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Über allem sind die Taliban

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Martin Gerner hat für seinen Film „Generation Kunduz. Der Krieg der Anderen“ junge Einheimische in der afghanischen Stadt Kunduz aufgesucht und sie gefragt, was ihr Leben ausmacht, wovon sie träumen und welche Schwierigkeiten sie haben.
Montag, 26. März 2012
Generation Kunduz - Plakat

Wenn die knapp 20jährige Nazanin die Burka lüftet, erscheint eine junge moderne Frau, die etwas tun will, um die traumatisierte afghanische Gesellschaft zu verändern. Nazanin will Jura studieren, um als Anwältin oder Staatsanwältin eine weibliche Sicht in die Welt der afghanischen Rechtsprechung zu bringen. So hofft sie, anderen Frauen in Afghanistan zu helfen. Hierzulande wären Eltern wahrscheinlich stolz, wenn ihre Kinder einen solchen Weg einschlagen würden. Nicht jedoch die Familie der jungen Afghanin. Sie haben Angst, dass sie, wenn die Taliban eines Tages zurückkehren, für das Engagement der jungen Frau „büßen" müssen. Nazanin ist eine derjenigen, die Martin Gerner zur „Generation Kunduz" zählt, die er in seinem am 15. März in den deutschen Kinos angelaufenem Dokumentarfilm Generation Kunduz. Der Krieg der Anderen vorstellt.

Nazanin gehört zu einer Generation in Afghanistan, die die Chance haben, ihre Gesellschaft zu ändern, sich dabei aber nicht auf die Generationen der Älteren, der von Krieg und radikalislamischen Terror Geprägten, verlassen können. So steht sie allein da, um sich das Studium vielleicht eines Tages finanzieren zu können. Solange arbeitet sie bei Radio Roshani, einem afghanischen Frauensender und betreut dort die Sendung In den Straßen der Wahrheit. Sie recherchiert Geschichten von Gewalt und Missbrauch nach, um zu zeigen, wie man sich auch in Afghanistan davor schützen oder wie man zumindest dagegen vorgehen kann. Etwa wenn sie über einen Workshop über die Rolle der Frauen im Islam berichtet, in dem es auch um den Schutz der Frauen in der Ehe geht.

Kunduz. 4. September 2009

Lange Zeit hat man in Deutschland gar nicht gewusst, wer die Menschen sind, die von dem verheerenden Luftangriff der internationalen Truppen im September 2009 betroffen waren. Für Aufklärung und die notwendige Konfrontation sorgten ein Jahr nach dem Anschlag erstmals die Journalisten Christoph Reuter und Marcel Mettelsiefen, die in ihrem dokumentarischen Bildband Kunduz, 4. September 2009. Eine Spurensuche nicht nur minutiöse die Geschehnisse in der Bombennacht von Kunduz rekapitulieren, sondern den Opfern und ihren Angehörigen mit Namen und Gesicht geben. Reuter und Mettelsiefen beendeten auf diese Weise die bequeme Abstraktheit, mit der die Opfer der Kunduz-Affäre aus deutscher Perspektive behandelt wurden. Dafür hatten sie die Familien der 91 Todesopfer des von dem deutschen Bundeswehroffizier Georg Klein ausgelösten Angriffs aufgesucht.

Hadschi Dschalat ist in diesem Band auch aufgeführt. Der Vater hatte seine drei Söhne bei dem Angriff verloren, die sich Diesel von dem steckengebliebenen Tanklaster holen wollten. Im Film allerdings hat er plötzlich vier Söhne und vier weitere Cousins verloren, wie diese unterschiedlichen Zahlen zustande kommen, ob durch Recherchefehler von Mettelsiefen und Reuter oder durch die Legendenbildung angesichts einer Kamera, kann nicht geklärt werden.

Generation Kunduz - Beim Kleiderkauf

Beim Kleiderkauf | Foto: Martin Gerner

Für den Film über die „Generation Kunduz", zu der Hadschi Dschalat nicht mehr gehört, spielt dies nur eine nebensächliche Rolle. Wichtig ist hier nur, dass die Familienmitglieder des Bauern, die zu dieser Generation gehören würden, nicht mehr sind. Sie stehen stellvertretend für Kunduz als Symbol militärischer Ausweglosigkeit. Stellvertretend für eine Stadt, aus der die Gefahr einer Rückkehr der Taliban trotz aller Bemühungen der internationalen immer noch nicht gebannt ist und in der das Trauma des Luftschlags den Blick auf die Internationalen prägt. Wie rücksichtslos einfallende Außerirdische, die mehr Chaos hinterlassen als dass sie Ruhe schaffen, werden sie von den Protagonisten in Martin Gerners Dokumentarfilm beschrieben.

Generation Kunduz - Mirwais

Mirwais | Foto: Martin Gerner

Die einzelnen Akteure, die Gerners in ihrem Alltag begleitet hat, sind sich der afghanischen Misere und den bürgerkriegsähnlichen Zuständen aufgrund der Kämpfe mit den Taliban durchaus bewusst. Selbst der etwa zehnjährige Mirwais, der als Schuhputzer arbeitet, um seine Familie zu unterstützen, erkennt dies:

Wenn Frieden wäre, wäre Lernen die Zukunft. Aber jetzt haben die Menschen keine Ruhe. Und warum? Wegen der Kämpfe.

Generation Kunduz - Wahltag

Wahltag | Foto: Martin Gerner

Selbst diejenigen, die Hoffnung verbreiten, tun dies immer mit Vorbehalten. Der etwa 20jährige Student der Landwirtschaft Hasib weiß, dass er sein Leben riskiert, wenn er als unabhängiger Wahlbeobachter unterwegs ist, um die Demokratie in seinem Land zu stärken. Hoffnungsvoll nennen das die einen, realistisch die anderen.

Wer in Afghanistan etwas bewegen will, wird noch am gleichen Tag erschossen. Ein Leben zählt hier nichts.

Gerner begleitete auch junge afghanische Filmemacher beim Dreh eines Spielfilms. Und auch hier wird die Bedrohung der Taliban deutlich, die bei den Menschen immer noch im Kopf sitzt. Denn die Familien der jungen Filmgeneration sind gegen die Dreharbeiten, weil es immer noch als Schande gilt, beim Film zu arbeiten. Die Propaganda der Taliban sitzt noch immer tief in den Gedärmen der afghanischen Gesellschaft.

Generation Kunduz - Filmdreh in Kunduz

Filmdreh in Kunduz | Foto: Martin Gerner

Und verfolgt man die westlichen Medien, in denen die militärische und entwicklungspolitische Mission des Westens bereits als gescheitert bewertet wird, dann tritt neben die Bewunderung dieser „Generation Kunduz" ein Skeptizismus, so dass man für die Angst der Kriegsgeneration, die Taliban könnten zurückkehren, ein gewisses Verständnis aufbringt.

Der Film beginnt mit einer Sequenz des traditionellen afghanischen Reiterspiels Buz-Kashi, einer Art Polospiel, bei dem Reiter einen Gegenstand ergattern müssen, um Punkte für ihre Mannschaft zu bekommen. Man kann diesen Gegenstand erst nicht erkennen, meint ein Art gefüllten Sack zu sehen, bis man ein totes Tier erkennt, eine Ziege, auf die Pferde und Reiter losstürzen, um sie zu ergattern und zum Preisrichter zu zerren. Zahlreiche Schaulustige verfolgen das Spektakel. In einem Land, in dem die Taliban öffentliche Steinigungen in Fußballstadien durchführten, mag dieses afghanische Polospiel relativ weit unten auf der Gewaltskala angesiedelt sein. Das martialisch daherkommende Ritual zeigt aber auch, wie hoch das „normale Level" der alltäglichen Gewalt in Afghanistan ist.

Indem uns Martin Gerner in seinem Dokumentarfilm den Alltag der Afghanen zeigt, lässt er uns in die Herzen und Köpfe der jungen Afghanen blicken, zeigt uns Sorgen und Nöte, Ängste und Hoffnungen; und gibt uns so eine Chance, ein wenig zu verstehen, was es heißt, heute in Afghanistan zu leben.

GENERATION KUNDUZ – DER KRIEG DER ANDEREN. Regie: Martin Gerner. 80 Minuten. Deutschland 2012.

Auf der Film-Homepage finden Sie neben zahlreichen Hintergrundinformtionen auch alle Vorführungstermine in ganz Deutschland. So finden Sie einfach heraus, wann Generation Kunduz in Ihrem Kino läuft.