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Wie wertvoll ist der Mensch?

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Zwei sozialphilosophische Betrachtungen fordern zentrale humanistische Werte heraus.
Donnerstag, 1. Dezember 2011
Hans Joas. Die Sakralität der Person

Hans Joas: Die Sakralität der Person. Eine neue Genealogie der Menschenrechte. Suhrkamp 2011

Konfessionsfreie haben bekannter Weise eine Schwierigkeit mit religiös aufgeladenen Begrifflichkeiten. So stellen sich bei vielen die Nackenhaare auf, wenn sie von einer Verheiligung der Person lesen, selbst wenn von dieser im Zusammenhang mit einem ureigenen Gut des Humanismus, den Menschenrechten, die Rede ist. Deren Entstehungsgeschichte geht der Sozialphilosoph Hans Joas in seinem neuen Buch Die Sakralität der Person in nach.

Aber was kann dem Humanisten willkommener sein, als eine Interpretation des Menschenwesens, das ihn ins Zentrum allen Handelns und aller Werte rückte – nicht im Sinne einer egoistischen sondern im Sinne einer individualistischen Perspektive, eingebunden in ein soziales Miteinander. Doch darum geht es Joas nicht. Er will „die durch die Abstraktion zum Erstarren gebrachte Flüssigkeit von Handlung und Erfahrung" wiederherstellen und aus der Geschichte eine neue Genealogie der Menschenrechte herausarbeiten. Deren Erfolg sieht Joas nicht in den Erkenntnissen der Aufklärung begründet, sondern in der „Sakralisierung des Menschen" – worunter er „den Glauben an die irreduzible Würde jedes Menschen" versteht.

Das Vorhaben dieses faszinierend zu lesenden Buches ist es, die Menschenrechte auf eine religiöse Norm aufzubauen. Dem oft allzu eilfertig vorgetragenem Argument, die Menschenrechte seien von den Aufklärern gegen die Kirche durchgesetzt worden, setzt Joas dieses Buch entgegen. Als spiritus rector dient ihm der Theologe Ernst Troeltzsch, der Fortschritt als „Säkularisierung der christlichen Eschatologie" deutet.

Lesenswert ist dieses Buch, weil Joas darin das Schwarz-Weiß-Denken des Atheismus, die Menschenrechte seien ein Produkt des Nicht-Religiösen intelligent infrage stellt. Mit seiner These aber, die Menschenrechte stünden in einer religiösen Tradition, scheitert er auf hohem Niveau – aus dem einfachen Grund, als dass es in seinem Werk an Menschenrechten fehlt. Seine skizzenhaften Realitätsbezüge reichen als Beleg seiner These nicht aus. Denn das Spannende am gegenwärtigen Menschenrechtsdiskurs und ihrer Auslegung ist eben, dass im „neuen christlichen Menschenbild", dessen sich Joas bedient, einige Rechte von der Kirche eben nicht als unveräußerlich angesehen werden.

Byung-Chul Han. Topologie der Gewalt

Byung-Chul Han: Topologie der Gewalt. Matthes & Seitz 2011

Erfolgreicher als Hans Joas stellt der Karlsruher Philosoph und Medienwissenschaftler Byung-Chul Han einen zentralen Wert des Humanismus in Frage – die Selbstbestimmung. Bereits in seinem 55 Textseiten umfassenden Bändchen Müdigkeitsgesellschaft, das ihn über Nacht zu einem der bedeutendsten deutschen Kulturkritiker machte, beschrieb er den Paradigmenwechsel der Moderne, bei dem das System des Nicht-Dürfens vom Diktat des Alles-Könnens ersetzt worden sei. Ständig alles zu wissen und zu können führe zur grenzenlosen Selbstausbeutung im Namen der Selbstverwirklichung.

In seinem neuen Werk Topologie der Gewalt vertieft Han diese These und stellt indirekt die Frage, wie wertvoll wir uns selbst sind. Das Streben jedes Einzelnen, die sich ihm bietenden Möglichkeiten bestmöglich zu nutzen und seinem „Ideal-Ich" näher zu kommen, führe eben nicht zur Selbstverwirklichung. Unter dem Bann der Leistung artet die Freiheit in einen Zwang aus, der kein Ende kennt. Das Leistungssubjekt „konkurriert letzten Endes mit sich selbst und sucht sich selbst zu überbieten."

Das Ego wird in diesem System zur Ware und kann, ausgestellt bei Facebook und Co., von aller Welt bestaunt oder bedauert werden. Das digitale Gezwitscher ist Beleg des unaufhörlichen Buhlens um Aufmerksamkeit. „Ich bin, also twitter ich!"

Damit einher geht eine Preisgabe der letzten persönlichen Geheimnisse, ein Ausverkauf der Seele zugunsten der Steigerung des Marktwertes. Die Gewalt, die in die Müdigkeitsgesellschaft führt, kommt von uns selbst, macht Byung-Chul Han deutlich und berichtet von dem inneren Krieg, der sich „bis in die Seele eines jeden" verlängert.

Dem System der Leistungsschau müsse ein bewusstes „neinsagendes, souveränes Tun" entgegengesetzt werden, fordert Han. In Sachen Patientenverfügung und dem bewussten Nein zur künstlichen Lebensverlängerung geschieht dies im praktischen Humanismus bereits. Dies allein scheint aber nicht ausreichend, um aus der von Han skizzierten „totalen Vermarktung der Welt" auszusteigen.

Die Argumente von Byung-Chul Han und Hans Joas bieten Anlass, die dringende Reflektion des humanistischen Selbstbilds unter den Vorzeichen unserer Zeit anzugehen – selbstkritisch und selbstbewusst.

Hans Joas: Die Sakralität der Person. Eine neue Genealogie der Menschenrechte. Suhrkamp 2011. 303 Seiten.26,90 Euro.

Byung-Chul Han: Topologie der Gewalt. Matthes & Seitz 2011. 192 Seiten. 19,90 Euro.