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Das Hochhalten von Moral in verbrecherischen Zeiten

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Die Tagebücher Friedrich Kellners beweisen, wie wichtig es für eine Gesellschaft ist, mündige Bürger heranzuziehen, die zu einem kritischen Umgang mit Informationen in der Lage sind.
Dienstag, 29. November 2011

Als das „historische Buch des Jahres" zeichnete die Fachzeitschrift Damals die Tagebücher Friedrich Kellners aus. Ein „Jahrhundert-Dokument" nennt es Die Zeit. Dennoch lagen die Aufzeichnungen des Laubacher Justizinspektors Friedrich Kellner aus den Jahren 1938 bis 1945 jahrzehntelang unbeachtet zuerst in seinen Schubladen, dann in denen seines amerikanischen Enkels. Deutsche Verlage zeigten sich nicht an ihrer Veröffentlichung interessiert. Erst im Jahre 2005, als die Tagebücher zum 60. Jahrestag der Beendigung des Zweiten Weltkriegs in den USA ausgestellt wurden und internationale und deutsche Medien darüber berichteten, kam die Wende. Die Arbeitsstelle für Holocaust-Literatur an der Justus-Liebig-Universität Gießen regte deren Edition an. Damit kam eine Chronik ans Tageslicht, die präzise Innenansichten des Alltags unter der NS-Herrschaft liefert. Gleichzeitig wirft sie erneut die Frage auf, wie viel die deutsche Bevölkerung von den Verbrechen des NS-Regimes wissen konnte und wollte.

Friedrich Kellner_Vernebelt, Verdunkelt sind alle Hirne

Die Tagebücher von Kellner belegen deutlich, dass es ganz gewöhnlichen Deutschen in der Provinz, ohne Zugang zu internen Kreisen und Informationen, durchaus möglich war, die Schleier der NS-Propaganda zu durchdringen und sich ein realistisches Bild von der Lage zu verschaffen. Kellner glaubte nicht, was die NS-Propaganda ihm vorsetzte, er wollte wissen. Entsprechend las er die offiziellen Meldungen mit wachem Verstand, erfasste so deren beständige Wendungen, lernte zwischen den Zeilen zu lesen. Das Ganze ergänzte er durch die Nachrichten von ausländischen Rundfunksendern und zog daraus seine Schlüsse. Eine weitere wichtige Quelle seiner Kenntnisse bildete zufällig Gehörtes, Berichte und Gespräche aus seinem Umfeld. So erfuhr er von der „Euthanasie-Aktion", der Ermordung Behinderter ebenso wie vom Vernichtungskrieg im Osten und von den Massakern an den Juden.

Frühzeitig ging er davon aus, dass Hitler die Sowjetunion angreifen würde, denn er hatte mein Kampf gelesen und verstanden. Auch den Kriegseintritt der USA sah er voraus und die Tatsache, dass deren industrielles Potential die Waagschale nachhaltig zu Ungunsten Deutschlands bewegen musste.

Dass die meisten seiner Zeitgenossen diese Wahrheiten nicht sehen und hören wollten und schon seit Jahren Hitler und seinen Gefolgsleuten gedankenlos hinterherliefen, machte ihn verzweifelt und wütend, manchmal auch selbstgerecht. „Ein Volk muss seine Verfassung genauso verteidigen wie sein eigenes Hab und Gut" schrieb der von demokratischen und humanen Werten geprägte Sozialdemokrat nieder. Er bekannte sich zur „christlichen Sittenlehre", war aber 1920 aus der evangelischen Kirche ausgetreten, weil er deren vorbehaltlose Unterstützung der Kriegs- und Annexionspolitik des Kaiserreichs ablehnte. Kellner bewahrte seine moralischen Maßstäbe und ließ sich nicht von den Erfolgen der NS Sozial- und Außenpolitik blenden. Im März 1940 schrieb er:

Die schauderhafteste Erscheinung ist aber, dass ein Teil des deutschen Volkes überhaupt jegliches Empfinden für Recht und Gerechtigkeit verloren hat.

Bereits im September 1938 während der Sudetenkrise hatte er notiert:

Es tut mir leid feststellen zu müssen, dass das primitive Denken des deutschen Volkes einen Grad erreicht hat, der schlechterdings nicht mehr zu überbieten ist.

Auch angesichts der großen Euphorie, die die Blitzsiege der ersten Kriegsjahre in Deutschland auslösten, bewahrt er kühlen Kopf. Immer wieder mit Eroberungsphantasien und der scheinbar selbstverständlichen Betonung des Rechts des Stärkeren konfrontiert, notierte er:

Welche Tragik der Menschheit offenbart sich da. Raub und Habgier! Keiner denkt daran, dass er ja morgen mit demselben »Recht« von seiner Scholle verjagt werden kann.

Hellsichtig dachte er über den Tag hinaus und war sich über die Folgen der NS-Gewaltpolitik im Klaren, während viele, die die Eroberungspolitik Hitlers bejubelten, sich dann später über das Unrecht der Vertreibung der Deutschen beklagten. Politisch sehr weitsichtig ist auch sein Kommentar zum Attentat vom 20. Juli. Er befürchtete, dass ein gelungenes Attentat die Bildung einer neuen Dolchstoßlegende begünstigt hätte, und schrieb:

Übrigens begrüße ich die Rettung des Führers, weil er aus taktischen Gründen bis zum bitteren Ende dabei sein muss. Er muss da bleiben bis es gar keinen Ausweg mehr gibt, bis selbst die »Vorsehung« nicht mehr helfend ihm zur Seite steht.

Friedrich Kellner

Friedrich Kellner | Quelle: Arbeitsstelle für Holocaustliteratur an der Justus-Liebig-Universität in Gießen

Niemals verlor er die Realitäten des Krieges aus den Augen. Kurz nach Beginn des Angriffs auf die Sowjetunion bemerkte er:

Gestern (Sonntag) wurde ein zusammengefasster Heeresbericht mit 12 Sondermeldungen über die Anfangserfolge gegen Russland im Radio bekanntgegeben. Wie bei einem Jahrmarktsrummel. Städte, Dörfer u. Felder werden verwüstet. Soldaten büßen ihr Leben ein, Hunderttausende werden obdachlos. Darüber kein Sterbenswörtchen. Nur Ruhm und nochmals Ruhm!

An anderer Stelle hielt er fest:

Es ist in diesem Kriege eine beliebtes Mittel, die eigenen Soldaten als ausgesprochene Helden darzustellen und ihre Taten als Heldentaten ohne Beispiel in der Kriegsgeschichte zu bezeichnen. Das braucht man dem überheblichen deutschen Volke nur dauernd vorzusetzen, dann geht das bisschen Charakter noch ganz zum Teufel. Die Soldaten der Gegenseite sind im Jargon der Propagandamacher: Horden, Banditen, Heckenschützen usw.

Ebenso differenziert betrachtete er schon frühzeitig den Bombenkrieg:

Wenn englische Flieger nach Berlin fliegen, so ist das Piratentum u. wenn deutsche Flieger London bombardieren, nennt sich das Heldentum, so ist es wenigstens in den Zeitungen zu lesen. ... Das mag vielleicht auf den einen oder andern harmlosen Deutschen noch einen gewissen Eindruck machen, es wird aber wohl kaum einen halbwegs vernünftigen Menschen geben, der etwa zwischen einem Bombenangriff auf London und einem solchen auf deutsche Städte einen Unterschied herausfinden könnte. Es ist also einfältig, auch nur ein Wort des Unmutes über die Angriffe zu sagen. Wünscht man keinen Fliegerangriff, dann darf man keinen Krieg machen.

Kellner war Patriot und kritisierte deshalb auch die militärischen Fehler, die von Hitler begangen wurden. Dennoch war er der Überzeugung, dass Deutschland und Japan den Krieg so schnell wie möglich verlieren müssen. Um der Barbarei ein Ende zu machen, schien ihm jedes Mittel recht. Im Dezember 1941 forderte er in seinem Tagebuch, was in den folgenden Jahren dann grausige Realität wurde:

Großangriffe [aus der Luft, A.d.A.] auf Japan und Deutschland. ... Der Krieg muss unter allen Umständen in die Länder der Kriegsverbrecher getragen werden.

Sein moralischer Rigorismus wird noch heute auch in Bezug auf die Bestrafung der Schuldigen erkennbar:

Es gibt keine Strafe, die hart genug wäre, bei diesen Nazi-Bestien angewendet zu werden. Natürlich müssen bei der Vergeltung auch wieder die Unschuldigen mitleiden. 99 Prozent der deutschen Bevölkerung tragen mittelbar oder unmittelbar die Schuld an den heutigen Zuständen.

Bereits im Juli 1941 schrieb Friedrich Kellner nieder, was nach dem Ende der NS-Herrschaft zu tun sei. Er forderte u.a. die Auflösung der NS-Organisationen, die Beschlagnahme ihres Vermögens und das ihrer Funktionäre, die Inhaftierung beziehungsweise Überwachung der NS-Kader, die Aufhebung der NS-Gesetze sowie die gerichtliche Ahndung der NS-Verbrechen. Weiterhin trat er schon zu diesem frühen Zeitpunkt für eine Säuberung der Verwaltung und deren Übernahme durch unbescholtene Bürger – vornehmlich rückkehrende Emigranten – sowie für die sofortige Wiedergutmachung von NS-Unrecht ein.

Kurz vor Kriegsende betonte er noch einmal:

Unter Gerechtigkeit verstehe ich: Vergeltung und Bestrafung der Sünder. Der Nationalsozialismus muss mit Stumpf und Stiel ausgerottet werden.

Dabei wandte er sich gegen die Kollektivschuldthese, schrieb aber auch:

Die moralische Schuld an den in den Konzentrationslagern begangenen Untaten trifft allerdings einen sehr großen Kreis deutscher Menschen. In erster Linie alle Parteimitglieder der NSDAP sowie alle Befürworter des nationalsozialistischen Systems.

Bereits im Oktober 1942 hatte er formuliert:

Unsere Nachkriegsgeneration wird sich sehr viel Mühe geben müssen, um dem ganzen Volke die Begriffe von Sittlichkeit, Menschlichkeit, Recht und Gerechtigkeit so beizubringen, dass Deutschland überhaupt neben zivilisierten Völkern leben und bestehen kann.

Solche Äußerungen waren auch im Nachkriegsdeutschland lange Zeit unpopulär. Das mag, ebenso wie die Tatsache, dass Kellners Tagebücher belegen, dass niemand so unwissend gewesen zu sein brauchte, wie es die Mehrheit der Deutschen nach 1945 vorgab, dazu beigetragen haben, dass seine Niederschriften erst jetzt veröffentlicht werden konnten.

Friedrich Kellners zum Teil überraschend hellsichtige Aufzeichnungen belegen, dass Propaganda immer nur so mächtig ist, wie die Menschen es zulassen, und dass es während der NS-Zeit offenbar eine große Diskrepanz zwischen Wissen-Können und Wissen-Wollen gegeben hat. Allein dafür lohnt sich die Lektüre seiner Tagebücher. Sie sind aber auch aus zwei anderen Gründen überaus lesenswert: Einerseits beweisen sie, dass es sehr wohl möglich war, sich auch während der NS-Herrschaft einen kritischen Geist und moralische Maßstäbe zu bewahren. Andererseits zeigen sie auf, wie die Mehrheit der Deutschen damals dachte und fühlte. Die Tatsache, dass zum einen so viele Hirne sich „vernebeln und verdunkeln" ließen, zum anderen aber ein kritischer Verstand offenkundig davor schützen konnte, belegt, wie wichtig es für eine Gesellschaft ist, mündige Bürger heranzuziehen, die zu einem kritischen Umgang mit Informationen in der Lage sind.

Friedrich Kellner: „Vernebelt, verdunkelt sind alle Hirne." Tagebücher 1939-1945. 2 Bände. Herausgegeben von S. Feuchert, R. Kellner, E. Leibfried, J. Riecke, M. Roth. Wallstein Verlag 2011. 1200 Seiten. 59,90 Euro.