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Vernunft, was sonst

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Mittwoch, 1. Juni 2011

Zum zweiten Mal legt Helmut Schmidt eine Sammlung von Texten vor, die sich mit der Religion und ihrer Bedeutung für politisches Handeln beschäftigen. Der erste dieser Sammelbände erschien zu Schmidts aktiver Zeit als Bundeskanzler unter dem Titel „Als Christ in der politischen Entscheidung“. Damals ging es nicht zuletzt darum die Öffentlichkeit davon zu überzeugen, dass nicht alle Sozialdemokraten amoralische Systemumstürzler sind. Der nun vorliegende Band versammelt Texte, die größtenteils nach Schmidts Kanzlerschaft entstanden sind. Nun aber ist es aber nicht mehr der Politiker, der sich rechtfertigen will, sondern vielmehr sieht Schmidt die Religion selbst am Zuge. Dass jetzt die „Religion in der Verantwortung“ steht, ist natürlich den weltweiten Verwerfungen des letzten Jahrzehnts geschuldet, hat aber auch mit Schmidts, wie er schreibt, eher noch zunehmender Distanzierung vom Christentum zu tun. Ein „Skeptiker“ sei er, so sagt er von sich selbst.

Helmut Schmidt: Religion in der Verantwortung

Helmut Schmidt: Religion in der Verantwortung

Vieles von dem, was Schmidt vorträgt, kennt man schon aus den Talkshows oder aus anderen Büchern des geradezu omnipräsenten Publizisten. Doch einige Passagen sind überaus gelungene Übungen im Nachdenken über Politik und ihre moralische Legitimierung. Ein wahres Kabinettstückchen von vollendeter Rhetorik und origineller Gedankenführung ist der Vortrag zum 300. Geburtstag von Johann Sebastian Bach. Da gerät die Bach’sche Kompositionsart zum Spiegelbild von Vernunft und Pflichterfüllung, von Einsicht in die Notwendigkeiten und gleichzeitiger Gestaltungsmacht des schöpferischen Menschen. Fast überkommt einen die Wehmut, denkt man an das intellektuelle Format des heutigen Spitzenpersonals der Sozialdemokratie.

A propos Bach: Die Kirchenmusik, so sagt Schmidt, war ihm immer wichtiger als die Kirche. Diese ist ihm als Werte erhaltende und Werte vermittelnde Instanz bedeutsam. Ihren religiösen Einsichten steht er eher fremd gegenüber. Seine Religiosität beschreibt er als „nie sehr ausgeprägt“ – was wohl eher höflich ausgedrückt ist. Nie wollte er von der Kanzel reden, immer bestand er auf einem Rednerpult, wenn er in Kirchen sprach. Wirklich distanzieren mag er sich aber dann doch nicht. Seine verstorbene Frau Loki war da eindeutiger. Die anerkannte Botanikerin war Anhängerin von Charles Darwin und stand dem Religiösen nicht nur gleichgültig, sondern wohl durchaus ablehnend gegenüber.

Schmidts sprachlicher Gestus ist glücklicherweise auch bei den jüngeren Texten weit davon entfernt, wie das Raunen eines weisen Älteren daherzukommen. Ohnehin ist Schmidt keiner, der wichtigtuerische Verschwurbelungen zuließe. Das würde wohl auch seinem hanseatischen Ethos widersprechen. Vielmehr scheinen gerade die neueren Texte dichter, noch schnörkelloser und direkter geworden zu sein. Als ob keine Zeit mehr bliebe für Nebensächlichkeiten. Sie rahmen die Sammlung ein: Ein Abdruck des Religions-Kapitels aus seinem aktuellen autobiographischen Buch „Außer Dienst“ zu Beginn, und eine „abschließende Betrachtung“ am Ende, in der Schmidt seine Einsichten kondensieren lässt. Sie dürfte der inhaltlich stärkste und analytisch konsequenteste Text der Sammlung sein.

Alles reduziert sich auf den Satz, den er allen drei abrahamitischen Religionen gemeinsam sieht: Du sollst nur so handeln wie du selbst behandelt werden willst. Kein Wunder: Mehr noch als Christ ist Schmidt Kantianer. So wird er nicht müde zu betonen, dass sittliches Handeln und moralische Gesinnung nicht an Religion gekoppelt sind. Im Gegenteil, Schmidt erkennt und thematisiert die gewalttätige Rolle, die Religionen in der Geschichte gespielt haben, und die unrühmliche Rolle, die dabei ihre jeweiligen Priester gespielt haben. Als eine Maxime seines politischen Handels habe ihm daher gegolten sich von Staatsmännern fernzuhalten, die ihre Politik auf Religion gegründet hatten, und dies empfiehlt dies auch den Heutigen. Denn die Berufung auf Religion taugt ihm nicht für die politische Entscheidung. Vernunft und Augenmaß, gesunder Menschenverstand und kritisches Nachdenken sind für ihn die Mittel, mit denen Politiker ihre Entscheidungen treffen sollten.

Wohtuend ist zu lesen, dass Schmidt der kirchlichen Propaganda so manchen Zahn zieht und der antiken Philosophie zu ihrem Recht verhilft. So besteht er nachdrücklich darauf, dass die Menschenrechte nicht von den Christen erfunden worden sind, sondern wie viele Freiheitsrechte gegen die Religionen durchgesetzt wurden. Gleiches gilt für die Demokratie an sich: „Es ist nicht das Christentum, welches die Demokratie geschaffen hat“.  Deutlich setzt er sich für die Trennung von Staat und Religion ein. Dass in Deutschland die christlichen Kirchen in einer privilegierten Nähe zum Staat stehen, bezeichnet er als ein „ungelöstes Problem“. Im säkularen Staat solle es einen gleichen Abstand aller Religionen vom Staat geben.

Dieses Ergebnis der europäischen Aufklärung findet sich allerdings nicht in allen Staatsvorstellungen auf der Welt. Hier sind oft religiöse Bindungen des Politischen stark ausgeprägt, und das nicht immer zum Vorteil einer friedlichen Entwicklung. Die menschliche Vernunft sei das einzige Mittel, dieser zerstörerischen Kraft der Religionen ihre Spitze zu nehmen. Verstehen wollen, gegenseitiger Respekt und der unbedingte Verzicht auf Missionierung - nur so könne der Clash of Civilisations des Samuel Huntington mit seinen verheerenden Konsequenzen vermieden werden. Schmidt hält ihn für möglich, wenn religiöse Unterschiede weiter eskaliert werden und auf dem Nährboden von Armut und mangelnder Bildung zu Hass und Gewalt führen. Seine Forderung, die er mit großem Ernst vorträgt, ist klar formuliert: Die religiösen und politischen Führer der Welt haben die Verantwortung, ihre Glaubensunterschiede hintanzustellen und gemeinsam für den Frieden zu arbeiten.

Dies ist, wenn das Wort erlaubt ist, Schmidts Vision: Die Aussöhnung zwischen den abrahamitischen Religionen, und Friede zwischen den Kulturen, die mit ihnen verbunden sind. Doch auch hier bleibt ihm tiefe Skepsis. „Offenbar ist der Konflikt zwischen Religion und Politik und Vernunft ein bleibender Teil der Conditio humana“. Die Verantwortung der Religion? Sich der Vernunft zu beugen.

Helmut Schmidt: Religion in der Verantwortung. Propyläen 2011. 256 S. 19,99 Euro.

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