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Wir sind nicht Papst. Wir sind Papstprotest!

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Insgesamt 15.000 Menschen nahmen in Berlins Zentrum an der Protestdemonstration gegen die menschen- und geschlechterfeindliche Politik des Papstes teil. Das Motto „Keine Macht den Dogmen“ erwies sich als die richtige Losung zur richtigen Zeit.
Mittwoch, 28. September 2011
Heimkinder Nonne

Kurz nach drei Uhr auf dem Potsdamer Platz, eine Stunde vor dem geplanten Demonstrationsbeginn des Bündnisses Der Papst kommt, muss man befürchten, dass die vielen Aufrufe und Pressetermine nicht gereicht haben, um die Menschen auf die Straße zu locken. Obwohl die über sechzig Organisationen in den vergangenen Wochen die Werbetrommel gerührt haben, haben sich nur wenige hundert Papstkritiker zu dem Zeitpunkt am Versammlungspunkt für die Auftaktkundgebung eingefunden. Sie verteilen sich auf dem Platz, Kamerateams und Fotografen halten Ausschau nach dem Motiv. Ein Medienpulk bildet sich um eine gigantische Nonne, die zur Bürgerinitiative Kinder in Heimen gehört. Die Gruppe besteht aus Menschen, die in katholischen Einrichtungen missbraucht wurden, und demonstrierte zuvor am Brandenburger Tor.

Der Führungstruck des Vereins Christopher Street Day (CSD) und des Lesben- und Schwulenverbandes Berlin-Brandenburg (LSVD) ist auch noch nicht am Potsdamer Platz. Er steht 800 Meter weiter westlich und wartet auf die Abnahme durch die DEKRA, wie auch die anderen Wagen des Demozuges, darunter auch der des Humanistischen Verbandes Berlin-Brandenburg. Sie sollen gegen 16 Uhr zum Potsdamer Platz kommen, um bei der Auftaktkundgebung dabei zu sein. Die Polizei soll die Straßen dafür sperren.

Rom, das ist dein Eklat. Dein Golgatha!

Anti-Papst-Schilder

Zurück am Potsdamer Platz. Aus den wenigen hundert sind kurz vor vier Uhr am Nachmittag vielleicht 3.000 Menschen geworden. Die Medienkarawane kann weitere kritische Stimmen zum Papstbesuch sammeln. Zum Beispiel die des Leierkastenlyrikers Thomas Gostischa. Er singt über Gewalt und Missbrauch in Rom, das Zölibat und die hierarchischen Machtstrukturen, Verlogenheit und Doppelmoral. Die gesungene Quintessenz des Ganzen: „Helau Halleluja. Nein, nicht die Mafia. Rom, das ist dein Eklat. Dein Golgatha!“ Gostischa angesprochen, warum er hier stehe, erklärt er, dass der Papstbesuch ein Ereignis sei, welches er nicht unkommentiert lassen könne. „So böse wie der Ratzinger ist lange kein Papst mehr gewesen“, sagt er mit ernstem Blick, um anschließend weiter an seiner Orgel zu drehen. Auf den Potsdamer Platz gekommen ist auch die 27-jährige  Alena, die als Anhängerin der Kirche des Fliegenden Spaghettimonsters ordnungsgemäß mit Nudelsieb erschienen ist. Sie demonstriert gegen den Papst und die katholische Amtskirche, weil diese verhindern wolle, dass jeder glauben, denken und lieben könne, was er will, wie er will und wen er will. Der Spanier Martin Sagrera verteilt selbst gebastelte Anti-Papst-Transparente. Hunderte A3-Zettel hat er mit Motiven beklebt, die die Verbrechen der katholischen Kirche illustrieren und mit einem unübersehbaren No kommentiert sind. Während der Proteste waren sie überall zu sehen. „Ich demonstriere gegen den Papst, weil er eine Gefahr für die Demokratie weltweit darstellt“, sagte Sagrera, der extra nach Berlin reiste, um an den Protesten teilnehmen zu können.

Polizei verzögert Start der Protestkundgebung

Vier Uhr ist vorüber, der Truck des CSD e.V. ist noch nicht angekommen. Der Ablauf gerät durcheinander. Schuld daran ist die Polizei, die die Straßen nicht rechtzeitig für die Demo gesperrt hat. Um eine ganze Stunde verzögert sich die Auftaktkundgebung aufgrund dieser Panne. Die Frage, ob das Zufall ist, dass es hier nicht voran geht, während der Papst im Bundestag über das Naturrecht und dessen Bedeutung predigt, kommt auf. David Berger, ein Opfer des besonderen katholischen Verständnisses dieser sozialen Naturrechtslehre, wird die Rede am Ende der Demonstration, am Bebel-Platz, deuten.

Rosa von Praunheim

Doch bis dahin dauert es noch. Zwischen vier und fünf Uhr kommen immer mehr Menschen auf den Potsdamer Platz. Wahrscheinlich konnten viele nicht früher ihre Arbeitsplätze verlassen. Unter den Protestierenden sind auch Prominente wie der homosexuelle Regisseur Rosa von Praunheim, die Theologin und Kirchenkritikerin Uta Ranke-Heinemann sowie einige Mitglieder des Berliner Abgeordnetenhauses. Die 5.000er Marke wird in dieser Zeit sicher durchbrochen. Das liegt jedoch immer noch weit unter den Erwartungen des Protestbündnisses aus Lesben- und Schwulenorganisationen, Frauenrechtsgruppen, Humanisten, Atheisten, Linken Gruppen und kritischen Gläubigen, das mit 15.000 Menschen und mehr kalkuliert hatte. Im Bundestag beginnt das politische Theater. "Staatsoberhaupt" Josph Ratzinger betritt nicht im weltlichen Dreiteiler, sondern in religiösem Ornat das Plenum. 

Gegen fünf Uhr positioniert sich der CSD-Truck auf der Kreuzung am Potsdamer Platz, die Menge versammelt sich um den Wagen. Die Auftaktveranstaltung kann beginnen. Die RadioEins-Moderatorin Frauke Ottenberg und der Pressesprecher der Deutschen AIDS Hilfe Holger Wicht moderieren die Auftaktkundgebung. Im Stile eines Jörg Kachelmann beginnen sie die Protestdemo. Sie fordern Nebel am Springer-Hochhaus, um das Benedikt-Transparent unsichtbar zu machen und sprechen vom frischen Wind, den der Pontifex scheinbar nicht mag, denn die Berliner, die an der Strecke wohnen, an der sein Konvoi vorbeifuhr, waren von den Behörden aufgefordert worden, die Fenster zu schließen.

Der Bundestag ist kein Ort für den Papst

Den Auftakt der inhaltlichen Protestreden macht die Vorstandsvorsitzende der Frauenrechtsorganisation Terre des Femmes Irmingard Schewe-Gerigk. Die Demonstration richte sich nicht gegen Gläubige, macht sie noch einmal deutlich, sondern gegen die Rede des Papstes als Oberhaupt der katholischen Kirche im Deutschen Bundestag.

Der Plenarsaal des Deutschen Bundestages ist ein Ort der Debatte, ein Ort des Ringens um die Durchsetzung einer mehrheitsfähigen Position. Der Plenarsaal ist kein Ort für den Papst. Er ist kein Ort zum unwidersprochenen Vortragen von Dogmen. Wir sagen: Keine Macht den Dogmen.

Demonstration 2

Schewe-Gerigk erklärt weiter, dass es ein fatales Zeichen sei, wenn der Papst an dem Ort sprechen dürfe, wo Gesetze beschlossen werden, die er nicht nur ignoriere, sondern sogar massiv bekämpfe. Sie erinnert an die Ignoranz des deutschen Grundgesetzes und zentraler Menschenrechte durch die katholische Kirche und fragt, warum dies die Bundestagsabgeordneten nicht interessiert. Anhand der Begegnungen des Papstes mit dem geschiedenen und wiederverheirateten Bundespräsidenten Christian Wulff, der protestantischen und kinderlosen Kanzlerin Angela Merkel, dem offen schwul lebenden Berliner Bürgermeister Klaus Wowereit und dem ebenfalls bekennend homosexuell lebenden Außenminister Guido Westerwelle erinnert die Frauenrechtlerin an die reaktionäre Einstellung der katholischen Amtskirche. Nach deren Moral leben diese Politiker alle in Sünde. „Aber dann muss Berlin ja ein reinster Sündenpfuhl sein“, sagt Schewe-Gerigk. Statt woanders Sünde zu suchen, müsse die Kirche selbst aufräumen und vor allem die Missbrauchsfälle schonungslos aufklären. Die patriarchalen Verhältnisse in der Kirche seien die Ursache des massiven Missbrauchs in katholischen Einrichtungen – dem müsse sich die Kirche stellen und Reformen umsetzen. Schließlich kritisiert sie die unrühmliche Rolle des Vatikanstaats in der UN-Generalversammlung, wo der Vatikan Hand in Hand mit fundamentalistischen Staaten wie Saudi Arabien oder Uganda die Umsetzung von zentralen Frauen- und Menschenrechten verhindere.

Gerade dieser Papst ist keine moralische Autorität

Nach ihr spricht die Theologin und ehemalige Ratzinger-Kommilitonin Dr. Uta Ranke-Heinemann. Die Tochter des ehemaligen Bundespräsidenten legt in ihrer Rede die biblischen Quellen für die Homosexuellenfeindlichkeit der katholischen Amtskirche offen. Vor der immer weiter anschwellenden Menschenmenge zu sprechen fällt ihr sichtlich schwer. Doch mit Witz und Charme geht sie mit den Aussetzern um, die ihr das vom Wind verwehte Manuskript beschehrt. Einige Minuten lang zitiert sie Bibelstellen, auf die sich die Homosexuellenhetze der Amtskirche seit Jahrhunderten beruft. Zuweilen wirkt es befremdlich, da das Finale, welches diese Zitate in die Sphäre der Absurdität verschiebt, lange auf sich warten lässt. Doch dann kommt es:

Die Sexualfeindlichkeit der Kirche hat noch weitere dramatische Auswirkungen. Sie führt zu widerwärtigen sexuellen Verirrungen: Die Verbrechen, die von zwangsentsexualisierten Priestern an Kindern und Jugendlichen verübt wurden und noch verübt werden. Dies unaussprechliche Leid schreit zum Himmel. Und Papst Benedikt ist der größte Vertuscher dieser Verbrechen.

Menge Posdamer Platz

Die Papstrede im Bundestag ist vorüber, der Pontifex ist auf dem Weg ins Olympiastadion. Inzwischen ist aber auch die Menge am Potsdamer Platz beträchtlich gewachsen. Mindestens 10.000 Menschen halten sich am frühen Abend hier auf, als der Präsident im Humanistischen Verband Deutschlands (HVD) Frieder Otto Wolf an das Mikrofon tritt. Er macht deutlich, warum die vielen Vorwürfe an die Papstkritiker, sie seien anti-religiös, anti-christlich oder anti-katholisch, ihnen fehle Toleranz und sie seien verbissen, ins Leere zielen. Man protestiere, weil „es noch großen Nachholbedarf gibt, was die Trennung von Staat und Kirche betrifft.“ Da diese noch immer nicht vollzogen sei, genießen die katholische Kirche Privilegien, die abgeschafft gehören – zumal ihr innerer Zustand keinerlei Privilegierung rechtfertige:

Die Art und Weise, wie dieser Papst die Katholische Kirche gegen alle schwachen Tendenzen zur Selbstkritik und Selbstkorrektur im Sinne einer überholten, menschenrechts- und demokratiefeindlichen Moral festlegt und sich dafür auf seine hierarchische Autoritätsstellung beruft, halten wir für völlig unvertretbar und unzeitgemäß. Gerade dieser Papst ist keine moralische Autorität - die von ihm vertretenen moraltheologischen Positionen sind für die aufgeklärte Öffentlichkeit längst unhaltbar geworden. […] Wir protestieren gegen eine schon längst überholte Privilegierung der ehemaligen Staatskirchen, deren Defizit an Modernisierung und Demokratisierung dieser Papst Benedikt XVI. hier und heute durch seinen Auftritt im Bundestag geradezu beispielhaft vorführt.

Benedikt ist einer der Hauptverantwortlichen für die Unterdrückung von Homosexuellen

Bodo Mendel vom Lesben- und Schwulenverband Berlin-Brandenburg lenkte die Aufmerksamkeit der Protestler auf den Umgang der katholischen Amtskirche mit Homosexuellen und dabei insbesondere auf die politischen Aktivitäten des Papstes. So mache der Vatikan etwa bei den Vereinten Nationen gemeinsam mit Saudi Arabien und dem Iran Front gegen die Menschenrechte von Homosexuellen. Maßnahmen zum Schutz von Schwulen, Lesben und Transgender versuche er zu hintertreiben. Damit ist er …

… einer der Hauptverantwortlichen für die Unterdrückung von Lesben, Schwulen und Transgender auf der Welt. Er kämpft an der Seite von brutalen Diktatoren gegen unsere Menschenrechte. Laut einer Erklärung aus diesem Jahr hält der Vatikan sogar die Kriminalisierung homosexuellen Verhaltens für legitim. Das ist mehr als ein Skandal.

Dass dies keineswegs bei allen Katholiken auf Zustimmung stößt beweist die Anwesenheit des katholischen Priesterpaars Norbert Reicherts und Christoph Schmidt, die am Vorabend gemeinsam mit Lesben und Schwulen eine ökumenische Eucharistiefeier in der Kirche St. Thomas am Mariannenplatz feierten. Die evangelische Kirchgemeinde in Kreuzberg hatte ihre Kirche dafür zur Verfügung gestellt, woraufhin sich der neue Berliner Erzbischof Rainer Maria Woelki empörte, dass dies „ein schwerwiegender Angriff gegen die Einheit der Kirche“ sei. Die Gastfreundschaft der evangelischen Kirche nahm Woelki "mit Befremden zur Kenntnis". Ob einen solchen Angriff auf die Einheit der Amtskirche und ihrer rigiden Regeln auch das offen schwule Leben von Berlins regierendem Bürgermeister Klaus Wowereit darstellt, dem Papst Benedikt in diesen Minuten im Olympiastadion als letztem "Sünder" des Tages die Hand schütteln muss? Wer weiß. Zurück zu Reicherts und Schmidt. Sie waren aufgrund ihrer Beziehung von ihrem Priesteramt enthoben worden, nachdem sie bereits gekündigt hatten und seither als „selbständige Priester“ hetero- und homosexuelle Paare trauen. Christoph Schmidt ermunterte andere Priester, sich ebenfalls zu outen:

Man kann Priester sein, und schwul, und verheiratet. Und das ist gut so.

Eine Schweigeminute für die AIDS-Toten

Linke Bus

Bevor sich der Zug mit den Wagen auf den Weg macht, schließt der Vorsitzende der Deutschen AIDS Hilfe Carsten Schatz mit seiner Protestrede. Als 1996 Papst Johannes Paul II. Deutschland bereist habe, habe er auch protestiert. Damals erhielt er eine Strafanzeige wegen Beleidigung eines ausländischen Staatsoberhauptes, weil er ein Transparent mit der Aufschrift „Päpste sind Mörder“ mitbrachte. Das erschreckende sei nicht die Anzeige von damals, sondern dass sein Transparent von 1996 bis heute nichts an Gültigkeit verloren habe. Die Kondompolitik des Papstes gefährdet die Gesundheit von Millionen Menschen, sagt Schatz und zitiert er aus einem vatikanischen Dokument:

Der Vatikan unterstützt nicht den Einsatz von Kondomen in der sexuellen Aufklärung und für die HIV-Prävention. Anstrengungen sollten sich darauf konzentrieren, die Welt nicht zu überzeugen, dass gefährliches Verhalten Teil eines akzeptablen Lebensstils ist, sondern auf ethische und empirisch bewiesene Risikovermeidung. Die einzig sichere und total verlässliche Methode einer HIV-Übertragung vorzubeugen, ist die Abstinenz vor der Ehe und Respekt und gegenseitige Treue in der Ehe, was auch immer die Basis jeder Diskussion  über HIV-Prävention und Unterstützung war und immer sein muss.

Allein im letzten Jahr waren zwei Millionen Menschen an Aids gestorben. Diesen Menschen widmet Schatz seine letzte Redeminute. Es ist ein Moment voller Würde und Achtung vor dem Menschen, als mehr als 10.000 Menschen gemeinsam in einer Schweigeminute innehalten.

15.000 Protestler auf dem Weg durch Berlins Zentrum

Kurz nach sechs Uhr, der Papst ist inzwischen auf dem Weg ins Berliner Olympiastadion, setzt sich der Protestzug langsam in Bewegung. An Bord des CSD-Trucks sind zahlreiche Bundestagsabgeordnete, die der Rede des Papstes ferngeblieben sind. Ein Großteil der Linksfraktion, darunter Andrej Hunko, Katja Kipping und Ulla Jelpke, sowie einige grüne Bundestagsabgeordnete werden begeistert begrüßt. In der Menge sieht man aber auch den Sozialdemokraten und Laizisten Rolf Schwanitz. Er ist nicht der Einzige der SPD-Bundestagsfraktion, der der Rede ferngeblieben ist.

Es dauert ungefähr eine Dreiviertelstunde, bis alle Wagen, angeführt vom schwulen Papa-Mobil, an den Führungstruck des CSD heranfahren und sich die inzwischen deutlich mehr als 10.000 Protestierenden den Wagen anschließen können. Am Ende der Demonstration wird Veranstalter Robert Kastl bekannt geben, dass die Menge während der Proteste auf 15.000 Menschen angewachsen ist.

Schwarzer Block

Halb sieben, als es im Olympiastadion still wird und der Papst mit seiner Massenmesse beginn, knistert es am Potsdamer Platz erstmals an diesem Abend unangenehm. Mit den Jusos hat sich der letzte Wagen in den Protestzug eingereiht, dahinter soll nur noch ein so genannter Schwarzer Block der Antifa die Nachhut des Protests bilden. Die etwa 200 teils vermummten und vorrangig jungen Menschen, die sich hinter einem schwarzen Not Welcome-Transparent versammeln, gehören zu dem gleichnamigen linksautonomen Bündnis. Ihnen gegenüber formieren sich die Einsatzkräfte der Polizei. Spannung liegt in der Luft. Zwar musste die Antifa beim letzten Treffen des Bündnisses wie alle anderen Bündnismitglieder die Gewaltverzichtserklärung unterzeichnen, doch selbst die Veranstalter hatten bis zuletzt ein mulmiges Gefühl. Doch es bleibt während der Proteste friedlich, nur in einem Einzelfall muss die Polizei schlichtend eingreifen.

Dies liegt auch an der Kreativität der Demonstrierenden. Fliegende Spaghettimonster und die sie anhimmelnden Piraten, Gegenpäpste und Kardinäle, singende Nonnen und wandelnde Pillenschachteln sorgen für heitere, ja ausgelassene Stimmung. Wollte der Papst mit seinen ernsten Botschaften durchdringen, machen sich die Demonstranten hier einen Gaudi daraus. Zur Musik tanzend bewegen sie sich Richtung Bebel-Platz an der Berliner Humboldt-Universität. Das allseits bekannte Leitmotiv, Heidenspaß statt Höllenqual, ist die passende Allegorie zur Atmosphäre der Demonstration.

Der HVD Berlin-Brandenburg sorgt mit einer Gegenpäpstin für Aufsehen. Unter dem Motto Zuviel Weihrauch vernebelt ließ sich eine auf einer Nebelmaschine sitzende Josephine Ratzinger durch Berlin kutschieren, während ihre bischöflichen Lakaien Werte wie Toleranz, Selbstbestimmung oder Menschenrechte aus deren Blickfeld wischen. Aber auch die schwullesbische Sektion von ver.di, der LSVD, die Jusos, die Deutsche AIDS Hilfe, die Frauenrechtlerinnen, die Opferorganisationen und die Linken sorgen für gute Stimmung. Die Performances der einzelnen Akteure reichen von witzig über skurril und makaber bis hin zu bitterernst.

Aufsehen erregt neben der Antifa insbesondere auch ein Block der Gesichtslosen, den die Organisationen der Missbrauchsopfer und eine weitere linksautonome Gruppe, das What the Fuck-Bündnis, organisierten. Aus Gründen des Opferschutzes bitten sie darum, nicht fotografiert zu werden. Gemeinsam mit den Autonomen skandiert dieser Gesichtslosen-Block Kein Gott. Kein Staat. Kein Patriarchat.

Dem Parlament auf die Finger geklopft

Volker Beck

Die 15.000 Demonstranten sind in Berlins Zentrum weder zu übersehen noch zu überhören. Während der Papst am Rand von Berlin predigt, machen die Demonstranten unmissverständlich deutlich, dass sie die menschen- und geschlechterfeindliche Sexualpolitik des Papstes sowie deren Propagierung im Deutschen Bundestag nicht unwidersprochen hinnehmen. Niemand auf der Demo hat Zweifel daran, dass Papst Benedikt XVI. im Bundestag als religiöses Oberhaupt gesprochen hat. Die Empörung über diesen Verstoß gegen die Trennung von Staat und Kirche eint alle Demonstrierenden. Sie setzen mit ihrem Marsch durch Berlin ein deutliches und wichtiges Zeichen für die verfassungsgemäß säkulare Bundesrepublik Deutschland. 15.000 aufmerksame Bürger haben dem Parlament auf die Finger geklopft.

Kurz vor sieben trifft der CSD-Truck am Zielort ein. "Friede sei mit Euch!" hallt es zu dem Zeitpunkt durch das Olympiastadion. Am Bebel-Platz sind auch einige grüne Bundestagsabgeordnete, darunter auch Volker Beck, die zuvor die Rede des Papstes im Bundestag verfolgt haben. Nach und nach versammelt sich die Menge zwischen Neuer Wache und Staatsoper. Der eigentliche Versammlungsplatz vor der katholischen Hedwigskathedrale ist von der Polizei kurzfristig abgesperrt worden. Der sich selbst und den erfolgreichen Protest feiernden Menge macht das nichts aus. Bei wummernden Bässen tanzen Tausende begeistert gegen den Papst an. Der katholischen Frömmigkeit setzen sie menschliche Ausgelassenheit entgegen. In Berlins Mitte weht die Fahne der Toleranz.

Die Rede war eine große PR-Aktion für den Vatikan

Gegenpapst Fahne

Gegen halb acht wird die Anti-Papst-Party noch einmal unterbrochen. David Berger, einst ein Shootingstar in der erzkonservativen katholischen Szene und inzwischen als "Sodomit" geschasst, weil er sich zu seiner Homosexualität bekannt und von der katholischen Amtskirche abgewendet hat, spricht zu den Protestierenden. Er ist erst hier zur Demonstration hinzugestoßen, weil er vorher auf Einladung von Bündnis 90/Die Grünen im Bundestag die päpstliche Rede verfolgt hat. Während Papst Benedikt im Olympiastadion seine Predigt beendet hat und seine Liturgie in Teilen in lateinischer Sprache durchführt - ein Akt, der hierzulande nur noch in konservativen katholischen Kreisen üblich ist - lässt Berger die Demonstranten hinter die fromme Kulisse der theologischen Rede des Papstes im Bundestag blicken. Er macht deutlich, dass sich Papst Benedikt mit dieser Rede die Legitimation des deutschen Parlaments für weitere Hasstiraden und politische Aktionen gegen Homosexuelle oder Abtreibungen geholt hat.

Das war eine große PR-Aktion für den Vatikan. […] Unter dem Schutz dieser PR werden wieder Forderungen von der katholischen Kirche kommen gegen die Gleichberechtigung homosexueller Menschen, besonders bei den eingetragenen Partnerschaften und der Ehe. Man wird sich darauf berufen können und einen entsprechenden Rückhalt haben durch dieses großartige Auftreten des Papstes und den Applaus der Bundestagsabgeordneten.

Es ist Zeit, die Trennung von Staat und Kirche zu vollenden

Den redenden Schlusspunkt setzte die Giordano Bruno Stiftung (gbs) und ihr Sprecher Michael Schmidt Salomon sowie Mina Ahadi von den Ex-Muslimen. Ahadi ging auf die strategischen Parallelen der Fundamentalisten in Islam und Christentum ein. Schmidt-Salomon stellte auf die Abgründe in der katholischen Kirche ab. Bewerte man die Bilanz des Vatikan bei Menschenrechten, Sexualmoral, Finanzgebaren und berücksichtige ihre historische Belastung, dann müsse man diesen Staat zwangsweise „Schurkenstaat“ nennen. Der deutschen Regierung wirft er politische Untätigkeit vor.

Wir fordern die deutschen Politikerinnen und Politiker auf: Legen Sie den falschen Respekt vor der Amtskirche ab! Und erfüllen Sie endlich den Job, für den Sie als Vertreter einer offenen, modernen Gesellschaft bezahlt werden!

Finale

Im Anschluss stellt Schmidt-Salomon konkrete Forderungen. Die deutsche Politik solle die juristische Aufarbeitung der Missbräuche in katholischen Einrichtungen forcieren, das kirchliche Arbeitsrecht an die europäischen Antidiskriminierungsregeln anpassen, den Staatsleistungen ein Ende machen und die Registrierung der Konfession einstellen. Darüber hinaus sollen sich deutsche Politiker dafür einsetzen, dass die Amtskirche auf die die Seligsprechung für Papst Pius XII. verzichtet, ihre unzeitgemäße Sexualpolitik reformiert und ihren Völkerrechtsstatus verliert.

Da es in Deutschland mittlerweile mehr konfessionsfreie Menschen als Katholiken gibt und nur noch wenige deutsche Katholiken die Positionen des Papstes unterstützen, stehen die Chancen für einen grundlegenden Wandel günstig: Es ist an der Zeit, die Trennung von Staat und Kirche zu vollenden. Beseitigen wir die Reste des alten, autoritären, patriarchalen Denkens, für das die katholische Kirche wie kaum eine andere Institution weltweit steht!

Nach diesen Worten verlassen die meisten der Protestierenden den Zielort des Protestzuges. Zwischen 1.000 und 2.000 Menschen feiern noch mit Marusha in den lauen Abend hinein. Um neun Uhr muss der CSD-Truck den Platz räumen. Die Party ist vorbei.

Nachtrag: Den Hauptorganisatoren Robert Kastl, Pascal Ferro und Lisa Garbe und ihren Teams vom CSD e.V. und dem LSVD Berlin-Brandenburg e.V. ist es zu verdanken, dass diese säkular-menschenrechtliche Rallye überhaupt in diesen Dimensionen möglich wurde. Sie verloren nie ihre Zuversicht und ihren Optimismus, dass dieses Event Berlin bewegen wird. Und dies hat es getan. Um sie nun nicht auf den Kosten sitzen zu lassen, sind weitere Spenden nötig. Jeder Euro zählt. Gespendet werden kann auf dieses Soli-Konto.