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Papstkritisches Bündnis in Berlin plant Zukunft

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Wie weiter mit dem Bündnis "Der Papst kommt!"? Darüber wollen sich die Bündnispartner am kommenden Donerstag unterhalten. „Die im Bündnis kritisierten Probleme sind ja schließlich nicht mit dem Papst aus Deutschland verschwunden.“
Freitag, 7. Oktober 2011
Papstprotest

"Keine Macht den Dogmen!" forderten ca. 15.000 Demonstranten am 23. September im Zentrum von Berlin

Rund zwei Wochen liegt die Deutschlandtour von Benedikt XVI. zurück. Während sich Bischöfe hinter verschlossenen Türen wegen der Papstforderung nach Aufgabe von finanziellen und staatlichen Privilegien noch ungläubig die Äuglein reiben, wollen die Vertreter des Berliner Protestbündnisses gegen die menschenfeindliche Sexual- und Geschlechterpolitik des Papstes am kommenden Donnerstag eine Bilanz ihrer Arbeit ziehen und sich über Fortsetzungen Gedanken machen. Erste Ideen gibt es schon.

Das schließlich aus 70 Organisationen bestehende Protestbündnis hatte bei Benedikts XVI. Auftritt in Berlin am 22. September rund 15.000 Menschen mobilisiert, die im Herzen der Hauptstadt gegen den Papst und die Politik seiner Kirche protestierten. Pascal Ferro, Koordinator vom Bündnis Der Papst kommt! sagte im Rückblick:

Ich freue mich immer noch riesig über die bunte, vielfältige Menge von Teilnehmern, die wir bei den Protesten gesehen haben. Mit ganz unterschiedlichen Plakaten und Botschaften, den Masken und Kostümen haben diese vielen Menschen ihrem Unmut einen Ausdruck verschafft. Und ist es absolut friedlich geblieben und wurde eine fröhliche Veranstaltung. Das war ein tolles Geschenk.

Beim kommenden Netzwerktreffen soll zur Arbeit des Bündnisses eine Bilanz gezogen werden. „Wir wollen fragen: Was lief gut? Was ist verbesserungsfähig?" Ferro selbst meint, fast nur positive Erlebnisse und Eindrücke gefunden zu haben. Erschrocken war er jedoch, wie andere Protagonisten der Papstkritik im Vorfeld der Deutschlandtour des Papstes ebenfalls, über die vielen von Hass und wüsten Beschimpfungen geprägten E-Mails. Schon Wochen vor dem eigentlichen Ereignis hatte er aufgehört, sie zu zählen.

Pascal Ferro

Bündniskoordinator Pascal Ferro im Einsatz

Innerhalb des Bündnisses hatten wir aber nie wirklich Streit, trotz unserer Herkunft aus ganz unterschiedlichen Bereichen und manchmal recht verschiedener Vorstellungen. Doch wir haben es schließlich immer geschafft, das gemeinsame Ziel zu sehen und uns zu einigen.

Nicht selbstverständlich, denn immerhin waren im Bündnis fromme Reformkatholiken und energische Religionskritiker zusammengekommen.

Pascal Ferro würde es jedenfalls begrüßen, wenn das im Protestbündnis entstandene Netzwerk auch in Zukunft erhalten bleibt. Zentrales Thema des Treffens im DGB Gewerkschaftshaus nahe dem U-Bahnhof Wittenbergplatz wird deshalb die Frage sein: In wie weit kann die gemeinsame Zusammenarbeit weiter fortgeführt werden? Gründe, warum das vielfältige Netzwerk in Berlin auch nach dem Abflug des Papstes erhalten bleiben könnte, sieht Ferro durchaus.

Die im Bündnis kritisierten Probleme sind ja schließlich nicht mit dem Papst aus Deutschland verschwunden.

Er würde es jedenfalls sinnvoll und nützlich finden, wenn die bisher beteiligten Vereinigungen auch zukünftig zusammenarbeiten und beispielsweise gemeinsame Veranstaltungen durchführen. „Ich würde mir wünschen, dass man das weiterhin auf dieser Ebene koordinieren kann. Vorstellbar ist für mich, dass wir uns einmal pro Quartal treffen, um gemeinsame Projekte auszuloten und zu besprechen."

Spardose

Sorgen macht dem Bündnis nach wie vor das liebe Geld. Immer noch haben nicht alle Bündnismitglieder ihren Beitrag gezahlt, um die Kosten zu decken. Auch darüber soll am kommenden Donnerstag geredet werden.

Ein klares Manko für die erfolgreiche Arbeit des Protestbündnisses gibt es aber doch noch. Denn immer noch haben nicht alle beteiligten Organisationen die vereinbarte Gebühr von rund jeweils 300 Euro gezahlt, während Partner wie der Bruno Gmünder Verlag oder der Humanistische Verband (HVD) sogar deutlich mehr als den Mindestbetrag zur Unterstützung gespendet haben. Schließlich belaufen sich die Außenstände bei der Finanzierung der Proteste nun weiterhin auf einige Tausend Euro, erklärte dazu Jörg Steinert vom Lesben- und Schwulenverband Berlin-Brandenburg (LSVD). Sehr dankbar ist man beim LSVD und dem CSD e.V. deshalb auch den vielen Einzelpersonen, die mit Online-Spenden oder bei der zusätzlichen Sammlung während der Demo in Berlin beim Schließen der klaffenden Finanzierungslücke geholfen haben. Rund 2.000 Euro kamen allein am 22. September in die Spendendosen. LSVD-Geschäftsführer Jörg Steinert sagte dazu:

Damit der CSD e.V. als Veranstaltungsträger aber nicht aus eigener Kasse draufzahlen muss, können wir auf fehlenden Teilnahmegebühren der restlichen Bündnispartner nicht verzichten.

Deshalb soll am Donnerstag auch diskutiert werden, auf welche Weise man die säumigen Schuldner an die Kasse bitten wird.

Nicolai Sprekels aus dem Vorstand des Bündnismitglieds Evolutionäre Humanisten Berlin-Brandenburg e.V., hat bereits konkrete Ideen, wie das Netzwerk des Protestbündnisses in Zukunft genutzt werden könnte. Nach dem gestrigen Treffen der Berliner Regionalgruppe der Giordano Bruno Stiftung (gbs) sagte Sprekels:

Wir haben daran gedacht, in Zukunft ein Verzeichnis säkularer Therapeuten für von Missbrauch betroffene Menschen und Heimkinder, die Gewalt erlebt haben, aufzubauen. Das ist sicherlich schon ein Projekt, das dann durch das bestehende Netzwerk gestärkt werden könnte.

Und vom bisherigen Einsatz des Bündniskoordinators Pascal Ferro während der vergangenen Monate zeigte sich die Gruppe der Evolutionären Hauptstadt-Humanisten vollkommen überzeugt. Sie wünschen sich, dass er damit weitermacht. Sprekels:

Wir hoffen sehr, dass Pascal Ferro seine Arbeit im Netzwerk in den kommenden Monaten weiter fortsetzen wird.

Ferro selbst erklärte, die Koordinationsarbeit in Zukunft auch ehrenamtlich zu übernehmen, falls es dafür im Bündnis genug Sympathien beim Netzwerktreffen am kommenden Donnerstag gibt.