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Neues zum Arbeiterwiderstand

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Ungeachtet einiger Mängel bietet der Band „Der vergessene Widerstand der Arbeiter“ wichtige Informationen für am Arbeiterwiderstand interessierte Leser.
Donnerstag, 24. Mai 2012
Der vergessene Widerstand der Arbeiter Cover

Der von Hans Coppi und Stefan Heinz im Rahmen der Reihe Geschichte des Kommunismus und Linkssozialismus herausgegebene Band Der vergessene Widerstand der Arbeiter fasst diverse Beiträge zu verschiedenen Gruppen und Aspekten des Widerstands gegen den Nationalsozialismus zusammen. Dabei ergeben sich interessante neue Erkenntnisse zu dieser Thematik, auch wenn der Titel etwas fragwürdig ist, die Zusammenstellung der Beiträge manchmal willkürlich wirkt und nicht alle unter dem Begriff Arbeiterwiderstand subsumiert werden können.

Im Jahr 2005 erschien als Reaktion auf den politischen und medialen Hype, den die 60jährige Wiederkehr des gescheiterten Attentats vom 20. Juli 1944 ausgelöst hatte, das verdienstvolle vom Leiter der Gedenkstätte Deutscher Widerstand, Johannes Tuchel, herausgegebene Buch Der vergessene Widerstand. Darin wiesen die Autoren eindrücklich darauf hin, dass der Widerstand gegen das NS-Regime weit über die am 20. Juli beteiligten Gruppen hinausging und die ihn tragenden Schichten in ihrer großen Mehrzahl aus den Reihen der Arbeiterbewegung stammten. Schon mit dem Titel knüpfen die Herausgeber des neuen Bandes hier an. Hans Coppi, Sohn eines ermordeten Widerstandskämpfers, beklagt in seinem Vorwort erneut, dass in der öffentlichen und politischen Wahrnehmung der Bundesrepublik der Widerstand aus der Arbeiterbewegung wenig präsent ist. Diese Defizite sind unbestritten, jedoch hat sich, nicht zuletzt auch dank der Anstöße aus der Gedenkstätte Deutscher Widerstand, seitdem an der Erkenntnislage einiges verändert. Und dass sich gerade auch junge Wissenschaftler diesem Thema nach wie vor widmen, dafür sind die Beiträge des vorgelegten Bandes ebenfalls ein guter Beleg. Entsprechend halte ich es für fragwürdig, nach wie vor von einem vergessenen Widerstand zu sprechen.

Auf der Basis bisher nicht erschlossener Quellen erbringen die Autoren des Bandes neue Erkenntnisse über den vielfältigen Widerstand aus der Arbeiterbewegung. Diverse Gruppen, die im Rahmen der mannigfaltigen Organisationsstruktur dieser Bewegung entstanden und teilweise darüber hinauswuchsen, werden vorgestellt. Es gibt mehrere Beiträge über gewerkschaftlichen Widerstand sowie aus den Reihen der SPD und ihr nahestehender Gruppen, sowie der KPD.

Erstmals wird auch der bisher nur in Ansätzen erforschte Widerstand von Zwangsarbeiter thematisiert. Hier trifft noch am ehesten der Begriff vom vergessenen Widerstand zu. Interessant auch der Beitrag über den Widerstand aus den Reihen der polnischen Minderheit in Berlin, allerdings erscheint hier, bei den von der Autorin selbst als bürgerlichen Frauen bezeichneten Protagonistinnen, die Zuordnung zur Arbeiterbewegung mehr als zweifelhaft.

Ein Beitrag widmet sich Otto Weidt, der in Berlin versuchte Juden vor der Deportation zu bewahren und zu verstecken. Dass er in jungen Jahren in der anarchistischen Bewegung tätig war, trägt sicher dazu bei, seine Motivation zu erklären, zu den Vergessenen gehört Otto Weidt, dem mittlerweile ein eigenes Museum gewidmet ist, nun aber bestimmt nicht.

Aus humanistischer Sicht besonders interessant ist der Beitrag über Hildegard Schimschok, die in der freidenkerisch geprägten Widerstandsgruppe um Paul Winzen in Dortmund tätig war. Die Gruppe, die sich aus gemeinsamer Arbeit im Deutschen Freidenkerverband (DFV) kannte, verstand sich lange Zeit als politischer Freundeskreis, der intensiv über politische Konzepte nach dem erhofften Ende der NS-Herrschaft diskutierte. Als sie mit dem Beginn des Krieges stärker nach außen aktiv wird, versucht neue Mitglieder zu gewinnen und die Widerstandsaktivitäten auszuweiten, gerät sie schnell ins Visier der Gestapo. Ein Spitzel schleicht sich ein, die Gruppe fliegt auf. In der Zeit von Juni bis August 1940 werden sämtliche Mitglieder der Gruppe festgenommen. Hilde Schimschok erhielt vier Jahre Zuchthaus, Paul Winzen und einen weiterer Mitstreiter verurteilte der Volksgerichtshof zum Tode. Im Februar 2007 wurde in Dortmund für Paul Winzen ein Stolperstein gelegt, die Patenschaft hält der HVD in Nordrhein Westfalen.

Hier würde der Begriff vergessener Widerstand ebenfalls passen, denn der Widerstand von Angehörigen der Freidenkerbewegung ist bisher ein in der Tat vernachlässigtes Thema. Dabei ist die Frage, welche Motive jemand geleitet haben, Widerstand zu leisten, eine der Wichtigsten überhaupt, nicht zuletzt kann daraus auch Lehren für Gegenwart und Zukunft ableiten. Eine freidenkerische Weltsicht, die sich nicht reinen Atheismus, auf antiklerikales Gebaren beschränkt, sondern auf eigene Inhalte und ethische Grundsätze setzt, führt nahezu zwangläufig dazu, sich gegen Diktatur, Unterdrückung und Menschenrechtsverletzungen aufzulehnen. Die Autorin, Gisela Notz, bezeichnet die Gruppe Winzen ausdrücklich als Freidenker, allerdings vermag sie den DFV, aus dem auch der HVD hervorging, historisch-politisch nicht korrekt einzuordnen. So verlegt sie sein Gründungsdatum von 1905 in das Jahr 1881, als der bürgerlich orientierte Deutsche Freidenkerbund entstand. Noch gravierender ist, dass sie übersieht, dass der Verein, der heute noch den Namen Freidenker trägt, nicht mehr für humanistische Grundsätze steht, sondern zu einer pseudolinken Politsekte verkommen ist, die u.a. durch Solidaritätsbekundungen für die Regimes von Milošević, und jüngst von Ghaddafi und Assad von sich reden machte. In diesem Magazin wurde daher bereits die Frage aufgeworfen, ob der Koordinationsrat der säkularen Organisationen (KORSO) einen solchen Verband unter seinen Statuten noch dulden kann.

Ein Beitrag thematisiert die Erinnerungskultur zum Thema Arbeiterwiderstand und beklagt, dass durch die Auswirkungen der Vereinigung vor allem auf dem Gebiet der ehemaligen DDR ein Kahlschlag zu dieser Thematik eingesetzt hat. Abgeschlossen wird der Band mit einer Darstellung der Schriftenreihe der Gedenkstätte Deutscher Widerstand über den Widerstand in den Berliner Stadtbezirken. Ungeachtet der benannten Mängel bietet der Band dennoch einiges an wichtigen Informationen für am Thema Arbeiterwiderstand Interessierte.

Hans Coppi, Stefan Heinz (Hrsg.): Der vergessene Widerstand der Arbeiter. Gewerkschafter, Kommunisten, Sozialdemokraten, Trotzkisten, Anarchisten und Zwangsarbeiter. Dietz Verlag 2012. 384 Seiten, 18 Abbildungen. 29,90 Euro

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