lebte."

Fassungslos hörte ich diesen Satz der Journalisten; die nicht klären konnten, ob es einen Familienbeschluss zum Mord gab, wie während der Gerichtsverhandlung thematisiert wurde. Ayhans Bruder soll sich vor den Schüssen Rat beim Imam geholt haben, die Staatsanwaltschaft ging davon aus, dass er sich die religiöse Erlaubnis für den Mord besorgte. Der strenggläubige Bruder Mutlu, inzwischen mit internationalem Haftbefehl gesucht und in Istanbul lebend, hofft, dass „Allah ihr ihre Sünden vergibt." Welche Sünden, fragt sich der aufgeklärte Leser des Buches.

Da lebt eine Familie seit mehr als dreißig Jahren in Deutschland, die Kinder sind deutsche Staatsbürger, sie besuchen die Schule, Hatun sogar das Gymnasium (bis der Vater sie aus der 8. Klasse nimmt, um sie in der Türkei mit einem Cousin gemäß der Absprache beider Familienoberhäupter zu verheiraten), sie sind Teil unserer Gesellschaft - sie ist aber nicht in Deutschland, in dem das Grundgesetz gilt, angekommen. In dem Land, in dem es Ehrenmorde und Zwangsverheiratung nicht gibt, in dem stattdessen demokratische Werte gelten.

Eine Familie isoliert von der Schul-, Wohn- und Freizeitumgebung, in der sie lebt

Wie kann das sein? Wie ist es möglich, dass Ayhan keinen deutschen Freund hatte? Da lebt eine Familie mit einem radikalen Ehrbegriff, der nichts mit der Schul-, der Wohn- und der Freizeitumgebung zu tun hat. Integration ein Fremdwort, tolerante Auseinandersetzung unbekannt, Schule wirkungslos - man möchte es nicht glauben. Der Richter sagte: „Die Sürücüs haben in Kreuzberg gewohnt, aber nicht in Deutschland."

Nachzulesen ist, wie der Druck der strenggläubig erzogenen Kinder weitergegeben wird auf Schulkameraden, wie Vorurteile verfestigt und in Umlauf gesetzt werden, sodass der Einfluss der Lehrer marginal wird, insbesondere in Schulen, in denen deutsche Schüler in die Minderheit geraten sind. Von den Beschimpfungen dieser als „Schweinefleischfresser" oder „Kartoffel" war vor einiger Zeit im Rahmen der Debatte um die Deutschenfeindlichkeit an einigen Berliner Schulen zu lesen.

Auch ohne die vielfältigen Belastungen, die in sozialen Brennpunkten entstehen, ist es mühsam und nicht immer erfolgreich, ein friedfertiges Verhalten, einen toleranten Umgang untereinander zu erreichen und die Erkenntnis zu vermitteln, dass jeder, der sich an das Gesetz hält, ein Recht auf sein So-Sein, sein Anders-Sein hat. Nach dem Ehrenmord und den Diskussionen darüber hatte das Berliner Abgeordnetenhaus für alle Schüler der Klassen 7 bis 10 das Pflichtfach Ethik eingeführt. Was heißt es, wenn als Lernziel genannt wird, dass Schüler ihre „interkulturelle Kompetenz erweitern" sollen? Sie sollen sich im Dialog und in der Kooperation mit Menschen unterschiedlicher kultureller Prägung aktiv und gestaltend einbringen. An Beispielen muss ihnen gezeigt werden, was Gleichberechtigung heißt und wie man sie durchsetzt. Und wie oft werden sich Widersprüche zur gelebten Realität ergeben, über die offen und - da es die eigene Familie betreffen kann - mit Fingerspitzengefühl gesprochen werden muss. Es ist schwer, Empathie zu erwerben, schwierig und belastend, Ungewissheit auszuhalten, den Anderen anzuhören, wenn man doch an ganz Anderes, ja Gegensätzliches glaubt.

Sich in der Verschiedenheit und Individualität auseinandersetzen und aushalten
Lebenskunde

Foto: Istvan Imreh

Die Akzeptanz der Verschiedenheit und die Suche nach gewaltfreien und konstruktiven Lösungen sind ebenso Lernziele wie die Ächtung menschenverachtender Einstellungen und Handlungen. Immer wieder erlebe ich einen solchen Unterricht im Fach Lebenskunde, das in Berlin immerhin von fast 50.000 Schülern freiwillig besucht wird. Ausgehend vom konkreten Zusammenleben in der Klasse und den aktuell aufgetretenen Problemen sollen Schüler in der plastischen Phase der Pubertät in einer Atmosphäre des Vertrauens sich in ihrer Verschiedenheit und Individualität offen auseinandersetzen und aushalten lernen. Sie werden Religionen daran messen, welches Verhältnis sie zu den Menschenrechten formulieren und praktizieren. Es führt kein anderer Weg zu einem friedfertigen Zusammenleben in einer pluralen Gesellschaft, insbesondere wenn in den Familien die tragfähigen Grundlagen nicht gelegt wurden oder wie bei den Sürücüs gar entgegensetzte Positionen vertreten werden.

Während meiner Lektüre über den Ehrenmord, blicke ich auf meine Morgenzeitung. Sie berichtet über den Supermarkt Rami Levi, der in einer Siedlung im Westjordanland liegt. Die Kassiererin, eine Israelin, liebt den Packer im gleichen Supermarkt, einen Palästinenser. Ein schönes, friedliches Beispiel in einer unfriedlichen Welt, möchte man meinen und auf Ausstrahlung hoffen. Den örtlichen Rabbiner dagegen stört das Vorbild, er fordert von der Leitung des Supermarktes, Maßnahmen zu ergreifen, um Beziehungen zwischen Juden und Arabern zu verhindern. Rechte jüdische Gruppen hatten bereits zum Boykott aufgerufen. Der Rabbi hat Erfolg, die Geschäftsleitung hat beschlossen, die Kontaktmöglichkeiten stark einzuschränken; die Kassiererin hat gekündigt.

Wahrlich, wir haben noch viel zu tun, den Nachbarn auszuhalten; zu schweigen vom Nachbarn, der anders denkt als wir, der einer anderen Religion, einer anderen Ethnie angehört, der andere Gepflogenheiten hat oder seinen Kopf anders bedeckt.

Matthias Deiß, Jo Groll: Ehrenmord. Ein deutsches Schicksal. Hoffmann und Campe 2011. 240 S., 18 Euro.