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Kampfzone Straße

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Das friedliche Zusammenleben bleibt zunächst nur eine Hoffnung, wie ein Polizist und ein Quartiersmanager aus Berlin in ihrem Buch über das Stoppen jugendlicher Gewalttäter deutlich machen.
Mittwoch, 13. Juni 2012
Kampfzone Straße

Der Berliner Integrationsbeauftragte Günter Piening ging im Februar vorzeitig aus dem Amt. Es sei einiges erreicht worden, gleichwohl plagen ihn Sorgen: Selbst bei Bildungsaufsteigern aus dem Migrantenmilieu sei Diskriminierung „ein großes Thema. Diese Menschen merken, dass sie trotz ihrer Erfolge von dieser Gesellschaft nicht anerkannt werden." Natürlich sei das für das Wir-Gefühl in der Gesellschaft sehr problematisch.

Nach der Lektüre der Neuerscheinung Kampfzone Straße. Jugendliche Gewalttäter jetzt stoppen bin ich unsicher, wodurch Distanz auch entsteht und Abneigung und weshalb das Wir-Gefühl in der Gesellschaft so schwer herstellbar ist. Der Berliner Polizist und Dienststellenleiter Gaertner, 40 Jahre im Dienst, und der Neuköllner Quartiersmanager Saad, ein Berliner palästinensischer Herkunft, ehemals selbst Mitglied einer Straßengang (vgl. Fadi Saad: Der große Bruder von Neukölln. Ich war einer von ihnen - vom Gang-Mitglied zum Streetworker), beschreiben in dem Buch ihren gemeinsamen Kampf gegen die vielfältigen Erscheinungen der Jugendgewalt im Kiez und der parallelgesellschaftlichen Dissonanzen.

Zunächst bestätigen sie die bekannten Ursachen für Gewalt, Vandalismus und Distanz zu fast allen staatlichen Einrichtungen, die Sprachprobleme, die Schwierigkeiten in der Schule, der falsche Ehrbegriff, der Zusammenprall der Kulturen, das Machoverhalten der männlichen Jugendlichen, all die Folgen von Verletzungen. Aber deutlich wird, je konkreter die vielen Fälle sehr detailliert beschrieben werden, dass es immer wieder Verbindungen zur Erziehung in den Familien gibt, insbesondere den arabischen, und dass die vielen guten Ansätze in den Schulen nur dann langfristig erfolgreich sein werden, wenn sich die Behörden untereinander besser vernetzen und wenn Vorschriften, auch Gesetze, so geändert werden, dass sie der gesellschaftlichen Wirklichkeit tatsächlich gerecht werden. So fordern die Autoren eine Anpassung des Datenschutzes, ein generelles Messerverbot, eine raschere und konsequentere Strafverfolgung, wie sie die Richterin Heisig bereits teilweise erreichen konnte, auch unter dem Aspekt des Jugendgerichtsgesetzes, das Erziehung statt Strafe vorsieht. So fordern sie, aus meiner Erfahrung als Beamter der Schulverwaltung, sehr zu Recht eine Senkung der Klassenfrequenzen in sozialen Brennpunkten und eine bessere finanzielle Absicherung der Arbeit der Quartiersmanager. Die negativen Vorbilder in den Familien bewirken das falsche Rollenverhalten insbesondere der männlichen Jugendlichen, sie verstärken tradierte Ehrbegriffe.

Kampfzone Straße Autoren

Autorenduo Karlheinz Gaertner (privat) und Fari Saad (Ünsel Erbas)

Hinzu kommt, dass der Schule die nicht zu bewältigende Aufgabe zugewiesen wird, allein für die Erziehung zuständig zu sein. Da weibliche Lehrkräfte immer wieder abgewertet werden, muss man sich über deren geringe Wirksamkeit nicht wundern. Die Autoren scheuen sich nicht, für die Familien, bei denen alle staatlichen Hilfsmaßnahmen nicht akzeptiert werden, die Kürzungen der gesetzlichen Leistungen  wie des Familiengeldes, des Kindergeldes oder anderer Sozialleistungen zu fordern. Auch das bereits in Ausnahmefällen praktizierte Entfernen der Kinder aus der Familie müsste frühzeitiger erfolgen – sicher eine sehr diskussionswürdige Forderung. Bei den bisherigen Verhandlungen über Ehrenmorde war allerdings erkennbar, dass die jugendlichen Mörder die Vollstrecker des väterlichen Willens waren. Mir scheint, dass der Vorschlag der neuen Berliner Senatorin für Arbeit, Integration und Frauen, Dilek Kolat, Eltern per Vertrag an Schulpflichten zu binden, ein erfolgversprechender Weg sein könnte.

Einer weiteren Forderung ist sehr zuzustimmen: Mehr Erzieher, Lehrer, auch Polizisten mit Migrationshintergrund müssten eingestellt werden. Es geht dabei nicht nur um das bessere Verständnis für kulturelle und soziale Traditionen, auch nicht um das schnellere Sprachverständnis, vielmehr beweist der arabisch sprechende Fari Saad den oft verblüfften delinquenten Jugendlichen, dass sie sich zu Unrecht auf den Koran berufen, wenn sie Gewalt ausüben, Mädchen unterdrücken und den Ehrbegriff falsch auslegen. Höflichkeit, Zivilcourage und gegenseitiges Respektieren  sind sowohl die Werte unserer demokratischen Ordnung, aber eben auch die, die der Koran lehrt. Das humane, von gegenseitiger Wertschätzung getragene Zusammenleben ist nach manchen Projekten erkennbar, stimmt auch hoffnungsfroh, aber die Regel ist es leider nicht. Zu viele, in diesem lesenswerten Band zusammengetragene, konkret beschriebene Einzelfälle belegen das erschreckende Gegenteil.

Der Integrationsbeauftragte hielt für besonders problematisch, dass Ressentiments gegenüber bestimmten Einwanderergruppen auch in der Mittelschicht hoffähig geworden seien. Die in der Kampfzone Straße beschriebenen kriminellen Aktivitäten insbesondere der arabischen Jugendgangs und die parallelgesellschaftliche Rechtsprechung in islamischen Familien dürften die Einstellung der deutschen Mittelschicht kaum zum Positiven wenden.

Kampfzone Straße

Karlheinz Gaertner, Fari Saad: Kampfzone Straße. Jugendliche Gewalttäter jetzt stoppen. Verlag Herder 2012, 219 S. 14,99 Euro.

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