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Nicht wirklich neu und etwas diffus. Jonathan Phillips’ Geschichte der Kreuzzüge.

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Es gibt Bücher mit denen man fremdelt, obwohl deren Thema spannend ist. So geht es mir mit dem Buch Heiliger Krieg von Jonathan Phillips. Es hält nicht, was Titel, Verlagswerbung und Vorwort versprechen, ist widersprüchlich und hat keinen stringenten Erzählfaden.
Montag, 21. November 2011
Jonathan Phillips_Heiliger Krieg

Im englischen Original heißt der Untertitel A Modern History of the Crusades. Das Wörtchen modern ist in diesem Fall mit neu übersetzt worden und suggeriert damit, dass das Buch neue Erkenntnisse vermittelt. Aber wirklich Neues findet sich wenig im Werk des britischen Historikers. Anders als in der Verlagsankündigung behauptet, ist Phillips nicht der erste Autor, der muslimische Quellen einbezieht. Das hat vor ihm bereits Thomas Asbridge (Die Kreuzzüge. Stuttgart 2010) getan.

Insgesamt ist die Geschichte der Kreuzzüge schon vielfach beschrieben worden, gerade auch im letzten Jahrzehnt, weil im Rahmen des wieder ausgebrochenen Konflikts zwischen Islam und Christentum, der Begriff von beiden Seiten für aktuelle Auseinandersetzungen funktionalisiert worden ist. Nicht alle diese Werke beschränken sich, wie Phillips behauptet, auf die Darstellung des gegenseitigen Blutvergießens. Dass die Konfliktlinien nicht immer den religiösen Grenzen zwischen Christen und Muslimen folgten, es einerseits auch Phasen von Zusammenarbeit und Bündnissen quer durch die religiösen Lager gab, findet sich auch bei anderen Autoren, u.a. etwa bei besagtem Thomas Asbridge. Neu bei Phillips ist, dass er den Bogen bis in die heutige Zeit spannt und die Rezeptionsgeschichte der Kreuzzüge beschreibt, allerdings auch hier ohne zu überzeugen.

Phillips ist ohne Zweifel ein profunder Kenner der Materie, aber es gelingt ihm nicht, einen stringenten Erzählfaden zu entwickeln. Häufig verzettelt sich seine Darstellung in unwichtigen Kleinigkeiten, einige Erzählungen enden abrupt. Er kolportiert Geschichten, die er selbst für fragwürdig hält, welcher Erkenntnisgewinn soll darin liegen? Gleiches gilt, wenn er zeitgenössische Einschätzungen zu Personen von deren Anhängern und Gegnern unkommentiert gegenüberstellt. Sein Bemühen, die Handelnden aus ihrer Zeit heraus zu begreifen, führt dazu, dass er den Charakter der Kreuzzugsideologie nicht genügend hinterfragt. Daraus ergeben sich dann distanzlose Formulierungen wie z. B.:

Da Innozenz sich fest vorgenommen hatte, den christlichen Glauben zu hüten, erkannte er, dass die katharische Lehre restlos ausgemerzt werden musste.

Fragwürdig sind seine Bewertungen der Rezeptionsgeschichte der Kreuzzüge. Die heftige Kritik, die seit Reformation und Aufklärung an den Kreuzzügen geübt worden ist, betrachtet er als überzogen, wohl weil er meint, dass diese den Kreuzfahrern ihre Ideale abspricht. Diese Ideale sind nach Phillips auch der Grund, warum im 19. Jahrhundert in der Literatur und damit auch im Alltagsbewusstsein die Kreuzzüge rehabilitiert wurden. Dabei vergisst er allerdings, dass in der Menschheitsgeschichte im Namen hehrer Ideale sehr viele Verbrechen begangen worden sind. Mir erscheint die Auffassung, die Gerd Althoff im Feuilleton der Berliner Zeitung in einem anderen Kontext geäußert hat, zutreffender. Gerade der Mangel an kritischer Auseinandersetzung mit den erschreckenden Seiten kirchlich legitimierter Gewaltanwendung hat dazu geführt, dass ein Mythos über die Kreuzfahrer entstanden ist. Die Tatsache, dass der Begriff des Kreuzzugs nach wie vor umgangssprachlich positiv, als Kampf für eine gute Sache, besetzt ist, ist die Folge davon, dass von christlicher Seite, über Jahrhunderte versäumt worden ist, die Legitimation zur Tötung und Vernichtung Ungläubiger mittels religiöser Argumente eindeutig zu verurteilen.

Dass der Autor immer wieder versucht, die Akteure der Kreuzzüge gegen Kritik, die in seinen Augen damaligen Maßstäben nicht gerecht wird, zu verteidigen, führt dazu, dass er im Verlauf seines Werkes des Öfteren widersprüchlich argumentiert. Obwohl seine Darstellung der Kreuzzüge nicht unkritisch ist, erweckt sie manchmal den Eindruck, als sei Phillips selbst ein Stück weit der Faszination der Kreuzzugsideologie erlegen.

Jonathan Phillips: Heiliger Krieg. Eine neue Geschichte der Kreuzzüge. DVA 2011. 640 Seiten. 29,99 Euro

Eine Leseprobe zu Jonathan Phillips Heiliger Krieg. Eine neue Geschichte der Kreuzzüge finden Sie hier.