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Lernen von den Briten

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Im vergangenen Jahr fanden in London die bisher größten Proteste gegen einen Papst auf Auslandsreise statt. Ein buntes Bündnis von Organisationen zog friedlich protestierend durch Londons Straßen. So haben dies auch hierzulande die Protestler vor. Einige Tipps für die Protestgruppen in Berlin, Erfurt und Freiburg von dem Cheforganisator der Proteste, dem Geschäftsführer der britischen Humanisten Andrew Copson.
Montag, 5. September 2011
London Pope 1

Ehe wir von Hyde Park Corner aufbrachen, schätzte uns die Londoner Polizei auf 12.000 Personen. Diese Zahl wuchs stetig, da immer mehr Demonstranten zum Picadilly Circus strömten; während wir marschierten, warteten noch mehr Protestierende an der Strecke und schlossen sich uns an, ebenso wie viele Schaulustige, die erkannten, wofür wir demonstrierten und dies unterstützten. Gegenüber Downing Street, wo die Schlusskundgebung mit Rednern wie Richard Dawkins stattfand, warteten ungefähr Tausend weitere Leute darauf, sich uns zu anzuschließen. Zu diesem Zeitpunkt gingen wir auf 20.000 Teilnehmer zu. 

Die US-amerikanische Zeitung National Catholic Register meldete, dass dies "der größte öffentliche Protest war, auf den Benedikt XVI. bisher auf einer Auslandsreise traf, und einer der größten Proteste gegen den Papst überhaupt in der neueren  Geschichte." Für uns war es der Höhepunkt einer fast einjährigen Planung und einer Woche voller Protestveranstaltungen gegen den ersten Staatsbesuch des Papstes in Großbritannien. Dabei gab es zahlreiche Schwierigkeiten: wir waren konfrontiert mit einer Presse, die, obwohl sie im Vorfeld des Staatsbesuchs gerne über die Opposition berichtete (hauptsächlich über die Geheimhaltung von Kindesmissbrauch), während des Besuchs zunehmend unkritischer wurde. Wir fanden es schwierig, unsere Botschaften klar und deutlich beizubehalten und den Zerrbildern, die entgegen gesetzte katholischer Gruppierungen von uns entwarfen, Stand zu halten. Zudem hatten wir nur wenige Ressourcen – besonders verglichen mit denen der Katholischen Kirche! Aber es sprach eine Menge für uns.

London Pope 2

Um die größtmögliche Basis für die Unterstützung unserer Kampagne einzubeziehen, hatten wir zuvor eine Grundsatzerklärung verfasst, die offen festhielt, „dass die unterschiedlichen Gruppen, die diese Kampagne unterstützen, aus verschiedenen Gründen gegen den Staatsbesuch des Papstes in England im September 2010 sind." Dies ermöglichte es uns von Anfang an auf ein breites Bündnis an Unterstützern zuzugreifen, die von einer Vielzahl an Beschwerden und Fragen angetrieben wurden. Wir betonten, dass unser Protest auf den staatlichen Aspekt des Besuches abzielte, was wiederum Katholiken, die die Taten des Vatikans als Staat ablehnen, ermöglichte, uns zu unterstützen (tatsächlich war ein Sprecher unserer Kundgebung ein Priester!). Wir erklärten, dass es „dem Papst, als Bürger Europas und als Oberhaupt einer Kirche mit vielen Anhängern in Großbritannien, natürlich freisteht unser Land zu bereisen.

Aber genauso wie er ein Kirchenoberhaupt ist, ist er auch ein Staatsoberhaupt und der Staat und die Kirche, denen er vorsteht sind gegen die Verteilung von Kondomen und sind folglich verantwortlich für die Entstehung von Großfamilien in armen Ländern und die Verbreitung von AIDS; fördern Bildungsbenachteiligung; verweigern auch gefährdete Frauen die Abtreibung; sind gegen die Gleichstellung von Lesben, Schwulen, Bisexuellen und Transsexuelle (LSBT-Rechte) und haben es versäumt, die vielen Fälle von Kindesmissbrauch innerhalb der eigenen Organisation aufzuklären ... Der Staat, dem der Papst vorsteht, lehnt es auch ab maßgebliche Menschenrechtskonventionen zu unterzeichen und macht eigene Verträge (sog. Konkordanzen) mit zahlreichen Staaten, die sich negativ auf die Menschenrechte der Bürger dieser Staaten auswirken. Als Staatsoberhaupt ist der Papst kein geeigneter Gast der britischer Regierung, dem die Ehre und Anerkennung eines Staatsbesuches nicht zuteil werden sollte."

London Pope 4

Es war also der Papst als Staatsoberhaupt, der auf Staatsvisite kam und gegen den wir protestierten. Wir mussten hart arbeiten, um diese Tatsache in der Öffentlichkeit zu halten, was eines unserer Hauptprobleme darstellte. Viele Medienvertreter versuchten uns lediglich als anti-katholische Gruppierung darzustellen. Es war uns aber bei diesen Gelegenheiten wichtig zu zeigen, dass, erstens, viele Katholiken uns in unseren Ansichten unterstützten, was die Machenschaften des Vatikans, die Verurteilung von Kondomen, Abtreibung, LSBT-Rechten, und die Rechte von Frauen und Kinder anging. Und zweitens, dass es sich um den Staatsbesuch und die Anerkennung des Papstes als Staatsoberhaupt handelte, wogegen wir protestierten.  

Glücklicherweise konnten wir in der Organisationsphase der Demonstration und der Kundgebung Unterstützung für sowohl vor als auch während der Woche des Besuches gewinnen. Im Vorfeld des Besuches nahmen die Vertreter unserer Kampagne zahlreiche Medienauftritte wahr, bei denen sie sich gegen den Papstbesuch als Staatsbesuch aussprachen und somit unser Anliegen in der Öffentlichkeit halten konnten. Als der Besuch näher rückte, verstärkten wir unsere Medienpräsenz und veranstalteten eine öffentliche Debatte, bei der die bekannten Humanisten A.C. Grayling und Polly Toynbee mit katholischen Vertretern über die Frage des Papstbesuchs als Staatsbesuch diskutierten. In dem übervollen Saal befanden sich Anhänger beider Lager. Die Debatte wurde zu einem wichtigen Ereignis, da sie die Möglichkeit bot, das Für und Wider des Besuches zu diskutieren. Für uns war es wichtig, da wir dadurch auch die Aufmerksamkeit weiterer Besuchsgegner erreichen und sie für unsere Sache gewinnen konnten. Unsere große Party während des Papstbesuches hatte denselben Effekt: wir konnten Menschen zusammenbringen und ihnen das Gefühl vermitteln, Teil einer Protestbewegung zu sein. Während all dieser weitschweifigen und geselligen  Veranstaltungen forderten wir immerfort dazu auf, zu unserer Demonstration zu kommen.

London Pope 3

Um unsere nicht nur breit aufgestellte sondern auch prominente Unterstützung zu zeigen, veröffentlichten wir im Vorfeld des Besuches einen offenen Brief in den Zeitungen. Dieser Brief, der sich an unsere Grundsatzerklärung anlehnte, wurde von Akademikern, Wissenschaftlern und Prominenten wie Stephen Fry, Stewart Lee, Philip Pullman, Ken Follett, Susan Blackmore und Terry Pratchett unterzeichnet. Dies erhöhte nicht nur unseren Bekanntheitsgrad, sondern verlieh der Kampagne bekannte Gesichter, die die Öffentlichkeit mit unserem Anliegen in Verbindung bringen konnte und noch mehr Leute motivierte, sich uns anzuschließen.

Weitere Promi-Unterstützung erhielt die Kampagne durch die restlos ausverkaufte Comedy-Nacht am ersten Tag des Besuches unter der Mitwirkung von Robin Ince, Ed Byrne, Ben Goldacre, Natalie Haynes, Tim Minchin, Richard Herring, Andy Zaltzman, Tony Hawks, Peter Tatchell und vielen anderen. Das eingespielte Geld wurde afrikanischen AIDS-Stiftungen gespendet, wodurch auf die schädlichen Auswirkungen der Afrika-Politik des Vatikans aufmerksam gemacht

Als Ergebnis all unserer Bemühungen wurden wir ernst genommen, was sich in einem Treffen mit dem katholischen Erzbischof von Southwark Smith zeigte, dem wir unsere Beschwerden vortrugen was uns wiederum größere  Medienaufmerksamkeit einbrachte und wodurch unsere Kampagne zum Mainstream erhoben wurde.

Insgesamt waren die wichtigsten Zutaten für unseren Erfolg

Eine breit gefächerte Unterstützung
London Pope 5

Es machte einen wirklichen Unterschied,  Vertreter vieler verschiedener Gruppen zu haben, die in die Kampagne eingebunden waren. Lokale und nationale humanistische und säkulare Vereinigungen wurden von lokalen skeptischen Gruppen und studentischen Gruppen von Atheisten und Humanisten unterstützt. LSBT-Verbände und Einzelpersonen, die durch die Flyer beim London Pride und Schwulenbars und Szeneclubs auf uns aufmerksam geworden waren, waren unglaublich wichtig, genauso wie Frauenrechtsgruppierungen (die vor allem zwei besonders bemerkenswerte Sprechchöre für die Demonstration erstellten: „Hände weg von meinen Eiern, Benedict" und „Weg mit den Rosarien von meinen Ovarien"). Besonders wichtig waren die Vertreter der Organisationen von Opfern klerikalen sexuellen Missbrauchs und anderer Opferverbände. Sie brachten uns große Unterstützung und öffentliche Sympathien ein und ermöglichten den Humanisten ihre mutigen, wenn auch emotional schwierigen Bemühungen zu unterstützen. Führende britische Stiftungen für sexuelle Gesundheit, wie die fpa und der National AIDS Trust (NAT), nutzten den Papstbesuch, der mit der Aktionswoche  für sexuelle Gesundheit zusammenfiel, um auf die negativen Auswirkungen der Ansichten des Papstes in Bezug auf moderne Verhütungsmittel, Abtreibung und gleichgeschlechtliche Partnerschaften aufmerksam zu machen.

Der Papstbesuch als Staatsbesuch

Dieser Ansatz war in zweierlei Hinsicht wichtig: zum Einen ermöglichte es diese Position auch Katholiken, unsere Kampagne zu unterstützen. Zum Anderen machte es unseren Protest politisch relevant. Wir haben keine Möglichkeit ausgelassen, um zu betonen, dass es die Politik des Vatikans als Staat war, gegen die wir uns stellten und dass es die staatliche Natur des Besuches war, die unseren Protest und die öffentliche Aufmerksamkeit rechtfertigte. Das hätten wir vermutlich noch öfter machen müssen, denn durch die starke Voreingenommenheit der Presse während des Besuches wurden wir oft als Gegner der katholischen Kirche dargestellt.

Das Gute hervorheben

Während der gesamten Zeit war es für uns wichtig, die positiven Aspekte unserer Botschaft hervorzuheben: nämlich die Tatsache, dass wir uns für Gleichberechtigung, Menschenrechte, säkulare und liberale Demokratie sowie für Gerechtigkeit einsetzten, auch wenn diese Gerechtigkeit unbequem für die Kirche und ihren Klerus sein sollte.

Der Vatikan und die Ausrutscher des Papstes
London Pope 6

Nur wenige Tage vor dem Besuch des Papstes, bezeichnete ein Kardinal, der dem Papst nahe stand, unser Land als „moralisches Brachland". Einen Tag vor dem Beginn des Papstbesuchs verglich einer seiner engsten Mitarbeiter eine Landung am Flughafen Heathrow mit der in einem „Land der dritten Welt". Am ersten Tag seines Besuches verdammte der Papst den Säkularismus und verglich Atheisten mit Nazis. Während er in der Westminster Hall über die politische Elite unseres Landes sprach, stellte der Papst die moralischen Werte einer weltlichen Demokratie massiv in Frage. Auch wenn einige Leute solche Aussage herunterspielten und sie in einigen Medien ignoriert wurden, waren viele Menschen darüber empört, was noch größeren Widerstand gegen den Vatikan erzeugte. Unsere Antworten auf die Aussagen des Papstes erreichten ein noch größeres Medieninteresse, was wiederum die Aufmerksamkeit für unsere Demonstration und die Kundgebung erhöhte.

Promi-Unterstützung

Absolut unentbehrlich für die Glaubwürdigkeit unserer Kampagne war die Unterstützung von Menschen, die die britische Öffentlichkeit zwar kannte, aber zuvor nicht mit uns assoziiert hatte, z.B. Stephen Fry, Ben Goldacre, and Geoffrey Robinson.

Nachhaltige Veranstaltungen und Berichterstattung

Unser Programm mit nachhaltigen Veranstaltungen und unsere Präsenz in den Medien, die wir uns im Vorfeld erarbeitet hatten, kamen uns während des Besuchs zu gute. Auch war wichtig, dass wir während allen Veranstaltung permanent auf die Demonstration und die Kundgebung aufmerksam machten und zum Beispiel die Comedy-Nacht und die öffentliche Debatte als Chance nutzten, die Zahl unserer Anhänger zu erhöhen.

Originelle Sprechchöre und Spruchbänder

Viele originelle Spruchbänder wurden spontan entworfen, aber wir haben viel Zeit im Vorfeld auf die Planung von Transparenten und Sprechchören verwendet. Besonders beliebt und eingängig waren folgender Sprechchor und seine Varianten. Anführer: „Kinder-/Frauen-/Schwulenrechte sind Menschenrechte", und die Demonstranten wiederholen: „Kinder-/Frauen-/Schwulenrechte sind Menschenrechte", um einen guten Rhythmus vorzugeben und eine positive Botschaft rüberzubringen.  

London Pope 7
Gutes Wetter!

Wir hatten enormes Glück mit dem sonnigen Wetter, das mehr Menschen auf die Straße lockte als es sonst  der Fall gewesen wäre.

Unsere größten Probleme waren:

Die Voreingenommenheit der Presse

Entgegen der öffentlichen Meinung, war die Berichterstattung der Medien zu Beginn des Papstbesuches vorwiegend positiv. Wir mussten hart daran arbeiten und immer wieder ausführlich kommentieren, um unsere Botschaft in der Öffentlichkeit zu halten.

Verzerrung unserer Kampagne

Es wurde wiederholt versucht, unsere Kampagne als anti-katholisch darzustellen oder sie auf einen Aspekt zu reduzieren (z.B. auf den Kindesmissbrauch). Wir mussten ständig daran arbeiten, dass die gesamte Bandbreite unserer Botschaften sichtbar blieb.

Öffentliches Desinteresse

Die meisten Menschen in Großbritannien waren nicht besonders am Staatsbesuch des Papstes interessiert – weder waren sie für noch gegen den Besuch (eine Meinungsumfrage zeigte jedoch, dass die meisten Leute nicht dafür bezahlen wollten). Das hat uns immer wieder Probleme bereitet, besonders weil die Medien dafür anfällig waren, die Anzahl von Katholiken bei der Begrüßung und die der Demonstranten zu vergleichen. Insgesamt verbuchen wir die Kampagne „Protest the Pope" als Erfolg und es war sicherlich die größte Kundgebung gegen die Politik des Vatikans in der Neuzeit – bis zum nächsten Mal!

Aus dem Englischen von Sabine Blackmore.

Papstproteste London 2010