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Zu wenig Antworten auf wichtige Fragen

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Der Kirchenhistoriker und Theologe Christoph Strohm legt eine wenig überzeugende Untersuchung der Kirchen im Dritten Reich vor. Wer eine tiefgründige Analyse des ambivalenten Verhaltens der Kirchen zur Zeit des Nationalsozialismus erwartet, wird enttäuscht.
Dienstag, 28. Juni 2011

Die Kirchen im Dritten Reich betitelt Christoph Strohm seine jüngste Veröffentlichung. Sowohl der Titel, als auch der Klappentext, der einen kompakten Überblick über die Rolle der Kirchen im Dritten Reich verspricht, wecken Erwartungen, die das Buch leider nicht erfüllt. Insgesamt lässt es mehr Fragen offen, als er Antworten bietet. Die Tatsache, dass an vielen Punkten keine den kritischen Leser befriedigenden Antworten gegeben werden, mag auch dem Umstand geschuldet sein, dass sich dem Autor, der als Kirchenhistoriker und Theologe wohl bei diesem Thema wohl nicht ganz unbefangen ist, bestimmte Fragen einfach nicht stellen.

Die Kirchen im Dritten Reich

Strohm stellt jeweils nur einzelne Aspekte des Verhältnisses zwischen Kirchen und NS-Staat dar, die Auswahl, welcher Aspekt wie viel Raum einnimmt erscheint willkürlich. Breiten Raum nehmen bspw. die Politik des NS-Regimes gegenüber den Evangelischen Kirchen und deren zum Teil sehr unterschiedliche Reaktionen ein. Über die Politik des Regimes gegenüber der katholischen Kirche und deren Haltung erfährt der Leser erheblich weniger. Strohm weist durchaus auf Versäumnisse und Fehler der Kirchen hin. Zu wenig setzt er sich jedoch mit den Ursachen und Hintergründen auseinander, die für die Haltung der Kirchen und ihrer Repräsentanten maßgeblich waren. Es fehlt an analytischer Schärfe.

Er beschreibt, dass die Identifikation der evangelischen Kirche mit dem Kaiserreich und dessen Kriegspolitik in der Weimarer Republik dazu führte, dass sich völkisch-nationalistisches und antidemokratisches Denken in der evangelischen Kirche „relativ ungehindert ausbreitete". Als ein Ergebnis davon gewann die im Mai 1932 gegründete Bewegung der Deutschen Christen bereits im November 1932 ca. ein Drittel der Sitze bei den preußischen Kirchenratswahlen. Im Juli 1933 gewannen sie dann in fast allen Landeskirchen eine Zweidrittel-Mehrheit. Die Deutschen Christen waren rassistisch, antisemitisch und am Führerprinzip orientiert. Ihre Richtlinien bezogen sich auf das Parteiprogramm der NSDAP, so dass sie die „Entjudung" des Christentums anstrebten.

Einige Worte dazu, wie diese unselige Tradition entstanden ist und wie sie sich mit der christlichen Botschaft vereinbaren ließ, wären an dieser Stelle gerade auch von einem Theologen wünschenswert gewesen. Warum erlag die deutliche Mehrheit der aktiven Protestanten im Sommer 1933 der nazistischen Ideologie im Gewand des Glaubens? Und dass sich viele führende protestantische Theologen daran beteiligten, das Christentum mit dem Nationalsozialismus zu verbinden und sich an einem „Institut zur Erforschung und Beseitigung des jüdischen Einflusses auf das deutsche kirchliche Leben" engagierten, erwähnt der Autor nicht einmal.

Hitler sah in den Kirchen zu seiner Weltanschauung konkurrierende Organisationen, war aber selbst stark religiös geprägt und griff immer wieder für seine Politik auf religiöse Begründungen zurück. Das galt selbst für seinen Judenhass. „Indem ich mich des Juden erwehre kämpfe ich für das Werk des Herrn" schrieb er in Mein Kampf.

Vor und direkt nach seiner Machtübernahme warb Hitler massiv um die Kirchen und gab diverse Bekenntnisse zum christlichen Staat ab. Das hatte zur Folge, dass auch die katholische Kirche ihre in der Weimarer Republik gepflegte Distanz zur NS-Bewegung schnell aufgab. Ungeachtet des massiven Terrors, der mit Machtübernahme einher ging, bekannten sich sowohl die katholische als auch die evangelische Kirche im März/April 1933 zur Mitarbeit im NS-Staat. Daran änderten auch die gleichzeitig einsetzenden Versuche der NS-Führung bzw. auch von lokalen Instanzen der NSDAP nichts, die Kirchen bzw. kirchliche Institutionen in den Prozess der Gleichschaltung der Gesellschaft einzubeziehen. Der Widerstand aus kirchlichen Kreisen beschränkte sich auf die Abwehr solcher Eingriffe in die Autonomie der Kirche. Der Terror gegen politisch Andersdenkende und die Juden bildete für die übergroße Mehrzahl kirchlicher Vertreter keinen Anlass, die positive Haltung zum NS-Staat in Frage zu stellen. Das ging so weit, dass der wegen seines Widerstands gegen die Eingriffe des Staates in die Autonomie der evangelischen Kirche auf Weisung Hitlers im KZ festgehaltene Pfarrer Martin Niemöller sich 1939 freiwillig zur Kriegsmarine meldete, was Hitler aber ablehnte. Der ehemalige U-Boot-Kommandant und Freikorpskämpfer wollte sein Vaterland in der Stunde der Not nicht im Stich lassen.

Bundesarchiv - Wählt Deutsche Christen

Kirchenwahl-Propaganda der "Deutschen Christen" zur Kirchenwahl am 23. Juli 1933 in Berlin | © Bundesarchiv, Bild 183-1985-0109-502 / CC-BY-SA

Wie bereits im Kaiserreich identifizierte sich die Evangelische Kirche mit dem Staat und seiner Kriegspolitik. Sie übte und forderte Gehorsam gegenüber der nach lutherisch-theologischer Auffassung von Gott eingesetzten Obrigkeit. Warum das nur für autoritäre Herrscher, nicht aber für die demokratisch legitimierten Regierungen der Weimarer Republik galt, würde den kritischen Leser schon interessieren. Aber auch diese Frage wird vom Autor gar nicht erst gestellt.

Ein gutes Beispiel für das merkwürdige Staats- und Politikverständnis in den Reihen der Evangelischen Kirche bietet Otto Dibelius, damals Generalsuperintendent der Kurmark. Am 21. März 1933, dem sog. Tag von Potsdam, begrüßte er in seiner Predigt zur Eröffnung des Reichstags die „nationale Erhebung". Dabei rechtfertigte er auch die mit der Machtübernahme der Nationalsozialisten einher gehenden Gewaltexzesse:

Wir haben von Dr. Martin Luther gelernt, dass die Kirche der rechtmäßig staatlichen Gewalt nicht in den Arm fallen darf, wenn sie tut, wozu sie berufen ist. Auch dann nicht, wenn sie hart und rücksichtslos schaltet.

Wenig später rechtfertigte er auch den Judenboykott. Als der NS-Staat versuchte, die Autonomie der Kirche einzuschränken, setzte er sich zur Wehr. Anders als den Terror gegen politische Gegner und Juden empfand er das dann nicht mehr als rechtmäßig. Wie bei Niemöller beschränkte sich sein Widerstand jedoch weiterhin nur darauf, die Autonomie der Kirche gegenüber dem Staat zu verteidigen. Dennoch galten beide in der Nachkriegszeit als Widerstandskämpfer. Die Aussage, dass es gegenüber einer totalitären Regierung keine christliche Gehorsamspflicht gäbe, traf Dibelius erst 1959 gegenüber der DDR.

Nur einige wenige Kirchenvertreter, wie etwa Dietrich Bonhoeffer, waren sich darüber im Klaren, dass es mit diesem Staat keinen Ausgleich geben konnte, ohne dabei grundlegende christlichen Werte in Frage zu stellen.

Die Frage, was christliche Werte sind, ist ohnehin umstritten. Heute wird gerne von Politikern und Kirchenvertretern das christliche Menschenbild als Wurzel unserer demokratischen Gesellschaft benannt. Untrennbar mit der Demokratie verbunden sind die Menschenrechte, die beide Kirchen in der NS-Zeit jedoch nicht als Teil der christlichen Kultur betrachteten.

Bundesarchiv - Luthertag

Die große Feier des Luthertages am 19.11.1933 im Lustgarten in Berlin! Bischof Hossenfelder hält die Ansprache auf der Rampe des Berliner Schlosses. | © Bundesarchiv, Bild 102-15234 / CC-BY-SA

Im Gegenteil, Katholiken wie Protestanten haben diese größte Errungenschaft der französischen Revolution bis in die Mitte des 20. Jahrhunderts bekämpft.

Erst mit den Erfahrungen der NS-Diktatur setzte bei den evangelischen Kirchen in Deutschland ein Umdenken ein. In der Erklärung des evangelischen Missionswerks in Deutschland Kirchen und Menschenrechte vom 25. Januar 2006 heißt es dazu:

Etwa bis zur Mitte des zwanzigsten Jahrhunderts war das Verhältnis der protestantischen Kirchen gegenüber den Menschenrechten überwiegend von Skepsis und Ablehnung geprägt. Menschenrechte galten als Produkt neuzeitlichen Denkens. Aufklärung und Säkularisation, wie sie ihren konkreten geschichtlichen Ausdruck in der französischen Revolution fanden, bildeten den aus theologischer und kirchlicher Sicht bedenklichen Zusammenhang, in dem die Gottes Geboten und Ordnungen scheinbar zuwiderlaufenden individuellen Menschenrechte propagiert wurden. Erst mit den Erfahrungen des Nationalismus setzte eine grundsätzliche Neubestimmung des kirchlichen Verhältnisses zu den Menschenrechten ein, die mit der Anerkennung der Trennung von Staat und Kirche sowie der Geltung eines säkularen Rechtes einherging.

Die katholische Kirche brauchte noch länger, bis 1963. Mit der Enzyklika Pacem in terris bekannte sich Papst Johannes XXIII. schließlich zu den Menschenrechten. Diese Unfähigkeit, die elementare Bedeutung der Menschenrechte zu begreifen, scheint ein Schlüssel zum Verständnis der Haltung der Kirche gegenüber dem NS-Regime. Auch dieser Aspekt findet in Strohms Buch leider keinerlei Beachtung.

Der Autor konstatiert „die Unfähigkeit der Kirchenleitungen, früh und entschieden der Judenverfolgung entgegenzutreten" und macht u.a. den theologischen Antijudaismus dafür verantwortlich. Gleichwohl relativiert er das dann wieder, indem er darauf hinweist, dass „Christen unter hohem persönlichen Risiko ihre Stimme erhoben und Nächstenliebe praktizierten". Dass diese aber, sofern sie in die Mühlen des NS-Verfolgungsapparates gerieten, von ihren Kirchen keine Hilfe erwarten konnten, erwähnt er nicht.

Dem grundsätzlichen Problem, dass beide Kirchen nicht bereit waren, sich dem NS-Regime entschieden entgegen zu stellen, weicht er aus. Nur wenn die Kirchen ihre institutionellen Interessen bedroht sahen, gingen sie in Konflikt mit dem NS-Staat. Ansonsten führten die vorhandenen politisch-ideologischen Gemeinsamkeiten zwischen den Kirchen und dem Nationalsozialismus in den Fragen Antibolschewismus, Nationalismus, Ablehnung bzw. Geringschätzung von Demokratie und Menschenrechten dazu, dass sich die Kirchen gut mit der NS-Herrschaft arrangieren konnten.

Angesichts dieser Faktenlage ist es verwunderlich, dass es den Kirchen in der Nachkriegszeit gelang, sich als vom Nationalsozialismus unberührte, intakte moralische Instanzen darzustellen.

Christoph Strohm: Die Kirchen im Dritten Reich, C.H. Beck 2011. 128 Seiten. 8,95 Euro.

Wer sich selbst einen Einruck verschaffen will, kann hier einen Auszug aus dem Buch lesen.