Direkt zum Inhalt

Heimlich im Gericht

Druckversion
Der Gerichtsreporter Leo Rosenthal hat in den 1920er und 1930er Jahren heimlich bei Prozessen an Berliner Gerichten fotografiert. Nachdem seine beeindruckenden zeithistorischen Dokumente Ende 2009 erstmals öffentlich gezeigt wurden, liegen sie nun in Buchform vor.
Donnerstag, 10. Mai 2012
Leo Rosenthal - Einstein

Der Physiker Albert Einstein als Zeuge, um 1931 | © 2011 Landesarchiv Berlin und Schirmer/Mosel

Der 1884 in Riga geborene Leo Rosenthal hatte als Gerichtsreporter, wie auch Erich Salomon, zunächst nur über die Prozesse an den Berliner Gerichten geschrieben, bis er Mitte der 1920er Jahre heimlich zur Kamera griff und die Höhe- und Tiefpunkte des Justizwesens in Berlin in atmosphärisch dichten, hintergründigen Bildern festhielt. Vom Kleinkriminellen über den gefallenen Bankier bis hin zum politisch motivieren Angeklagten, Rosenthal hat im Gericht alles und jeden versteckt fotografiert.

Insbesondere die politischen Prozesse sind heute von Interesse. So fotografierte Rosenthal etwa den wegen Beleidigung angezeigten Vorwärts-Chefredakteur und späteren Berliner Oberbürgermeister Ernst Reuter, fing den wegen sittenwidriger Texte angeklagten Pazifisten Ernst Friedrich und dessen Fürsprecher Erich Mühsam fotografisch ein, dokumentierte den Prozess gegen den Weltbühne-Herausgeber Carl von Ossietzky und war bei der Verhandlung anwesend, in der sich der Schriftsteller Erich Weinert wegen Gotteslästerung verantworten musste. Auch prominente Zaungäste wie Robert Musil, Albert Einstein oder Kurt Grossmann finden sich auf seinen Bildern.

Die Aufnahmen, die dies dokumentieren, sind nun erstmals in dem Bildband Leo Rosenthal – Ein Chronist in der Weimarer Republik zusammengefasst, der aus zweierlei Gründen bemerkenswert ist. Zum einen ermöglicht er, das immer noch unvollständige Bild des Niedergangs der Weimarer Republik zu vervollständigen.

Leo Rosenthal - Hitler

Im so genannten Edenpalast-Prozess erreichte Rechtsanwalt Hans Litten als Vertreter der Nebenklage im Mai 1931 die Vorladung Adolf Hitlers und seines Parteigenossen Walter Stennes, um zu beweisen, dass Rollkommandoüberfälle eine planmäßige Taktik der NSDAP zur Destabilisierung der Weimarer Republik darstellten. | © 2011 Landesarchiv Berlin und Schirmer/Mosel

Rosenthals Gerichtsaufnahmen lassen klare Rückschlüsse auf die politische Atmosphäre seiner Zeit zu. Und als solche belegen diese Fotografien das Gespür des Sozialdemokraten Rosenthal für die aufsteigende gesellschaftliche Stimmung gegen politische Strömungen links von der Mitte vor dem Hintergrund der Wirtschaftsmisere am Vorabend des deutschen Faschismus. Seine versteckten Aufnahmen der selbst- und ganz und gar nicht schuldbewussten Herren Goebbels oder Hitler im Gerichtssaal, der eingeschüchterten kommunistischen Angeklagten beim ersten Horst-Wessel-Prozess oder beim späteren Felseneckprozess sind beeindruckende Zeugnisse eines unheimlichen Vorgangs: Das nationalsozialistische Gedankengut wanderte (nicht nur auf Rosenthals Bildern) langsam aber stetig von der Seite der Angeklagten auf die Seite der Ankläger.

Beim heimlichen Fotografieren im Gerichtssaal hat Leo Rosenthal eine Intuition für Situationen und besondere Momente entwickelt. Dies erklärt so manchen Schnappschuss außerhalb der Gerichtssäle. Diese Aufnahmen haben ihre ganz eigene Alltagskomik und erinnern zuweilen an Fotografien wie den kürzlich wiederentdeckten Berlin-Fotografen Friedrich Seidenstücker.

Leo Rosenthal - Menschen

Menschen im Gerichtssaal, undatiert | © 2011 Landesarchiv Berlin und Schirmer/Mosel

In Erinnerung aber wird Leo Rosenthal aufgrund seiner Gerichtsfotografien bleiben, denn „Rosenthals Gerichtsfotografien zeigen von den Sensationsprozessen bis zu den Verfahren gegen Kleinkriminelle ein authentisches Bild der straffällig gewordenen Gesellschaft in der Weimarer Zeit und dokumentieren damit eindrucksvoll ein Kapitel sowohl der Fotografie-, der Presse- als auch der Justizgeschichte." Diese Worte schrieb der Experte für Pressefotografie und Pressegeschichte Bernd Weise in seinem klugen und überaus erhellenden Beitrag über die „Anfänge und Umstände des Fotografierens in deutschen Justizverfahren". Sie lesen sich zugleich wie eine Zusammenfassung, die prägnanter nicht sein könnte. Es sei daher erlaubt, sie hier zu zitieren.

Leo Rosenthal - Cover

Nachdem das Landesarchiv Berlin Ende 2009 die zwischen 1926 und 1933 entstandenen Fotografien erstmals der Öffentlichkeit zugänglich machte, liegt nun erstmals ein Bildband mit diesen beeindruckenden Aufnahmen des Journalisten jüdischer Herkunft vor. 

Leo Rosenthal: Ein Chronist in der Weimarer Republik. Schirmer/Mosel 2011. 159 S. 29,80 Euro.