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Der Abgesang der Kirchenpolitik

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Wie der politische Katholizismus den Staat über zwei Jahrhunderte beeinflusste.
Montag, 26. September 2011
Politischer Katholizismus

Dr. Hermann-Josef Scheidgen & Dr. Horst Groschopp

Will man die Rolle des Katholizismus in der heutigen Zeit  richtig einordnen, muss man ihre Historie kennen. Um neue Erkenntnisse zu gewinnen, lud die Humanistische Akademie Berlin und Deutschland am vergangenen Dienstagabend zu einer Diskussionsveranstaltung ein. Als kompetenten Gastreferenten konnte man Dr. Hermann-Josef Scheidgen aus Köln gewinnen, einen ausgewiesenen Kenner der katholischen Kirche. Durch den interessanten Abend führte gehaltvoll und amüsant Akademie-Direktor Dr. Horst Groschopp.

Hermann-Josef Scheidgen, Jahrgang 1957, ist profunder Kirchen- und Politikhistoriker, der vor einigen Jahren aus der CDU wegen der Diskussion um die Kopfpauschale austrat. Er war an diesem Abend der einzige im Raum, der Joseph Ratzinger persönlich in jungen Jahren bei einem kirchlichen Sommerseminar kennenlernte. Aufgrund seines Zutritts zu den geheimen Archiven des Vatikan konnte er intensiv über die Rolle der katholischen Kirche recherchieren.

Die zentrale Fragestellung des Abends lautete, welche Rolle der politische Katholizismus früher hatte und ob er heute noch von Bedeutung ist. Die Frage zielt also darauf ab, ob der Katholizismus, der die Interessen der Katholiken politisch durchzusetzen versucht, heute noch relevant ist. Um diese Frage zu klären, skizzierte Scheidgen die Entwicklung des Katholizismus seit Beginn des 19. Jahrhunderts. Der Referent stellte dar, dass es im letzten Jahrhundert einen wachsenden Einfluss des politischen Katholizismus gab. Als politische Weltanschauung am Anfang des 19. Jahrhunderts entstanden mit dem Ziel, die Gestaltung von Staat und Gesellschaft entsprechend der christlichen Soziallehre zum Maßstab politischen Handelns zu erheben, konnte diese Strömung im Revolutionsjahr 1848 erstaunlicherweise an Geltung gewinnen, obwohl der politische Katholizismus im Gegensatz zu den damaligen politischen Forderungen selbst nicht demokratisch aufgestellt war. Ein wesentliches Betätigungsfeld war der Kulturkampf  in den 1870er Jahren, als es um die Trennung von Kirche und Staat ging.

Der vorläufige Höhepunkt der Einflussnahme ins politische Tagesgeschehen war die Gründung der kirchennahen Zentrumspartei. Nach 1945 verschwand der politische Katholizismus von der Bühne, nicht ohne hier und da neue Anläufe der Einflussnahme zu nehmen. So sieht Scheidgen in der CDU keine ernsthaften Bestrebungen zum Wiederaufleben katholischer Indoktrination, wie etwa durch den Arbeitskreis Engagierter Katholiken (AEK). Die CDU setze sich zwar nach wie vor für die Darstellung des Gottesbezuges in der Charta der EU ein und möchte christliche Symbole im öffentlichen Raum weiterhin zulassen. Aber im Gegensatz zur damaligen Zentrumspartei, die einen direkten Zusammenhang zur katholischen Bewegung erkennen ließ, sei die CDU, folgt man ihrem Grundsatzprogramm, offen für jeden, der die Würde, Freiheit und Gleichheit aller Menschen anerkennt, meint Scheidgen.

Dass es keine politischen Bestrebungen des Katholizismus mehr geben soll, dem Widersprachen in einer sehr spannend, aber auch kontrovers geführten Diskussion einige Zuhörer. Man habe ja nichts gegen den Katholizismus an sich, sondern gegen doktrinäre Einflüsse innerhalb der Kirche. Die ernsthaften Bestrebungen des Opus Dei, in Brandenburg  einer katholischen Schule zu gründen, die nur Jungen aufnimmt, sei nur ein Beispiel von vielen.