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Letzte Ausfahrt Attentat

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Angetrieben von wahnhaften Ideen und falschen Informationen versuchen Attentäter seit jeher, den Lauf der Welt zu beeinflussen.
Montag, 29. August 2011
Manfred Schneider, Das Attentat

Manfred Schneider, Das Attentat. Kritik der paranoischen Vernunft.

Als die Verschwörer um Marcus Brutus in den Iden des März des Jahres 44 vor Christus Julius Caesar ermordeten, wurde ein Mythos des Attentats geboren, der bis heute anhält. Die Geschichte des politischen Anschlags ist von Caesaren und Brutuswiedergängern geprägt: August von Kotzebue und sein Mörder Karl Ludwig Sand zählen dazu, ebenso wie John F. Kennedy und sein Mörder Lee Harvey Oswald oder die Schüler der Columbine-Highschool und die Amokläufer Eric Harris und Dylan Klebold.

Diese und mehr Fälle unterzieht der Germanist und Philosoph Manfred Schneider in seiner Kritik der paranoischen Vernunft einer gründlichen Erforschung. In seinem Grundlagenwerk zum Attentat vollführt er einen Parforceritt durch die Menschheitsgeschichte, um auf fast 700 Seiten nicht nur die Überlieferungen der berühmtesten Attentäter und ihrer Opfer zu erzählen, sondern diese sogleich auf den aus Tätermotiven und Opferfunktionen bestehenden roten Faden aufzureihen.

Wesentlich für den Attentäter ist seine Paranoia, sein, wie Kant es formulierte, „Rasen der Vernunft". Es ist die Einbildung einer einmaligen Kenntnis der Welt, wie sie wirklich ist. Der Gewaltakt ist deshalb der Versuch, öffentlich „ein misslungenes Bild der Macht [zu] zerschlagen". So wie die römischen Verschwörer mit ihrer Tat die Republik zu bewahren hofften, wollte Charlotte Corday mit der Ermordung Jean-Paul Marats alle Franzosen und John Wilkes Booth mit den tödlichen Schüssen auf Abraham Lincoln die Südstaaten vor der endgültigen Niederlage retten. Und Al-Quaida will mit den Angriffen auf den Westen der „Ursache aller Weltübel" begegnen. Die Opfer haben nur eine ikonische Stellvertreterfunktion für das „Übel der Welt". Immer geht es ums Ganze. Nichts kann den Attentäter von seiner Tat abhalten, denn seine Paranoia „badet in unerschütterlichen Überzeugungen", schreibt Schneider.

Der Attentäter interpretiert die Welt in seinem Sinn und handelt dementsprechend. In dieser Analyse liegt die Aktualität von Schneiders Kritik. Die Attentäter von heute sind diejenigen, die in jeder Entwicklung der globalisierten Moderne das Grundsätzliche infrage gestellt sehen. „Die Paranoia, die dafür stets einfache eindimensionale Gründe anführt, ist die Sklerose des Kontingenzsinns."

Manfred Schneider, Das Attentat. Kritik der paranoischen Vernunft. Verlag Matthes & Seitz 2010. 768 Seiten. € 39,90.

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