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Das Ende der Reformpädagogik?

Christian Füller analysiert die Missbrauchsfälle an der Odenwaldschule und ihre historischen Hintergründe
Donnerstag, 28. April 2011

Als im letzten Jahr kirchliche Missbrauchsfälle offengelegt wurden, konnte man nicht vermuten, dass es solche schrecklichen Verwerfungen auch im reformpädagogischen Umfeld geben sollte. Zunächst nur bruchstückhaft an die Öffentlichkeit gelangend, dann aber mit voller Wucht, wurden die Fakten offen gelegt. Daraufhin meldeten sich viele Missbrauchsopfer zu Wort und es begann eine intensive Diskussion in den Medien, angefangen von der ZEIT bis zur Süddeutschen Zeitung.

Christian Füller

Auf der Leipziger Buchmesse stellte taz-Redakteur Christian Füller sein Buch vor und kritisierte das System der Odenwaldschule auf's Härteste

Der Leiter des Bildungsressorts der taz Christian Füller hat nun ein Buch geschrieben, worin er die Hintergründe der Missbrauchsfälle an der hessischen Odenwaldschule genauer beleuchtet. Er stellt die Frage, ob nicht der Missbrauch die Achillesferse der Reformpädagogik sei. Der Darstellungsteil ist ihm dabei in bemerkenswerter Art und Weise gelungen, der zweite Teil mit Schlussfolgerungen und Lehren leider nur in Ansätzen. Im Einband steht dazu: Füller wollte herausbekommen, wie es möglich war, dass so viele Kinder an einer Schule misshandelt werden konnten und wie ein eloquenter Schulleiter, der in der Pädagogikwelt hoch anerkannt war, im Verborgenen seine perfiden pädophilen Spielchen treiben konnte. Das persönliche Motiv aber verschweigt der Einband-Text, denn auch er gehörte zu jenen Journalisten, die Ende der 90er Jahre den Hilferuf ehemaliger Schüler überhörte.

Die Odenwaldschule besteht seit mehr als hundert Jahren. Ihr Anspruch war es von Anfang an, dass das Kind Subjekt des eigenen Lernprozesses sein sollte. Ihr Gründer Paul Geheeb, einer der wichtigsten deutschen Pädagogen seiner Zeit, hatte die Einrichtung in bewusster Abgrenzung zur „Pauk- und Stoffschule" gegründet. Eine Sensation für damalige Verhältnisse. Klaus Mann, selber Odenwaldschüler, staunte in sei­nem Buch „Wendepunkt" darüber, dass es eine solche Schule in Deutschland geben konnte. Aber bereits damals zeichnete sich nach Darstellung Manns eine ungesunde Nähe zwischen Schulleiter und seinen Schülerinnen ab.

Zentraler Aspekt des Buches sind vor allem die jahrelangen Verfehlungen Gerold Beckers, der an dieser Einrichtung, zeitweise auch als Schulleiter, von 1972 bis 2007 tätig war. In der öffentlichen Wahrnehmung beschreibt ihn Füller als Charismatiker mit hoher sozialer Intelligenz. Bereits Beckers erstes Essay über die Odenwaldschule war ein pädagogisches Feuerwerk und sorgte für positives öffentliches Aufsehen. Umso mehr war die Öffentlichkeit entsetzt, dass dieser in der Fachwelt anerkannte Pädagoge alle Formen sexuellen Missbrauchs jahrelang zuließ und auch selbst praktizierte. Füller beschreibt le­bendig und abschreckend zugleich die Rolle Beckers, der um sich herum ein pädophilenfreundliches System aufbaute. Er charakterisiert auch die widersprüchliche Haltung der pädagogischen Zunft, allen voran einiger Vertreter der Reformpädagogik. Anstatt sich klar von Becker zu distanzieren, vermutete z.B. der berühmte Reformpädagoge Hartmut von Hentig eher eine Hetzjagd gegen seinen Freund und Kollegen.

Füller fragt, wodurch sich die pädagogische Elite Deutschlands korrumpieren ließ? Schließlich besuchte nicht irgendwer die Odenwaldschule, sondern neben Klaus Mann auch Johannes von Dohnanyi, Amelie Fried, Peter Conradi, Johannes Unseld oder Andreas von Weizsäcker. Diese Elite habe wegsehen und ist so zum Komplizen geworden, lautet sein Vorwurf. Der Fall Odenwaldschule sei daher „der Sündenfall der liberalen Republik", meint Christian Füller.

Soll man nun das Internat generell abschaffen, um solche Verfehlungen künftig zu vermeiden? Und muss man bei der Auswahl der Mitarbeiter nicht nur auf fachliche, sondern vor allem auch auf ethisch-moralische Eignung achten? Die Antworten auf diese Fragen fallen leider zu kurz aus. Das positive Image der Reformpädagogik ist seitdem angekratzt. Es gilt den guten Ruf durch eine lückenlose Aufklärung wiederherzustellen.

Christian Füller_Sündenfall

Dennoch ist Christian Füllers „Sündenfall. Wie die Reformschule ihre Ideale missbrauchte" ein aufrüttelndes Buch über die Entgleisungen an der Odenwaldschule. Dem Autor ist es gelungen, die Hintergründe der Geschehnisse aufzudecken. Allerdings gelingt es ihm nur in Ansätzen, Schlussfolgerungen daraus zu ziehen. Nichtsdestotrotz leistet Füller einen wichtigen Beitrag, um die enorme Verantwortung des Lehrers („pädagogisches Ethos") wieder ins Bewusstsein zu rufen.

Christian Füller: Sündenfall - Wie die Reformschule ihre Ideale missbrauchte. Dumont 2011, 255 Seiten, 18,99 Euro.

Hier geht's zur Leseprobe. Das Video der Buchvorstellung am taz-Stand bei der Leipziger Buchmesse steht bei YouTube zur Verfügung.