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Ratgeber zum Sterben

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Nur die Geburt und den Tod erleben tatsächlich alle Menschen. Während aber die Medizin die Geburt und was ihr vorhergeht gut untersucht hat, weiß man weit weniger über die Sterbephase.
Freitag, 9. Dezember 2011
Borasio_Über das Sterben

Gian Domenico Borasio ist einer der ersten Lehrstuhlinhaber für Palliativmedizin. Er definiert das von ihm vertretene Fachgebiet, dessen Ergebnisse und Problematiken er in Über das Sterben. Was wir wissen. Was wir tun können. Wie wir uns darauf einstellen vorstellt, als „hochspezialisierte Allgemeinmedizin am Lebensende“. Die Schmerztherapie, mit der Palliativmedizin oft assoziiert wird, ist dabei nur ein Teilgebiet. Für genauso wichtig hält Borasio die Behandlung internistischer Symptome wie Atemnot und die neuropsychiatrischer Probleme wie Verwirrtheit. Noch weit wichtiger ist für ihn aber die „psychosoziale und spirituelle Begleitung“ Sterbender und ihrer Angehöriger.

Diese „Spiritual Care“ ist für ihn „weit mehr als konfessionell geprägte (christliche) Seelsorge. Sie stellt die umfassende Sorge um den kranken Menschen dar, die den Berufen des Seelsorgers und des Arztes und im Grunde allen Berufsgruppen im Gesundheitswesen gemeinsam ist.“ Zwar bezieht sich Borasio meist auf christliche und gelegentlich auf buddhistische Traditionen. Trotzdem ist sein Konzept auch für Humanisten interessant.

Ein großer Teil des Buches widmet sich medizinischen Fragen am Lebensende, wobei er seine Fachkollegen oft kritisiert, da diese bspw. Sterbende oft weit über das notwendige Maß hinaus sedierten, wodurch sie sich von ihren Angehörigen nicht mehr sinnvoll verabschieden können. Für Therapiefehler hält er auch die intravenöse Zufuhr von Flüssigkeit und das Verabreichen von Sauerstoff durch einen Nasenbrille. Statt ein qualvolles Durstgefühl bzw. Atemnot zu verhindern, verstärken diese beiden Maßnahmen in der Sterbephase diese Beschwerden. Ähnliches gilt auch für künstliche Ernährung am Ende des Lebens, besonders bei fortgeschrittener Demenz. Borasio plädiert für aussichtsreiche medizinische Therapien bei lebensbedrohlichen Erkrankungen, lehnt aber die v.a. in Krankenhäusern verbreitete Übertherapie in der Sterbephase ab. Zu berücksichtigen ist dabei, dass sich heute fast die Hälfte aller Todesfälle in Krankenhäusern ereignen.

Borasio engagiert sich für Patientenverfügungen, wobei er v.a. die Bedeutung begleitender ausführlicher Arztgespräche betont. Sehr differenziert geht er auch auf aktive und passive Sterbehilfe und den assistierten Suizid ein, wobei er u.a. auf medizinische Erfahrungen in den Niederlanden und den USA verweist. Im Interview zum Buch sagt er, es gehe heute um das "Wiederentdecken des liebevollen Unterlassens" - und bringt damit die aktuellen Debatten um Sterbehilfe, ärztlich assistierten Suizid und das selbstbestimmte Sterben durch Verzicht auf Essen und Trinken auf den Punkt.

Kurz: Borasios Über das Sterben. Was wir wissen. Was wir tun können. Wie wir uns darauf einstellen ist ein wohltuend sachlicher Ratgeber, der vor dem Hintergrund der aktuellen Umstände, die er erhellend und tiefgründig beschreibt, sowohl medizinische wie auch ethische Fragen ausführlich behandelt.

Gian Domenico Borasio: Über das Sterben. Verlag C.H. Beck 2011. 207 S. 17,95 Euro. 

Hier können Sie in das Buch hineinlesen.

Gian Domenico Borasio: Über das Sterben