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Wenn’s im Kopf blitzt und kracht

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Über kreative Fähigkeiten und deren neuronale Grundlagen klärt der populärwissenschaftliche Sammelband „Geistesblitz und Neuronendonner“ auf. Allerdings mangelt es den Autoren an einigen Stellen an einer verständlichen Sprache.
Montag, 4. April 2011

Keine Angst, trotz Gewitter im Kopf hinterlässt die Lektüre dieses Buches keine Kopfschmerzen. - Vielmehr stellt der sechste Band der Buchreihe des turmdersinne die wissenschaftlichen Beiträge des gleichnamigen Symposiums, welches 2009 in Nürnberg stattgefunden hat, überarbeitet zusammen.

Geistesblitz und Neuronendonner

Worum es geht, formuliert zusammengefasst der Klappentext: „Die geistigen Leistungen des Menschen umfassen mehr als die sinnliche Wahrnehmung von Gegebenem und die rationale Verarbeitung von Wahrnehmungsinhalten. Menschen haben Ideen, fällen Urteile, treffen Entscheidungen und entwickeln Neues. Viele psychische Prozesse laufen dabei unbewusst ab. Manchmal schadet bewusste Aufmerksamkeit sogar eher als dass sie nützt. Wie kann man die merkwürdige Effizienz der Intuition verstehen und die schöpferische Kraft der Phantasie erklären? Was geschieht dabei im Gehirn? Die kreativen Fähigkeiten des Menschen und ihre neuronale Grundlage stehen im Mittelpunkt dieses populärwissenschaftlichen Bandes."

Bei der Themenwahl haben die Veranstalter ein gutes Gespür bewiesen. Denn Kreativität und Intuition gehören zu den Lieblingsthemen der Forschung, seit Archimedes sein berühmtes „heureka" seufzte. Im vorliegenden Sammelband versuchen Experten sich den Fragen und Themen von verschiedenen Seiten zu nähern. Zu Beginn thematisiert der Neurobiologe Gerhard Roth den Zusammenhang zwischen Intelligenz und Kreativität und identifiziert Intelligenz als Grundlage für Kreativität. In den weiteren Beiträgen werden wesentliche Elemente von Kreativität und die Phasen kreativer Prozesse dann genauer vorgestellt.

Ferner werden die Ergebnisse von Untersuchungen über den Zusammenhang von Rausch und Kreativität vorgestellt und diskutiert. Sind Rausch, Wahnsinn und Genie wirklich Voraussetzung für überdurchschnittliche Kreativität? Dieser Mythos von der inspirierenden Kraft der Rauschmittel wird klar entzaubert - das Resultat der Forschung ist, dass die Ideen durch Rauschmittel nicht besser werden, sondern einem im Rausch nur so vorkommen. Wenn Kreative dennoch Rauschmittel konsumieren würden, dann meist, um die schöpferische Spannung zu bewältigen. Als Merkmale von kreativen Geistern haben Forscher eher Neugierde, Motivation, Ehrgeiz, Interesse und Intelligenz ausgemacht.

Neue Ergebnisse der Forschung über die Bedeutung und Wirkung von unterschwelliger (subliminaler) Wahrnehmung stellt der Psychologe und Neurowissenschaftler Prof. John-Dylan Haynes vor. Er zeigt auf, wie diese Art der Wahrnehmung auch wichtige Entscheidungsprozesse beeinflusst. Auch das Selbst und seine Wahrnehmung, also die Frage, wie wir unser Selbstbild konstruieren steht im Zentrum einzelner Beiträge.

Summa summarum ist dieser Band ein aktuelles und anregendes Kompendium neurowissenschaftlichen Forschens. Den Anspruch, die Forschungsergebnisse populär zu verfassen, erfüllt das Buch allerdings nur bedingt. Denn weder sind die unterschiedlichen Beiträge der einzelnen Autoren aufeinander bezogen noch lässt sich ein roter Faden der Erkenntnis finden. Ferner bleibt ein Teil der Beiträge hinsichtlich Duktus und Ergebnispräsentation in einem engen Versuchssetting befangen, was dann aber nur für Fachleute nachvollziehbar und interessant ist. Als sehr hilfreich für die Lektüre erweist sich hingegen ein umfangreiches Glossar am Ende, das Fachbegriffe verständlich erläutert.

Rainer Rosenzweig (Hg.), Geistesblitz und Neuronendonner - Intuition, Kreativität und Phantasie. Mit Beiträgen von Tanja Gabriele Baudson, Nicola Baumann, Eva-Maria Engelen, John-Dylan Haynes, Rainer Holm-Hadulla, Monika Keller, Markus Knauff & Leandra Bucher & Kai Hamburger, Holger Lyre, Klaus Mainzer, Georg Northoff und Gerhard Roth. mentis Verlag 2010, 227 S., 29,80 €.