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Was ist links?

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Die Lebenserwartungen von Christopher Hitchens waren nur noch gering, der Speiseröhrenkrebs war bereits weit fortgeschritten. Seine gerade in Deutschland erschienene Autobiografie "The Hitch" ist das letzte Werk, das von dem hellwachen Religionskritiker erschienen ist.
Freitag, 16. Dezember 2011

Der radikale Denker, Intellektuelle, Atheist und Kirchenkritiker Christopher Hitchens ist am Donnerstag, den 15.12.2011 seiner Krebskrankheit erlegen, wie Vanity Fair bekanntgab. In Deutschland ist Christopher Hitchens in der säkularen Szene mit seinem Buch Der Herr ist kein Hirte. Wie Religion die Welt vergiftet bekannt geworden. In den englischsprachigen Ländern gehörte er zu den bekanntesten Intellektuellen. Kaum eine Talkshow, in der er nicht zu politischen und religionskritischen Fragen diskutiert. Die Zeitungen rissen sich um seine Analysen und bissige Kommentare. 

Dass evangelikale Christen nach Bekanntwerden seiner schweren Erkrankung jubelten und darin Gottes gerechte Strafe ausmachten, verwunderte nicht, wenngleich man sich dabei fragt, was sie über die Krebserkrankungen ihrer frommen Mitbrüder denken. Andere Christen riefen zum Pray for Hitchens day, um dem Sünder am Ende den Weg ins Paradies zu öffnen. Hitchens bedankte sich höflich für das Mitgefühl, vergaß danach aber bei keiner Talkshow darauf hinzuweisen, dass er auf dem Sterbebett nicht gewillt sei, sich zu bekehren, er bleibe Atheist.

Hitchens wuchs in England auf. Schon im Internat machte er Wahlkampf für die Labour Party. Später schloss er sich den Trotzkisten an. Dieser Flügel der Linken zeichnete sich neben seiner Kritik am Kapitalismus durch eine scharfe Analyse des despotischen Stalinismus und einer autoritären Linken aus, der scheinbar jedes Mittel recht war, um die edlen Ziele des Kommunismus zu erreichen. Trotzkisten wurden verfolgt, ermordet und diffamiert. Diese historische Erfahrung machte sie sensibel für die Kritik der autoritären Herrschaft.

Kritik der pazifistischen Linken

Wenig verwunderlich also, dass es den Journalisten Christopher Hitchens an die Orte der Kämpfe zog. Er arbeitete nicht vom Schreibtisch aus. Ein Bruch in seiner politischen Identität – oder sollte man besser sagen, eine Fortsetzung seines Engagements gegen Diktatoren und Massenmörder – vollzog sich im nördlichen Irak, wo er den Kampf des kurdischen Volkes gegen Saddam Hussein und sein Regime journalistisch begleitete. Er berichtete über die Giftgasangriffe in denen ganze Dörfer vernichtet wurden und er traf sich mit den Freiheitskämpfern, die ihm von Folter und Terror erzählten. Christopher Hitchens wurde darüber zu einem der ersten, die den Krieg gegen Saddam Hussein und seine Diktatur forderten. Auch heute, nach dem Bekanntwerden der Lügen über die Existenz von Massenvernichtungswaffen im Irak, bleibt er bei seiner Position.

Sein zweites Schlüsselerlebnis war der 11. September 2001 in New York. Er ist im Rückblick darauf stolz den Begriff des „Islamofaschismus“ gebildet zu haben. Dass ihn das in Widerspruch zu traditionellen Linken und der Friedensbewegung brachte, war zu erwarten. Dieser Gegensatz spitzte sich für Hitchens weiter zu, als er die Reaktionen der Linken auf die Fatwa gegen seinen engen Freund Salman Rushdie erlebte. Zu oft wurde gefragt, ob Rushdie nicht selbst daran schuld sei, da er ja die Religion beleidigt habe und die weit verbreitete Sehnsucht nach multikultureller Harmonie störe.

Salman Rushdie lebte einige Zeit unter intensivem Polizeischutz in Hitchens New Yorker Wohnung. Interessant ist eine intensive Diskussion mit Rushdie aus dieser Zeit. Zum Entsetzen Vieler hatte Rushdie nach einigen Jahren Leben im Untergrund und unter der Todesdrohung einen Text mit dem Titel Why I have embraced Islam (dt. Warum ich den Islam umarmt habe) veröffentlicht. Trotz allem Verständnis für die Not des Verfolgten konnte Christopher Hitchens seinem Freund darin nicht folgen. In Hitchens Autobiografie erfährt man nun, dass Rushdie ihm gegenüber den Text zurückgenommen hat, indem er ihm einen Text übergab, in dem er jede Zeile durchgestrichen hatte.

Die Kritik an der pazifistischen Linken spitzt sich bei Hitchens über die Jahre zu. Er schreibt:

Wenn es nach der Linken gegangen wäre, wäre General Galtieri noch immer Präsident von Argentinien: Milosevic wäre noch immer in Belgrad an der Macht; der Kosovo wäre eine entvölkerte Ödnis; Mullah Omar wäre noch in Kabul.“

Standbein Religionskritik

Christopher Hitchens, The Hitch

Christopher Hitchens: The Hitch - Geständnisse eines Unbeugsamen. Blessing Verlag 2011.

„Das, was ohne Beweise behauptet werden kann, das kann auch ohne Beweise verworfen werden!“ ist Hitchens Motto. Neben seinen politischen Kämpfen wurde ihm die Religionskritik zu einem immer wichtigeren Anliegen. In seinem Buch The Missionary Position über Mutter Teresa kritisiert er die Ordensschwester als Fanatikern des Leids, da sie in ihren Hospitälern Schmerzmittel verboten habe. Interessant ist, dass Vertreter des Vatikans ihn aufsuchen, um seine Kritik mit in den geplanten Seligsprechungsprozess von ‚Mutter Theresa‘ mit aufzunehmen. Der Vatikan ließ sich von Hitchens Position jedoch nicht überzeugen.

Schwerpunkt seiner Arbeit wurde aber die Kritik am Islam. Die Mentalität dieser Religion beschreibt er bis heute als getragen von „Selbstgerechtigkeit, Selbstmitleid und Selbsthass.“ Aufgrund seiner Kolumnen und Artikel zur Religionskritik wird er inzwischen zu den neuen „Apokalyptischen Reitern“ gezählt. Gemeint sind damit vier aktuelle Religionskritiker, die mit ihren Büchern sehr medienwirksam den Anspruch der Religionen auf eine übergeordnete Wahrheit angreifen. Neben Hitchens zählen Richard Dawkins, Daniel Dennett und Sam Harris zu dieser Gruppe.

Bei einigen von ihnen verbindet sich die Kritik des fanatischen Islams mit einer politischen Position, die es als wünschenswert ansieht, die muslimischen Despoten mit Gewalt zu stürzen. Dies führt auch in der europäischen, säkularen Szene immer wieder zu Verunsicherung und streitbaren Diskussionen. Erinnert sei hier nur an die Debatte um den Film Fitna von Geert Wilders, ausgetragen im Humanistischen Pressedienst (hpd). Auch unter den US amerikanischen Humanisten und Atheisten kam es darüber zu heftigem Streit. Organisationen spalteten sich an der Frage, wie moderne Religionskritik formuliert werden solle. Beispielsweise zog sich der langjährige Vorsitzende der Internationalen Humanistischen Union (IHEU), Paul Kurtz, mit einer großen Gruppe von Wissenschaftlern aus dem Council for Secular Humanism zurück und gründete das Institut for Science and Human Values, das differenziert mit Religionskritik und ohne Hass auf Religionen agieren will.

Christopher Hitchens stand dagegen für die offene Kampfansage gegen religiösen Wahn und Allmachtsanspruch. Er wollte Religion der Lächerlichkeit preisgeben und ihr mit Hass und Spott begegnen. Im Jahr 2011 erhielt er den Richard Dawkins Preis. Die bewegende Laudatio hielt Richard Dawkins selbst, der sagte, eigentlich fühle er sich geehrt indem Christopher Hitchens von ihm diesen Preis annehme. Er bezeichnete Hitchens als „einen der führenden Intellektuellen überhaupt“, der ihn inspiriert, motiviert und ermutigt habe. Besonders hob er Hitchens „brutale Ehrlichkeit“ hervor und bezeichnete ihn als ein Symbol für die Würde und Aufrichtigkeit des Atheismus.

Christopher Hitchens: The Hitch - Geständnisse eines Unbeugsamen. Aus dem Englischen von Yvonne Badal. Blessing Verlag 2011. 672 Seiten. 22,95 Euro.

Stephen Fry und Christopher Hitchens haben am 9. November im Rahmen des IQ-Debattenformats im britischen Fernsehen miteinander diskutiert. Dabei ging es um Fragen der XYZ. Aufgrund seines Gesundheitszustandes konnte Hitchens Washington nicht verlassen und nahm per Videokonferenz an der Aufzeichnung teil. Die Diskussion wurde in zahlreichen britischen Kinos live übertragen und kann im Internet unter http://hitchfry.intelligencesquared.com angesehen werden.