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Was wir Menschen uns antun können

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Der preisgekrönte russische Fotograf Andrej Krementschouk hat in Bildern eingefangen, was die Katastrophe von Tschernobyl hinterlassen hat. Eine dystopische Landschaft ohne Menschen. Seine Fotografien liegen nun in zwei Bildbänden vor.
Sonntag, 11. März 2012
Krementschouk Chernobyl Zone I+II

„Etwas Mächenhaftes" wohne der Landschaft um den Reaktor von Tschernobyl inne, meint Andrej Krementschouk. Seit 2008 fotografiert er in der Sperrzone um das seit jenem 28. April bekannteste Atomkraftwerk der Welt. Der 1973 in Gorki geborene und mehrfach mit Preisen ausgezeichnete Fotograf lebt und arbeitet heute in Leipzig. In den beiden Fotobänden Chernobyl Zone I und Chernobyl Zone II beschäftigt er sich mit der Welt ohne Menschen, mit einem Lebensraum, aus dem seine Bewohner vertrieben sind.

Krementschouks Landschaftsfotografie des ersten Bandes wirkt lakonisch und kommt denkbar undramatisch daher. Doch schnell beschleicht den Betrachter ein Befremden, ja ein leises Grauen – in den Bildern tut sich eine beklemmende Leere auf. Alles wirkt wie in der Strahlung eingefroren. Krementschuks kunstvolle Anordnung der pseudo-irenischen Bilder sorgt dafür, dass der Betrachter immer wieder gestört – oder verstört - wird von drastischem Realismus. Verfaulende Äpfel auf der Fensterbank, halb verborgen hinter der Gaze eines Vorhangs. Spielende Kinder in gelber Brühe, ausgespien in einen schwarzen Schacht. Ein süßer Hundewelpe, der das Gehirn aus einem abgeschlagenen Schafkopf herausfrisst.

Krementschouk Chernobyl Zone 1

Sporthalle mit Pferd, Prypjat 2009 | © Andrej Krementschouk 2011

Der zweite Band widmet sich der Atomarbeiter-Stadt Prypjat. Sie wurde 1970 eigens wegen des neuen Atomkraftwerks Chernobyl errichtet, ursprünglich sollte sie gar „Atomograd" heißen. Ihre 50.000 Einwohner lebten vier Kilometer vom Reaktor entfernt. Einst war die Stadt mit ihrer luxuriösen Anlage und der hohen Lebensqualität ein Vorschein auf die Zukunft des sozialistischen Menschen. Heute verwendet ein Computerspiel die Stadtszenerie für authentischen Horror. Die verstrahlte Stadt ist ein Touristenziel für Wagemutige, buchbar in Moskauer Reisebüros. Man kann den Sarkophag von den oberen Wohnungen der Plattenbauten aus sehen.

Was im ersten Band zumindest noch das Pittoreske des Landlebens hatte (wenn auch eines recht merkwürdigen), wird nun zum schonungslosen Abbild des Zerfalls. Der Leere der Natur stellt Krementschouk das dröhnende Schweigen gegenüber, das in der Stadt vom Menschen noch übrig bleibt, wenn er selbst schon weg ist.

Krementschouk Chernobyl Zone 2

Schwimmbad, Prypjat 2011 | © Andrej Krementschouk 2011

Der menschliche Wille hat nur genug Kraft zur Gestaltung des Lebensumfeldes, wenn er nie dabei nachlässt. Nach einem Vierteljahrhundert hat sich die Vegetation zurückgeholt, was ihr genommen wurde. Jetzt wachsen Birken in Hochhäusern, Moos auf dem Teppichboden des Hospitals. Farben und Tapeten haben die Wände verlassen. Die verwesenden Ruinen wirken wie eine Ansammlung von Rohbauten, die keine nützliche Zukunft mehr vor sich haben. Sie haben ihren Sinn verloren.

Die eindringlichen Fotografien erinnern uns an die Dialektik der Aufklärung. „Prypjat ist ein Symbol dafür, was wir Menschen uns antun können", sagt Krementschouk. Die menschliche Neigung zur Naturbeherrschung hat dafür gesorgt, dass auch um Fukushima viele ähnliche Fotografien entstehen können. Hoffen wir zumindest, dass es dabei bleibt.

Krementschouk Chernobyl Zone I

Andrej Krementschouk: Chernobyl Zone I. Kehrer Verlag 2011. 96 S. 64 Farbabbildungen. Festeinband 38 x 27 cm. 58,- Euro.

Krementschouk Chernobyl Zone II

Wolfgang Kil, Esther Ruelfs, Andrej Krementschouk: Chernobyl Zone II. Kehrer Verlag 2012. 88 S. 40 Farbabbildungen. Broschur 30 x 21,5 cm. 28,- Euro.