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Glauben in Europa

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Freitag, 1. Juni 2012

Die Herausgeber des Buchs zu Glaubensfragen in Europa sind der Meinung, „dass Religion als politischer Faktor zu lange ignoriert wurde". Ob das allerdings mit einer „Rückkehr der Religionen" zu tun hat, wie es viele Theologen propagieren, daran formuliert der Soziologe Detlef Pollack in seinem Artikel begründete Zweifel. In Westdeutschland z.B. ging die Zahl der wöchentlichen Gottesdienstbesucher von 1970 bis 2004 von 29 Prozent auf nur noch 12 Prozent zurück. In den meisten europäischen Ländern gibt es eine ähnliche Entwicklung. Pollack schreibt:

Von einer Renaissance des Religiösen kann also sowohl hinsichtlich der Kirchenzugehörigkeit und der kirchlichen Praxis als auch hinsichtlich des Gottesglaubens in Westeuropa keine Rede sein.

Dagegen wächst der Glaube an Gott in Staaten mit einem niedrigen ökonomischen Niveau, wie Weißrussland, Bulgarien oder Russland. Pollacks Fazit lautet: „Je moderner ein Land ist, desto geringer ist das Niveau des Glaubens an Gott." Es kann also weiterhin von einer Tendenz zur Säkularisierung in großen Teilen Europas gesprochen werden, ganz im Gegensatz zu den Behauptungen religiöser Gruppen.

Ariens, König, Sicking. Glaubensfragen in Europa

Elke Ariens, Helmut König, Manfred Sicking (Hg.): Glaubensfragen in Europa – Religion und Politik im Konflikt. transcript Verlag 2011

Neben dieser soziologischen Analyse wird von anderen Autoren das Problem des Islams diskutiert. Die Juristin Kirsten Wiese erörtert sehr gut und ausführlich die rechtlichen Konflikte des Burka- und Kopftuchverbots in Frankreich und Deutschland oder von Moscheebauten, die immer wieder Anlass zu heftigem politischen Streit geben. Der Europarat hat im Juni 2010 in einem Beschluss einstimmig gegen ein allgemeines Burka- oder Niqab (Gesichtsschleier)-Verbot gestimmt.

Es besteht hier immer die Schwierigkeit, wie weit sich europäische Institutionen in die Religionspolitik der Mitgliedsländer einmischen dürfen. Ein bekanntes Beispiel ist der Fall „Lautsi gegen den italienischen Staat", bei dem es um Kruzifixe in staatlichen Schulen ging.

In dem Buch wird ein Schwerpunkt auf den Islam gelegt, als ob gerade diese Religion die Hauptprobleme produzieren würde. Wenn wir aber nach Osteuropa sehen, sind es gerade die christlichen (orthodoxen) Kirchen, die dort Privilegien verteidigen und in die Bildungspolitik eingreifen. So wird beispielsweise in den Schulen Rumäniens die wissenschaftlich widerlegte Theorie des Kreationismus gelehrt. Es fehlen in dem Buch leider Beiträge zu derartigen Konflikten. Was wiederum ein Aufsatz über „Religion und Politik in den USA" in diesem Zusammenhang soll, bleibt unklar.

Interessant ist der Text zu John Rawls und Jürgen Habermas. Julien Winandy aus Erfurt diskutiert, ob die Unterscheidung von säkularen und religiösen Bürgern sich in der politischen Praxis als realistisch erweist. Habermas hatte den gläubigen Bürgern abverlangt, dass sie ihre religiösen Argumente in eine säkulare Sprache übersetzen müssten, damit sie verstanden werden können. Winandy befürchtet, dies würde „die religiöse Motivation des Menschen, der dieses Argument in religiösen Termini vertritt, entwerten". Vielleicht haben sich die Kirchen zu früh über diesen Vorschlag von Habermas gefreut, als sie in ihm – der sich selbst als „religiös unmusikalisch" bezeichnet – einen Verteidiger christlicher Ethik vermuteten.

Elke Ariens, Helmut König, Manfred Sicking (Hg.): Glaubensfragen in Europa – Religion und Politik im Konflikt. transcript Verlag 2011. 228 Seiten. 27,80 Euro.

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