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Verabschiedung der Atomkraft: Ein Flug-Wackerstein, der nicht vergessen werden darf!

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Holger Strohms Buch „Friedlich in die Katastrophe“ ist – leider, leider! – unvermindert aktuell.
Montag, 12. März 2012
Holger Strohm_Friedlich in die Katastrophe

1973 im linken Verlag Assoziation in Hamburg zuerst veröffentlicht, fasste das Buch Friedlich in die Katastrophe des Wissenschaftsautors und Aktivisten Holger Strohm das Hintergrundwissen seiner Generation über die Gefahren der sog. „friedlichen Nutzung der Atomkraft" klassisch, d.h. ebenso gut belegt wie klar verständlich, zusammen. Diese Generation hat in Westdeutschland immerhin das zunächst von einem breiten politischen Konsens – auch etwa von der SPD mit ihrem Godesberger Programm - getragene Projekt des „Atomstaates" stoppen können – mit den größten Demonstrationen der damaligen westdeutschen Geschichte.

1981 erschien eine erweiterte Auflage in Frankfurt als dem neuen Epizentrum der noch breiteren westdeutschen Protestbewegung gegen die Stationierung einer neuen Generation von Atomraketen bei Zweitausendeins als linkem Verlag für Longseller in großen Auflagen. Diese Auflage „wurde Ende April 1981 per Einschreiben" an Bundestagsabgeordnete und Bundesregierung, an der Bundespräsidenten, an Kirchenvertreter, Leiter von Bundesämtern, Ministerpräsidenten der Länder, Bürgermeister von Großstädten, Abgeordnete des EP, führende Gewerkschafter, Verbandsvertreter sowie an Vertreter von Wissenschaft, Kultur, Medien, Stiftungen und Vereinen – also an die gesamte politische Elite der Bundesrepublik geschickt, sowie den Repräsentanten der DDR  und der Schweiz übermittelt.

Die jetzt von der Hamburger Edition Nautilus – die u.a. Der kommende Aufstand auf Deutsch publiziert hat – veröffentlichte Neuausgabe datiert vom August 2011. Sie ist ergänzt durch ein aktuelles Vorwort des sozialdemokratischen Umweltpolitikers Michael Müller, das den Titel „Atomkraft – der Tod ist ein Meister aus Deutschland" trägt, und ist auch sonst so gründlich erschlossen, wie dies einem Klassiker gebührt.

Besonders bestürzend liest sich heute etwa Strohms Nachzeichnung der schon seit 1970 (!) laufenden Debatte über die mit der "friedlichen Nutzung der Atomkraft" untrennbar verbundenen Gefahren der Verbreitung von Atomwaffen. Wie schon Strohm aufgrund eines Berichts des US-Senats festhielt, "könnte auch in denn kurzen Zeiträumen, in denen nach primitiven Wiederaufbereitungsmethoden gearbeitet wird, genügend Plutonium zum Bau mehrerer atomarer Sprengköpfe wöchentlich erzeugt werden" - wobei aber "primitive Methoden gar nicht notwendig [sind], denn die Industrieländer reißen sich geradezu darum, Wiederaufbereitungsanlagen aus schlichter Profitgier sogar an jede Diktatur zu verkaufen". Zwar ist die von Strohm beschriebene Gefahr, dass 17 Nationen über Atomwaffen verfügen und aus Plutonium 3000 Atombomben hergestellt werden könnten, noch nicht eingetreten. Wieviel Zeit im Hinblick auf einen Ausstieg aus der Proliferationsgefahr inzwischen versäumt worden ist, haben zumindest die jüngeren politischen Debatten um die Atomwaffenprogramme Nordkoreas und des Irans gezeigt. Sicherlich hat der "Atomstaat", wie ihn Strohm damals - keineswegs allein, wenn auch aus konkreter Erfahrung (vgl. die Beschreibung seines eigenen "Falls")  - an die Wand gemalt hat, nicht einfach den Abschied vom "Rechtsstaat" erzwungen. Aber es gibt auch keinen Grund zur Entwarnung: Die Datensammelwut von Behörden und Diensten kann offenbar immer wieder nur lückenhaft gebremst oder auch nur kontrolliert werden. Und es hat zwar keinen zweiten "deutschen 'Reichstagsbrand'" gegeben, vor dem Strohm gewarnt hat - aber die Versuche, jegliche radikale Opposition als Bedrohung der 'inneren Sicherheit' zu illegalisieren, haben keineswegs aufgehört.

Boell_Mythos Atom

Strohm begeht leider mehrfach wie hier den Fehler, seine Warnungen auf eine Weise zuzuspitzen, die es den Leugnern der von ihm angesprochenen Probleme leicht macht, zu sagen, dass es doch sooo schlimm gar nicht sei. Das sollte aber nicht als Vorwand dienen, mit den problematischen Zuspitzungen auch die zugrundeliegenden Probleme zu leugnen."

Die Debatte hat seit damals ihre Schwerpunkte verlagert, aber Strohms Kernaussage hat nichts an Aktualität verloren: „Der Mythos von der Atomkraft als unbegrenzte, konkurrenzlos günstige und sichere Energiequelle" ist widerlegt.

Es mag ja auch im säkularen Spektrum Leute geben, die glauben könnten, zwischen dem sozialdemokratischen Umweltpolitiker Müller von heute und dem radikalen Atomkraftkritiker Strohm (der inzwischen auch dort Neigungen zu verschwörungstheoretischen Auffassungen gezeigt hat, wo es sich weniger anbietet) ließe sich eine argumentative Lücke ausmachen, die auch nur einem „vernünftigen Zweifel" zugunsten der sog. „friedlichen Nutzung der Atomkraft" Raum gäbe – und die dann auch noch auf diesen einst vom Chef des Polaris-Atom-U-Boot-Programms Admiral Rickover in die Welt gesetzten Slogan hereinfallen.

All jene sollten ergänzend die von der Heinrich-Böll-Stiftung herausgegeben Broschüre Mythos Atomkraft lesen, in der international ausgewiesene Experten wie Antony Frogatt, Mycle Schneider und Otfried Nassauer zeigen, dass auch nach weiteren Jahrzehnten der Debatte keine Argumente gefunden werden konnten, um der Atomkraft auch nur „the benefit of the doubt" zuzugestehen – und dass die Verflochtenheit von militärischer und ziviler „Nutzung" eher noch weiter zugenommen hat.

Holger Strohm: Friedlich in die Katastrophe. Eine Dokumentation über Atomkraftwerke [Neuausgabe m. e. Vorwort von Michael Müller], Hamburg 2011. 1.292 S. 20,50 Euro

Heinrich-Böll-Stiftung: Mythos Atomkraft. Warum der nukleare Pfad ein Irrweg ist (Schriften zur Ökologie, Band 12). Berlin 2010. 216 S. Hier zum kostenlosen Download.