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Vom Sinn des Lebens

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Zweifel und Freiheit gehören für Peter Adloff zusammen, wenn es um die Suche nach einem Sinn im Leben geht.
Donnerstag, 8. September 2011

"Der Sinn des Lebens ist zu leben", sagte mein geschätzter Lehrer auf die entsprechende Frage von uns 14- und 15-Jährigen. Weil er aber in unseren Augen nicht nur Verblüffung, sondern sicher auch Enttäuschung und Unverständnis sah, fügte er hinzu:

Lebt so, dass keiner euch fürchten muss und dass ihr immer in den Spiegel sehen könnt, ohne euch zu schämen.

Der Neulehrer, ehemals HJ-Führer und Kriegsteilnehmer in der mörderischen Endphase 1945, wird wohl gewusst haben, wovon er zu uns sprach.

Peter Adloff_Nach Sinn fragen

Tatsächlich ist die Frage nach dem Sinn des Lebens eine, die manchen ein ganzes Leben umtreibt, manchem unbeantwortet bleibt und von anderen nie gestellt wird. Allen, die sich damit beschäftigen, vor allem aus beruflichen Gründen – nicht nur, wenn man Pubertierende vor sich hat –empfehle ich die Neuerscheinung Nach Sinn fragen von Peter Adloff, der als Bildungsreferent beim Humanistischen Verband in Berlin Lebenskundelehrer ausbildet und unterstützt.

Der in der Jugendarbeit und Lehrerweiterbildung erfahrene Autor legt eine fachdidaktische Arbeit vor, die weit über die geschätzte Nützlichkeit für die Unterrichtstätigkeit von Lehrkräften für die Fächer Humanistische Lebenskunde und Ethik hinausgehen dürfte. Adloff gelingt es, „Sinn" für fachdidaktische Überlegungen fruchtbar zu machen. Er belegt mit vielen erfahrungsgesättigten Beispielen auf fast 60 Seiten, wie und wodurch es gelingen kann, dass jeder Schüler etwas von der Bedeutung und Lebensrelevanz seiner jeweiligen Sinn-Definition erfahren, erleben, ja verstehen kann. Dabei kommt den Praktikern, die den Unterricht kommender Tage im Blick haben, entgegen, dass die vorliegende Arbeit gegenüber der sehr umfassenden Begrifflichkeit des Sinnes eine eingrenzende Verknüpfung mit dem menschlichen Handeln vornimmt. Natürlich kann jedem von uns der Prozess der individuellen Anstrengung und Aneignung nicht erspart werden, auch nicht „durch die Übernahme einer Weltanschauung. Was ihm als sinnvoll gilt und welches Maß an Sinn es benötigt – diese Suche kann durch Humanismus gefördert, nicht aber stellvertretend gelöst werden."

Adloff schlägt für diesen förderlichen Humanismus die Entfaltung von drei Dimensionen vor: Selbstbestimmung entwickeln, Verbundenheit wertschätzen und Zweifel integrieren. Daraus werden ausführlich und nachvollziehbar Empfehlungen begründet, die die Möglichkeit sinnvollen Lebens erhöhen sollen.

Unter Selbstbestimmung versteht Adloff dabei eine Zielperspektive, die ein Individuum nicht nur in Bezug auf die äußere Wirklichkeit, sondern auch im Innenverhältnis zu Gedanken, Gefühlen, Wünschen, Erinnerungen etc. einnehmen kann. Diese Innenperspektive ermöglicht wiederum Willensfreiheit. Verbundenheit soll im Sinne von Zugehörigkeit zu Menschen mit bestimmten Wertorientierungen verstanden werden. Das Erich Kästnersche „Leben ist immer lebensgefährlich" weist auf ein grundsätzliches Risiko hin. Und dieses äußert sich u.a. im Zweifel.

Zweifel in das eigene Lebensbild zu integrieren, statt ihn durch magische Hoffnungen, gewalttätige Gewissheit, Abspaltung oder auf anderen Wegen zu ignorieren, ist ein wichtiger Schritt zu erfahrungsoffenen und veränderbaren Lebensentwürfen.

Leben mit dem Vorteil des Zweifels – eine Formulierung des skeptischen Denkens, nicht nur bei Humanisten zu finden; dennoch ein hervorzuhebender Gegensatz zu denen, die Glaubenswahrheiten und Heilsversprechen als Handlungsnormen verbreiten. Adloff weist sehr zu Recht darauf hin, dass bei didaktischen Planungen reiflich überlegt werden muss, welchen Raum man dem Zweifel in der Unterrichtsgestaltung gibt. Denn das Vertrauen der Kinder in die Welt darf nicht gefährdet werden. Alter und Umwelterfahrung dürften hier allerdings bei der Abwägung eine Rolle spielen.

Der Rezensent schließt sich der Erkenntnis aus dem empfehlenswerten Band an, dass sinnvolles Leben ohne Entscheidungen nicht zu haben ist.

Denn Zweifel und Freiheit gehören zusammen. Ohne die Leidenschaft, frei zu sein, ist die riskante Möglichkeit individueller Existenz nur mühsam zu ertragen.

Peter Adloff: Nach Sinn fragen. Eine fachdidaktische Studie für die humanistische Lebenskunde und den Ethikunterricht. Hrsg. Humanistischer Verband Deutschland, LV Berlin 2011. 215 S. 9,90 Euro zzgl. Versandkosten. Zu beziehen über den Humanistischen Verband in Berlin.

Hier finden Sie ein Interview mit dem Autor.