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Vom Bauernaufstand zur Massenbewegung

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Die Geschichte der Atomkraftgegner ist voller Höhen und Tiefen. Der LAIKA-Verlag hat sich nun vorgenommen, sie in fünf Bänden in Text und Bild zu erfassen. Die beiden ersten Bände liegen nun vor, der dritte Band erscheint in wenigen Wochen.
Freitag, 9. März 2012
Wackersdorf

Widerstand der Atomkraftgegner gegen den Bau der Wiederaufarbeitungsanlage Wackersdorf (WAA) in den 1980er-Jahren. | Foto: Oliver M. GRUER-LAVIN

Als im vergangenen Jahr tausende Menschen unter dem Eindruck der atomaren Katastrophe im japanischen Fukushima auf die Straße gingen und für ein Ende der Atompolitik demonstrierten, war dies keine Sensation, sondern geradezu eine gesellschaftspolitische Selbstverständlichkeit. Die Erkenntnis der Vernunft, dass mit dieser Energiequelle keine Zukunft gebaut, sondern diese vielmehr zerstört wurde, führte Menschen aus allen sozialen, politischen und weltanschaulichen Gruppen zusammen, um gegen das zu protestieren, was sein unverkennbares Symbol in einem schwarzen Mühlenrad auf gelbem Grund gefunden hat.

Woher aber kam dieser Volksaufstand, dieses Aufbegehren der Vernünftigen? Wo liegen die Anfänge der Anti-AKW-Bewegung und wer gehörte zu ihren Leitfiguren? Wo tobten die heftigsten, wo die kreativsten Kämpfe? Welche Bedeutung hatte der Reaktorunfall in Tschernobyl für die Bewegung, welche Folgen das gewalttätige Vorgehen der Staatsmacht in Gorleben und Wackersdorf? Und warum rücken die Energiekonzerne erst mit der allgemeinen Lobbyismuskritik in den Fokus der Anti-AKW'ler? Diesen Fragen widmet sich die auf fünf Bände angelegte Reihe Lieber heute aktiv als morgen Radioaktiv, deren zweiter Band in diesen Tagen erscheint und dessen dritter Band, der die Ereignisse um die Atomkatastrophe im japanischen Fukushima reflektiert, vorausscihtlich im April im Buchhandel erhältlich sein wird.

Verlegt werden die Textbände in der Bibliothek des Widerstands des Hamburger LAIKA-Verlags. In jedem Band finden sich DVDs mit zusätzlichem Filmmaterial. Ziel dieses Projektes ist es, die linke Widerstandsbewegung in all ihrer Vielfalt zu präsentieren und dabei die 100 wichtigsten filmischen Dokumente dieses Widerstands zu veröffentlichen.

Lieber heute aktiv als morgen radioaktiv 1

Der erste Band arbeitet die frühen Anfänge der Anti-AKW-Bewegung auf, ausgehend von den Protesten gegen das Kernkraftwerk im Dreiländereck Deutschland-Frankreich-Schweiz. Bereits in den frühen 1970er Jahren organisierten hier aufmerksame Bürger grenzüberschreitende Proteste gegen die AKWs in Kaiseraugust (Schweiz), Fessenheim (Frankreich) und Breisach (Deutschland). Im Kaiserstuhl, einem idyllischen Weinanbaugebiet in der südwestlichsten Ecke Deutschlands, liegt der Geburtsort der Anti-AKW-Proteste. Hier bildete sich eine breite Gruppe an Aktivisten, die als „Wacht am Rhein" medial geschickt auf die „umwelt-, heimat-, existenz- und lebensbedrohende" Atom-Industrie aufmerksam machten.

Detailliert kann man in dem ersten Band von Lieber heute aktiv als morgen radioaktiv nachvollziehen, wie genau sie den zivilen Widerstand organisierten, wie sie sich selbst Informationen verschafften und sie dann an die Bevölkerung verteilten, wie sie Bauplätze im Schichtwechsel besetzten oder die Lokalpolitik mit Wahlempfehlungen aufmischten. Auf öffentlichen Versammlungen oder Podiumsgesprächen mit verantwortlichen Politikern und Konzernvorstehern machten sie ihrem Unmut nicht nur Luft, sondern entlarvten auch die Beschwichtigungsstrategien der AKW-Betreiber. Der Kern des Protestes war klar: Die Bewahrung des agrarisch geprägten Lebensraums vor den Interessen der Energiekonzerne. Dies schlägt sich auch in den Protestliedern der Bürgerinitiativen nieder: „Herr Rosenthal hat einen Plan, der uns gar nicht gefällt, dem Rosenthal ist das egal, den interessiert nur Geld. Uns aber interessieren der Fluss, der Wald, das Feld, und unsere Gesundheit kauft uns keiner ab für Geld." Im Detail kann man die Proteste wunderbar beim Sichten der beiliegenden Filme nachvollziehen. Dabei fühlt man sich mitunter in eine Zeitmaschine gesetzt, so sehr ähnelten die Proteste um den Bahnhofsneubau Stuttgart 21 diesem Muster.

Es eröffnet sich, insbesondere bei der Betrachtung der Proteste um das AKW im norddeutschen Brokdorf und der Demonstration gegen den Schnellen Brüter in Kalkar am Niederrhein, aber auch eine zweite Parallele. Die des Vorgehens der Staatsgewalt, bei dem der Einsatz von Hundestaffeln am unteren Ende und der Einsatz von CS-Gas, Chemikalien und Blendgranaten am anderen Ende der Eskalationsstufe stehen. Im Norden Deutschlands eskalierten die Proteste wohl auch deshalb, weil sie vergebens waren. Während das AKW Wyhl verhindert werden konnte, wurde Brokdorf gebaut. Wohl auch, um ein Exempel zu statuieren und um ein „zweites Wyhl" zu verhindern. Der ehemalige baden-württembergische Ministerpräsident mit NSDAP-Vergangenheit, Hans Filbinger, brachte dies folgendermaßen auf den Punkt:

Wenn das Beispiel Wyhl Schule macht, ist dieses Land nicht mehr regierbar.

Im politischen Diskurs wurden die Proteste in Norddeutschland und am Niederrhein zum Teil der linken Gefahr. Als Vorboten des deutschen Herbsts wurden die Protestierenden von den politisch Verantwortlichen einer politischen Gesinnung zugeordnet und kriminalisiert, die lokale Bevölkerung wurde vor dem Umgang mit den Demonstranten gewarnt. Die Schutzmaßnahmen der Demonstranten vor gewaltsamen Übergriffen durch die Polizei wurden umgedeutet zu Vorbereitungen auf den „unfriedlichen Verlauf" der Proteste. Diesen Unfrieden brachten aus Polizeiperspektive natürlich diejenigen, die zu den Protesten aufriefen.

Wenngleich die Darstellung nicht durchgängig neutral gehalten ist – gezielte Provokationen und der Gewalteinsatz der Demonstranten werden nicht in gleichem Maße hervorgehoben und sprachlich skandalisiert, wie das Vorgehen von Polizei- und Sicherheitskräften, was wohl auch der Tatsache  zuzuschreiben ist, dass die Autoren der einzelnen Beiträge zum Kreis der AKW-Protestler gehören – ist ihr dokumentarischer Wert äußerst hoch.

Lieber heute aktiv als morgen radioaktiv 2

Das Beispiel Wyhl machte entgegen der Filbinger'schen Befürchtung dennoch Schule, denn es zeigte, dass ziviler Ungehorsam zum Erfolg führen kann. Überall dort, wo Energiekonzerne mit Atomkraft Profite erzielen wollten, entzündete sich schnell der Widerstand der Bevölkerung vor Ort, unterstützt von einer deutschlandweit aktiven Anti-AKW-Guerilla. Auf insgesamt 139 Seiten ist die Chronologie der Anti-AKW-Bewegung angewachsen, die im soeben erschienenen zweiten Band der Reihe zusammengetragen ist. Sie ist das Resultat einer gigantischen Sisyphos-Arbeit von Wolfgang Ehmke, dem Pressesprecher der Bürgerinitiative Umweltschutz Lüchow-Dannenberg und dem freien Autor Reimar Paul, der viele Jahre für die Anti-Atomzeitschrift Atom Express geschrieben hat. Die Zeitleiste beginnt mit einem Eintrag vom Juni 1971, in dem es heißt: „Bürger gründen das Oberrheinische Komitee gegen Umweltgefährdung durch Kernkraftwerke. Zuvor sind Pläne bekannt geworden, im badischen Breisach ein Atomkraftwerk (AKW) zu bauen." In der mehr als 40 Jahre umfassenden Chronologie haben Ehmke und Paul keinen Kreistagsbeschluss, keine politische Grundsatzrede, keinen Prozessauftakt, keine Bürgerversammlung, keinen Protestmarsch und keinen medialen Skandal ausgelassen. Zweifellos setzen Sie mit diesem Werk einen neuen Standard. Man wird an dieser Chronologie nicht mehr vorbeikommen, will man sich mit der Bewegung der Anti-AKW-Proteste auseinandersetzen.

Am Ende blicken Ehmke und Paul in die Zukunft, nicht im Sinne der Wahrsagerei, sondern im Sinne der politischen und wissenschaftlichen Deutung der geschaffenen Fakten:

2015
Mehr als 100 Pachtverträge mit privaten Eigentümern der Grundstücke über dem Salzstock Gorleben und damit auch den Salzrechten laufen aus.

2017
Die „Erkundung" des Salzstocks Gorleben-Rambow als mögliches Endlager für hochradioaktive Abfälle soll abgeschlossen sein.

2034
1. Dezember. Die Genehmigung zur Lagerung von höchstens 420 Behältern mit hochradioaktivem Atommüll im Zwischenlager Gorleben läuft aus.

Lieber heute aktiv als morgen radioaktiv – dieses Motto der ersten Anti-AKW-Proteste macht deutlich, worum es immer ging. Das Ziel wurde verfehlt – Harrisburg (von vielen vergessen), Tschernobyl und Fukushima sind die ebenso klaren wie traurigen Belege, wie auch der letzte Eintrag in der Chronologie einer Bewegung.

Im Jahr 15 702 009
Die Masse an Jod 129, die bis 2009 von den Schilddrüsen der Lebewesen aufgenommen worden ist, hat sich durch radioaktiven Zerfall schon halbiert! Physikalisch instabil, wurde es während des fossil-atomaren Zeitalters von atomaren Wiederaufarbeitungsanlagen in die Luft entlassen. Schilddrüsen benötigen Jod und reichern es an, da es sich chemisch nicht von natürlichem Jod unterscheidet.

Willi Baer und Karl-Heinz Dellwo (Hrsg.): Lieber heute aktiv als morgen radioaktiv. Die AKW-Protestbewegung von Wyhl bis Brokdorf (mit DVD). Bibliothek des Widerstandes Band 18. Laika-Verlag 2011. 250 S. 29,90 Euro.

Willi Baer und Karl-Heinz Dellwo (Hrsg.): Lieber heute aktiv als morgen radioaktiv. Chronologie einer Bewegung (mit DVD). Bibliothek des Widerstandes Band 19. Laika-Verlag 2012. 550 S. 29,90 Euro.

Ausschnitte aus den Filmen können auch hier angeschaut werden.

Lieber heute aktiv als morgen radioaktiv