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„Isch mach Disch Krankenhaus!“ - Die Verteilungskämpfe gehen weiter

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Über die Schwierigkeit, humanistische Haltungen zu leben und dennoch erfolgreich zu sein
Freitag, 23. März 2012
Krieg in den Städten

Wer die Brände in Londons Stadtteil Tottenham und die Straßenschlachten in den Banlieues von Paris noch im Gedächtnis hat, wird den Titel der eben erschienenen Publikation des Archivs der Jugendkulturen nicht übertrieben finden: Krieg in den Städten. Jugendgangs in Deutschland. Der seit seinem Erscheinen 1991 vieldiskutierte, leider längst vergriffene Band liegt nun im Nachdruck vor und ist um einen Essay erweitert worden, der sich mit den Entwicklungen in den letzten 20 Jahren beschäftigt.

In dieser Zeit des demographischen Wandels durch Migration, durch die Zumutungen des Neoliberalismus, durch das immer stärker werdende Auseinanderklaffen zwischen Arm und Reich, durch das Verschwinden der DDR und durch Entsolidarisierungen in bedenklich werdendem Ausmaß beobachten die Autoren, wie und in welcher Größenordnung sich Jugendliche in den Einwanderervierteln in multikulturelle Gangs zusammenschließen, andere in Neonazi- und Antifa-Gruppen oder einfach nur in Freundschaftscliquen. Die Botschaft: Die Gesellschaft ist in Gefahr, wenn sich die soziale Spaltung verfestigt; Friedfertigkeit wird es nur geben, wenn „es der heranwachsenden Generation über ethnische, soziale, und regionale Grenzen gelingt, eine gemeinsame Sprache, gemeinsame Visionen und Ziele zu entwickeln." Wir brauchen eine positive Antwort auf die Frage, ob es der Politik gelingt, gegen Marginalisierung und dauerhafte Verarmung eine berufliche, soziale und staatsbürgerliche Integration zu erreichen.

Klaus Farin und Eberhard Seidel, beide bestens ausgewiesen auf dem Feld der Jugendarbeit in Berlin, sehen in der Globalisierung der qualifizierten Arbeitswelt und der Abschaffung von steuerfinanzierten Privilegien der Mittelschicht mittels Hartz IV eine Ursache für Bedrohungsgefühle gegenüber sicher geglaubtem Lebensstandard und in der Folge aggressive Einstellungen, sich abzugrenzen und sich von Migranten und bildungsfernen Schichten bewusst zu distanzieren. Verstärkt wurde diese Haltung durch den 11. September und den Mord an dem niederländischen Filmemacher Theo van Gogh. Erst kaum merklich, dann umso deutlicher wurden

aus Türken Muslime, aus türkischer und arabischer Kultur die islamische. Nicht mehr die nationalen, ethnischen, sozialen, kulturellen und individuellen Identifikationsmerkmale beherrschen seitdem die Wahrnehmung. Die Zugewanderten und ihre Nachkommen werden von der Mehrheitsgesellschaft auf ihre religiöse Identität reduziert.

Neuere Umfragen bestätigen die Autoren: Im Herbst 2010 wollten über die Hälfte der Deutschen die Religionsfreiheit der Muslime einschränken, im Osten sogar über 75 Prozent.

Bei diesem Thema ist Differenzierung geboten und nur vorsichtige Wertung erlaubt: Natürlich ist der terroristische Dschihadismus brandgefährlich, weil er den Tod vieler seiner Gegner ersehnt, schreiben die Autoren, es „scheint die Gefahr islamistischer Radikalisierung virulent." Da liegen sie auf der Linie des Islam-Experten Guido Steinberg von der Berliner Stiftung Wissenschaft und Politik:

Die Zahl der radikalisierten Muslime wird wachsen, solange sich muslimische Einwanderer hierzulande benachteiligt fühlen müssen.

Wenn nur 11 Prozent der Muslime glauben, sie würden von den Deutschen als ihresgleichen betrachtet und 72 Prozent meinen, sie würden wegen ihrer ethnischen Herkunft diskriminiert, vor allem am Arbeitsplatz und bei der Wohnungs- und Arbeitssuche, so kann man Radikalisierungsgründe wohl nicht übersehen. Ursache und Wirkung sollten stets im Blick bleiben. Erfreulich, dass sich nur eine verschwindend geringe Minderheit von Jugendlichen in salafistischen Gruppen zu Hause fühlen, die Demokratie und individuelle Freiheitsrechte ablehnen und einen Gottesstaat anstreben.

Diese Neuerscheinung bringt eine Fülle von Daten und Umfrageergebnissen – Literaturbelege leider nur aus den Jahren 1982 bis 1990 – aber auch Hinweise und Einsichten über Streetgangs, Skinheads, Streetfighter gegen rechts, über Mädchengangs und Männerrituale, die nicht nur jeder Pädagoge kennen sollte. Sie sind auch für jeden Zeitungsleser von Bedeutung, der nach spektakulären Schlagzeilen zu vorschnellen Wertungen kommt und dabei übersieht, dass unsere Gesellschaft Erosionsprozesse erlebt, dass altbewährte Integrationsstrategien vor allem durch Arbeit und Konsum erreicht werden können und dass von der Politik glaubwürdige Entscheidungen für den gesellschaftlichen Zusammenhalt erwartet werden müssen.

Klaus Farin / Eberhard Seidel: Krieg in den Städten. Jugendgangs in Deutschland. Archiv der Jugendkulturen Verlag 2012, 180 S. 12,- Euro