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Ärztliches Ethos und Suizidhilfe

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Auch wenn Palliativmedizin den Vorrang hat, müssen aussichtslos kranken Patienten Möglichkeiten bereitgestellt werden, die einen Suizid unter ärztlicher Begleitung möglich machen. Dies fordert das Kuratorium des HVD-Berlin, in dem auch der renommierte Arzt Dr. Michael de Ridder mitwirkt.
Freitag, 27. Mai 2011

„Wir bekennen uns zur unbedingten Priorität der Palliativmedizin", betonte der leitende Arzt der Unfallstelle des Berliner Urban-Krankenhauses Dr. Michael de Ridder heute im Namen des Kuratoriums des Humanistischen Verbands in Berlin bei der Vorstellung eines Grundsatzpapieres, in dem die ärztliche Gewissensfreiheit in Fällen eines assistierten Suizids gefordert wird.

De Ridder muss dies so betonen, denn um die Frage des ärztlich assistierten Suizids ist ein Streit entflammt, der sich aller Wahrscheinlichkeit nach in der kommenden Woche auf dem Bundesärztetag in Kiel entscheiden wird. Denn dort soll ein Antrag zur Änderung der ärztlichen Berufsordnung abgestimmt werden, der die gewünschte ärztliche Unterstützung bei einem Suizid verbietet. Eingereicht hat diesen Antrag der Vorstand der Bundesärztekammer (BÄK), der damit der liberaleren Position, die BÄK-Präsident Prof. Dr. Jörg-Dietrich Hoppe in den vergangenen Monaten immer wieder betonte, einen Riegel vorschieben will.

Alice Ströver, Dr. Bruno Osuch und Dr. Michael de Ridder (v.l.n.r.)

Alice Ströver, Dr. Bruno Osuch und Dr. Michael de Ridder (v.l.n.r.) bei der Vorstellung des Kuratoriumspapiers in Berlin

Noch im Januar dieses Jahres hatte Hoppe eine Liberalisierung der Regelung angekündigt. Gegenüber der Frankfurter Rundschau sagte er damals: „Die Beihilfe zum Suizid ist nicht strafbar. Sie ist aber derzeit durch unser Berufsrecht als unethisch verboten. Diesen Widerspruch müssen wir auflösen." Zwar gab er auch seine persönlichen Bedenken zu Papier („Mich schüttelt es allerdings bei der Vorstellung, dass ein Arzt beim Suizid hilft. Ich könnte das mit meinem Gewissen nicht vereinbaren."), an dem Entwurf für die neuen Grundsätze zur ärztlichen Sterbebegleitung sollte jedoch nicht gerüttelt werden. Dieser sah eine Formulierung vor, wonach Beihilfe zum Suizid zwar nicht zu den ärztlichen Aufgaben gehöre, aber möglich sein sollte, wenn der betreffende Arzt das mit seinem Gewissen vereinbaren könne.

Rudolf Henke, der Vorsitzende des Marburger Bundes, sprach sich damals schon gegen eine Liberalisierung aus. „Ich lehne Formulierungen ab, mit denen das Verbot der ärztlichen Suizidbeihilfe gelockert würde. Wir brauchen hier klare Grenzziehungen", sagte er gegenüber der Welt. Anfang Mai folgte dann die Kehrtwende in der BÄK. Der Vorstand gab in einer gemeinsamen Erklärung mit der Deutschen Bischofskonferenz bekannt, dass am Verbot der ärztlichen Suizidbeihilfe nicht gerüttelt werden sollte. Den entsprechenden Antrag, der dieses Verbot in der ärztlichen Berufsordnung verankern will, reichte das Gremium ein. Michael de Ridder nimmt an, dass Jörg-Dietrich Hoppe in seinem Vorstand überrumpelt wurde. Möglicher „Täter" könnte Frank Ulrich Montgomery sein, der momentan BÄK-Menschenrechtsbeauftragter ist und die Nachfolge von Hoppe anstrebt. Montgomery ist ein klarer Verfechter des Suizidbeihilfeverbots, der BÄK-Antrag ist auch sein Antrag.

Darüber befinden werden die für den 114. Bundesärztetag delegierten Ärzte. Michael de Ridder gehört nicht dazu. Die lauteste Stimme in der deutschen Ärzteschaft, die eine Liberalisierung zugunsten der ärztlichen Suizidbeihilfe fordert, kann selbst nicht mit abstimmen. Noch offen ist, ob es einen Alternativantrag auf dem Bundesärztetag geben wird. Möglich wäre es. Zwar wird ein Antrag zugunsten einer Liberalisierung wenig erfolgversprechend sein, aber eine Vertagung der Entscheidung wäre in der momentanen Situation schon ein Erfolg für all jene, die eine Liberalisierung befürworten.

Und dies sind nicht wenig. Schätzungen gehen von 30 bis 40 % der Ärzteschaft aus. Offiziellen Ärzte-Umfragen zufolge kann sich inzwischen jeder dritte Arzt vorstellen, in extremen Fällen beim Suizid zu helfen. Diese Haltung existiert nicht nur unter Ärzten, sondern auch in der Bevölkerung, so der Landesvorsitzende des HVD-Berlin Dr. Bruno Osuch bei der Vorstellung des Kuratoriumspapiers. Diese gesellschaftliche Stimmung gelte es ebenfalls aufzugreifen.

Was bei der ganzen Debatte oft aus der Sicht gerät, ist der ärztliche Auftrag, der ohne Einschränkung dem Patientenwohl verpflichtet ist. Zwar haben die Maßnahmen der Palliativmedizin stets die unbedingte Priorität, allerdings hätten Patienten, deren Leiden mit palliativmedizinischen Angeboten nicht beizukommen ist, ein Anrecht auf anderweitige Hilfe. Freiwillensfähige, perspektivlos kranke und schwerstversehrte Patienten dürften in ihrer Not nicht sich selbst und den Angeboten „dilettierender Nicht-Ärzte" überlassen bleiben, heißt es darin.

Ein Verbot der Suizidbeihilfe wie vom BÄK-Vorstand gefordert hätte genau das zur Folge, sagte die Zweite Sprecherin des Kuratoriums, die Vorsitzende des Kulturausschuss des Berliner Abgeordnetenhauses Alice Ströver. Das Kuratorium des HVD will dies verhindern.

Deswegen sollte nach Auffassung des HVD erwachsenen Menschen, die in terminaler körperlicher Krankheit oder schwerster unumkehrbarer körperlicher Versehrtheit maximale Zuwendung und Therapie erfahren und dennoch weiter leiden, gestattet werden, ihrem Leben mit ärztlicher Hilfe ein Ende zu setzen, wenn sie ihren Sterbewunsch frei verantwortlich, klar und nachhaltig geäußert haben und ihnen zuvor alle Möglichkeiten der Palliativmedizin inklusive eines Verzichts auf lebenverlängernde Maßnahmen umfassend dargelegt und erklärt worden sind.

Um Missbrauch vorzubeugen schlägt das Kuratorium des HVD vor, ein Prozedere zu etablieren, das sich an den Regelungen im US-amerikanischen Bundesstaat Oregon orientieren könnte. Darüber hinaus sei Ärztinnen und Ärzten die Gewissensentscheidung als letzte Instanz ärztlicher Handlungsfreiheit grundsätzlich nur dann zuzubilligen, wenn sie von perspektivlos kranken Patienten um Hilfe zur selbstbestimmten Lebensbeendigung gebeten worden sind.

Dr. Michael de Ridder

Dr. Michael de Ridder, Autor des Buches "Wie wollen wir sterben?" und Mitglied des HVD-Kuratoriums

Diese Forderungen müssen auch berufsrechtliche und strafrechtliche Änderungen nach sich ziehen, dass Ärzte, allein ihrem Gewissen folgend, suizidwilligen Schwerstkranken bei Sterbewunsch in geeigneter Weise beistehen können. Darüber hinaus müsse die in den Richtlinien der Bundesärztekammer zur Sterbebegleitung vertretene Auffassung zur ärztlichen Suizidassistenz mit § 16 der Musterberufsordnung für Ärzte zur Deckung gebracht werden, so dass Ärzten, die bei einer Selbsttötung Beihilfe leisten bzw. geleistet haben, künftig keine Sanktionen mehr drohen.

Dr. Michael de Ridder sagte im Rahmen der Pressekonferenz, dass die Ärzteschaft für aussichtslos Kranke ihre "Arme öffnen" müsse. Da der Suizid letzter Ausweis eines selbstbestimmten Handelns sein könne, sei "ärztliche Empathie" nicht nur ethisch gerechtfertigt, sondern könne sogar ethisch geboten sein. Die Anzahl der Fälle, dies betonte der Mediziner mehrmals, sei gering, liege nach seinen Schätzungen bei maximal wenigen hundert Personen im Jahr. Dem stehe natürlich diese sehr grundsätzliche Frage gegenüber, ob man Ärzten den Weg frei machen wolle, ihr Gewissen in den formulierten Grenzen zur Leitlinie ihres Handelns zu machen, wie es § 2 der ärztlichen Musterberufsordnung vorsieht.

Die Beauftragte für Humanes Sterben des Humanistischen Verbandes, Gita Neumann, sagte bei der Vorstellung:

Wir erleben ab und an, dass Hausärzte im Verborgenen einem auch von uns betreuten Schwerstkranken Hilfe zum Suizid gewähren. Wir erleben noch viel häufiger, wie ein offenes Gespräch auch über diese prinzipielle Möglichkeit den Patienten sehr stark entlastet, ohne dass er diese Hilfe dann in Anspruch nimmt. Dies zukünftig zu verwehren oder zumindest durch die auf dem Ärztetag vorgesehene berufsrechtliche Strafandrohung zu erschweren, ist unmenschlich und unethisch.

Notwendig sei in jedem Fall eine breitere gesellschaftliche Debatte über das Thema, ähnlich wie sie bei der Patientenverfügung stattgefunden habe. Dies betonten alle Beteiligten. Ein demokratischer Willensbildungsprozess, wie er bei diesem Thema stattgefunden habe, sei wünschenswert, sagte etwa Michael de Ridder. Diesen wolle der Bundesverband des HVD im nächsten Halbjahr anstoßen, ergänzte Dr. Bruno Osuch, Mitglied des Bundespräsidiums. Zuvor allerdings wolle man einen Offenen Brief an die Delegierten des Ärztetages schicken, um ein vorschnelles Verbot des ärztlich assistierten Suizids zu verhindern. Man darf gespannt sein, ob sich die Ärzte nächste Woche in Kiel davon beeindrucken lassen.

Fotos: © Peter Groth