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„Biologie ist cool!“

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Blutsaugende Cyborgs, erkenntnisreiche Fruchtfliegen und hilfreiche Kuscheltipps – das ungewöhnliche Sachbuch „Treffen sich zwei Moleküle im Labor“ des Wiener Molekularbiologen Martin Moder bietet ein Feuerwerk der wissenschaftlichen Kuriositäten. Neben den neusten biologischen Erkenntnissen, die alle Bereiche des Lebens berühren, finden sich im ersten Werk Moders außerdem praktische Alltagstipps.
Donnerstag, 5. Januar 2017
Martin Moder. Foto: Markus Neubauer

Ohne ein Blatt vor den Mund zu nehmen, stellenweise flapsig-albern, aber nie ohne didaktischen Wert liefert Martin Moder ein Update zu den neusten Forschungsprojekten, die derzeit die Welt bewegen sollten. Foto: Markus Neubauer

Martin Moder ist Europameister. Science-Slam-Europameister. Da wundert es kaum, dass bei dem ersten Werk des 28-Jährigen so etwas herauskommt: ein gut 200 Seiten starker Science Slam in Buchform. Im Vorwort beschreibt Moder, dass naturwissenschaftliche Erkenntnisse trotz ihres enormen Science-Fiction-Potenzials kaum Eingang in die Massenmedien finden. Den spannendsten und verrücktesten Entdeckungen der Biologie möchte er daher eine Bühne bauen, auf die nicht nur Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler schauen. Um Wissenschaft für Laien schmackhaft zu machen, greift der Autor in Science-Slam-Manier immer wieder zu sehr anschaulichen und eingängigen Vergleichen.

Cover

In „Treffen sich zwei Moleküle im Labor“ wird eine enorme Themenvielfalt abgedeckt – es ist ein Rundumschlag von Chemie über Genetik, Neurobiologie, Psychologie, bis hin zu Sozialwissenschaft und Philosophie. Die daraus resultierenden zuweilen etwas sprunghaft erscheinenden Übergänge werden durch viel Liebe zum Detail wettgemacht - apropos Liebe: Liebe ist nichts weiter als ein ausgefuchster Hormoncocktail der Natur, dessen Inhaltsstoffe Moder für alle unterschiedlichen Phasen der Verliebtheit ganz genau beschreiben kann.

Von Online-Dating und den längsten Spermien des Tierreichs

Überhaupt spielen Liebe und Sex eine große Rolle in diesem Buch. Moder hat sich offensichtlich für sein literarisches Debüt vorgenommen, keinerlei Tabu-Grenzen zu ziehen. So lässt das Buch für Freunde von Körperflüssigkeiten und anderen Ausscheidungen kaum Wünsche übrig. Er beschreibt zudem epische Kämpfe mit Liebeslanzen und steinzeitliche Schwangerschaftstests und berechnet Wahrscheinlichkeiten von Jungfrauengeburten.

Auch verzweifelte Singles erhalten praktische Tipps für die Partnersuche: Was ist die ideale Blickkontaktlänge? Warum können wir manche Menschen „nicht riechen“? Und wie viel Speichel braucht ein guter Kuss? Wer darüber hinaus noch wissen möchte, wie man wissenschaftlich korrekt kuschelt, ist mit diesem Buch gut beraten - denn welcher normale Mensch weiß schon, was die optimale Streichelgeschwindigkeit ist? Warum Umarmungen wichtig sind und sie Krankheiten verhindern können? Und überhaupt: Wie umarmt man eigentlich richtig und was zur Hölle ist ein Streichelroboter?

Selbstversuche zur Erkenntnissuche

Zu Moders Flirt- und Dating-Tipps gesellen sich außerdem nützliche Life-Hacks für den bewusst lebenden Menschen von heute, der seinen Tagesablauf in Einklang mit seiner biologischen Beschaffenheit bringen will: Wann sollte ich am besten Kaffee trinken? Wie kann ich meine Produktivität steigern? Hierbei ist besonders interessant, dass Moder offenbar auch aus eigener Erfahrung weiß, wovon er schreibt. In diesem Blog-Eintrag berichtet er von seinem Master-Plan zur produktiven Autorenschaft.

Auf Selbstversuchen basiert auch der von Moder vorgestellte sogenannte Schmidt-Stichschmerz-Index, der die Schmerzintensität von Insektenstichen klassifiziert und deren besondere Schmerz-Merkmale beschreibt. Diese Skala beruht auf einem einzigen Wissenschaftler, der im Laufe seiner Karriere unglaublich viele verschiedene Stiche erlitten hat (Berufsrisiko als Insektenforscher) und so als vermutlich einer der einzigen Menschen in der Lage ist, die unterschiedlichen Stiche miteinander zu vergleichen.

Geschnittene Hirne und gespaltene Persönlichkeiten

Zu all den vorgestellten absurd-lehrreichen Erkenntnissen werden die entsprechenden wissenschaftlichen Publikationen zum Weiterlesen mitgeliefert. Denn Moder bedient sich auch im populärwissenschaftlichen Schreiben einer wissenschaftlichen Zitierweise, was seinem Buch sehr zu Gute kommt. Wie oft musste sich der Leser bei populärwissenschaftlicher Literatur schon wegen fehlender Belege rumärgern?

Moder selbst hat während seiner Masterarbeit mit Fruchtfliegen-Gehirnen gearbeitet. Diese allseits bekannten und (un)beliebten Tierchen nehmen daher auch einen ordentlichen Teil seines Buches ein. Wer jetzt denkt: „Mehrere Seiten über Fruchtfliegen lesen? Ist der Moder irre?“, kann getrost seinen Blutdruck wieder herunterfahren und sich auf großartige Fruchtfliegen-Unterhaltung freuen. Immerhin haben wir es hier mit einer Spezies zu tun, die als allererste ins Weltall geschickt wurde und deren genetische Übereinstimmung mit der menschlichen DNA satte 60 Prozent beträgt. Die Fruchtfliege ist somit ein typischer „Modellorganismus“, mit dem wichtige Grundlagenforschung betrieben wird.

Die Fruchtfliege hat daher auch dazu beigetragen, dass wir mittlerweile so viel über den Menschen und seine einzelnen Bestandteile wissen. Das Gehirn ist hierbei natürlich besonders spannend, weil es gleichzeitig das Organ ist, mit dem wir uns Gedanken über das Gehirn machen können. Moder wirft hierzu einige spannende Fragen auf, die zu Gedankenexperimenten anregen und das Verhältnis von Gehirn und Bewusstsein sowie künstliche Intelligenz betreffen. 

Was die Zukunft bringen wird

Doch wie gut werden Menschen in der Lage sein, mit künstlichen Intelligenzen, Gentechnik am Menschen und weiteren technischen Fortschritten umzugehen? Wird die Menschheit es schaffen, die technischen Errungenschaften für positive Zwecke einzusetzen? Was macht es mit dem Selbst- und Weltbild des Menschen, wenn er weiß, dass menschliche Baupläne nahezu beliebig manipuliert werden könnten?

Außerdem wäre da beispielsweise noch die Frage nach der möglichen Wiederauferstehung ausgestorbener Tierarten aus der Urzeit. Was könnte das der Welt und Menschheit bringen? Was spricht dagegen und was bedeutet so ein Vorhaben für den Schutz derzeit bedrohter Tierarten?

Das gemeine Haushuhn ist zwar keine bedrohte Tierart, spielt bei diesen Fragen jedoch trotzdem eine große Rolle, da es mit den Dinosauriern ganz besonders spannende Vorfahren hat. Heutzutage sind Hühner bei den meisten Menschen jedoch nicht wegen ihrer Vorfahren in aller Munde. Der Autor prophezeit jedoch, dass wir in 50 Jahren kopfschüttelnd daran zurückdenken werden, dass einst für Fleisch Hühner oder andere Tiere sterben mussten und beschreibt die Fortschritte bei der Herstellung von synthetischem Fleisch.

Wissenschaft für jedermann

Bei all dem unterhaltsamen Klamauk und Witzen unter der Gürtellinie verpasst es Moder also nicht, die gesellschaftlichen und ethischen Konsequenzen der von ihm beschriebenen wissenschaftlichen Entwicklungen unter die Lupe zu nehmen.

Ohne ein Blatt vor den Mund zu nehmen, stellenweise flapsig-albern, aber nie ohne didaktischen Wert liefert Martin Moder ein Update zu den neusten Forschungsprojekten, die derzeit die Welt bewegen sollten. Hierbei stellt er die häufig gegenläufigen persönlichen Interessen der Menschen den biologischen Einschränkungen ihrer Körper gegenüber.

Für wen ist dieses Buch also geeignet? Pubertierende Besserwisser mit einer Affinität zu Naturwissenschaften? Ja! Erwachsene Laien, die unterhalten werden wollen und keine Lust auf trockene Sachbücher haben? Ja! Fachleute, denen man in Sachen naturwissenschaftliche Bildung nicht mehr viel vormachen kann? Ja, sicher! Bitte her damit. Denn der Autor verwendet teils so absurde Beispiele, dass sich auch die richtig schwer zu merkenden Fakten ins angestaubte Hirn brennen werden.

„Treffen sich zwei Moleküle im Labor“ ist ein Buch, das die Neugier weckt und im Idealfall sicherlich zum Weiterforschen anregt. Denn: „Wenn man etwas versteht, wird es dadurch nicht weniger schön.“

Martin Moder bloggt auf http://scienceblogs.de/genau/

Image of Treffen sich zwei Moleküle im Labor

Martin Moder: Treffen sich zwei Moleküle im Labor. Ecowin 2016, Gebundene Ausgabe, 240 Seiten