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(Un)Glaube

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Jan Roß‘ „Die Verteidigung des Menschen. Warum Gott gebraucht wird“ und Peter Henkels „Irrtum Unser! oder Wie Glaube verstockt macht“ können parallel gelesen werden. Der evangelische Christ Roß liefert die Argumente, die der Atheist Henkel zerpflückt. Doch ist es wirklich so einfach?
Dienstag, 11. Februar 2014

Roß‘ Grundthese lautet, „dass der Mensch zu[r] […] Menschlichkeit Gott braucht oder zumindest sehr, sehr gut brauchen kann.“ (S. 9) Leider aber wird Gott wenig nachgefragt, zumindest in Deutschland und Roß konstatiert eine „kulturelle Marginalisierung“ der Religion (S. 11). Ein Beleg dafür ist die Beschneidungsdebatte. Zwar bemühten sich Regierung und Parlament darum, die Legalität des „jahrtausendealten, biblisch begründeten Ritus der Beschneidung“ (S. 12) zu sichern, aber die Mehrheit der Bevölkerung verband mit Religion „bloß Missbrauch und Aberglaube“ (S. 12). Religion erscheint heute den meisten als „Gipfel der Uncoolness“ (S. 15).

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Dabei sei es nach dem ZEIT-Redakteur Roß die „Gottesebenbildlichkeit“ des Menschen (S. 31) v.a. im Christentum, die die „Heiligkeit der menschlichen Person“ (S. 39) garantiere und die über einen modernen Humanismus hinausgehe, wobei er allerdings zugibt, dass die historische Praxis der christlichen Kirchen dem oft widersprochen hat.

Roß besteht auf dem „Wahrheitsanspruch in Religionsfragen“, da ansonsten Glauben zu „Konvention oder Lifestyle“ (S. 62) verkomme, und folglich auf der Mission der Andersgläubigen. Roß verteidigt auch den Papst und den Vatikan, denn der katholische Zentralismus sei „eine Freiheitsgarantie – eine Garantie für die Freiheit der Religion vor Einmischungen aus Staat und Gesellschaft“ (S. 89).

Auch sonst verteidigt der Protestant Roß den Katholizismus, etwa wenn er die Enzyklika „Deus caritas est“ (Gott ist die Liebe, 2005) von Benedikt XVI. als „eine christlich-philosophische Liebeserklärung an die Liebe“ (S. 152) preist, die im Gegensatz zur prüden bzw. asketischen Haltung der katholischen Kirche stehe.  Andererseits ist nach Roß gerade die „Tradition von Schuld, Sünde und schlechtem Gewissen“ (S. 170) ein wichtiges Erbe, führt sie doch zu einer Kultur der Selbstbefragung. 

Sind etliche Argumente von Roß nachvollziehbar, etwa dass das protestantische „Los von Rom“ oft zu einer Abhängigkeit von Landesfürsten geführt habe, wirken andere fundamentalistisch, etwa seine Verteidigung des Konzepts der Erbsünde. Insgesamt bietet Roß eine gelegentlich selbstkritische und durchaus lesenswerte Verteidigung des Christentums. So räumt er etwa ein, dass die Religion jahrhundertelang als Herrschaftsideologie missbraucht wurde.

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Peter Henkel hält sich wie Roß nicht lange bei dem historischen Versagen der Religion auf, wobei er sich zwar v.a. auf das Christentum bezieht, aber auch den Islam und das Judentum einbezieht und am Rande auch auf den Hinduismus und den Buddhismus eingeht.

Unter Bezug v.a. auf Freud, Nietzsche und Dawkins nimmt er zunächst die Gründe auseinander, die von Gläubigen für eine Existenz Gottes vorgebracht werden. In einem zweiten Schritt widmet er sich den tatsächlichen Gründen, warum Menschen glauben, wie etwa die Angst vor dem Tod, die Macht des Herkunftmilieus und ein weit verbreiteter Irrationalismus, der noch die absurdesten religiösen Mythen glaubwürdig findet.

An Ratzingers scheinbarer Versöhnung von Glaube und Wissenschaft zeigt er an einigen längeren Zitaten die Widersprüchlichkeit von dessen Argumentation auf. Das folgende Beispiel soll seinen Argumentationsstil demonstrieren. Zunächst gibt er ein Ratzinger-Zitat aus dem „Kompendium des Katechismus der katholischen Kirche“:

Auch wenn der Glaube über der Vernunft steht, so kann es doch niemals einen Widerspruch zwischen Glaube und Wissen geben, denn beide haben ihren Ursprung in Gott. Es ist derselbe Gott, der dem Menschen sowohl das Licht der Vernunft als auch den Glauben schenkt.

Dann zerpflückt Henkel Ratzinger:

Aus Sicht des Pontifex ist Glaube der Vernunft überlegen. Für einen gläubigen Menschen mag sich das von selbst verstehen, es bleibt aber falsch. Dasselbe gilt für die jeder Logik Hohn sprechende Ansicht, beide könnten nicht im Konflikt miteinander stehen wegen ihrer gemeinsamen göttlichen Quelle. (S. 123)

Ähnlich setzt sich Henkel auch mit den protestantischen Vordenkern auseinander, etwa Margot Käßmann und Wolfgang Huber. Henkels Argumentationsstil führt zu etliche Aha-Effekten, da er aufzeigt, wie Theologen oft von unbewiesenen Behauptungen ausgehen, daraus überzogene Schlussfolgerungen ziehen und damit dann belegen, was für sie von Anfang an feststand. Andererseits wie obiges Beispiel belegt, völlig überzeugt ist der Leser wohl nicht. Es fehlt ein weiteres Ausholen, etwa in die Geschichte oder die Philosophie.      

Überzeugender ist Henkels viertes Kapitel, in dem er die Spekulationen der Astrologie, eine Pseudowissenschaft mit einer jahrhundertealten Tradition, mit den Ergebnissen der Astronomie konfrontiert und damit die Haltlosigkeit der Astrologen zeigt. Erhellend ist auch der Vergleich der Astrologie mit der Religion.

Henkel fasst seine Argumente am Ende seines Buches in zehn Thesen zusammen, die ein guter Ausgangspunkt für weitere Diskussionen sind. Allerdings die Leser von Roß‘ Buch wird er wohl nicht überzeugen. Während sich Henkel selbstsicher gibt, gibt sich Roß zurückhaltend und selbstkritisch, obwohl er nicht selten tatsächlich geradezu reaktionär argumentiert.

Image of Irrtum Unser! oder Wie Glaube verstockt macht

Peter Henkel: Irrtum Unser! oder Wie Glaube verstockt macht. Tectum Wissenschaftsverlag 2012, Taschenbuch, 212 Seiten

Image of Die Verteidigung des Menschen: Warum Gott gebraucht wird

Jan Roß: Die Verteidigung des Menschen: Warum Gott gebraucht wird. Rowohlt Berlin 2012, Gebundene Ausgabe, 224 Seiten