Direkt zum Inhalt

Dora Lux, ein Leben für Aufklärung und Humanität

DruckversionEinem Freund senden
Manchmal ist Geschichte wie Archäologie. Wenn man an der richtigen Stelle gräbt, kommen unerwartete Schätze zum Vorschein. Einen solchen Schatz hat Hilde Schramm, mit ihrer Biographie von Dora Lux gehoben. Sie hat die Geschichte einer außergewöhnlichen Frau ans Licht gebracht, die selbst nie das Licht der Öffentlichkeit gesucht hat und dabei auch weitere Personen aus dieser Familie dem Vergessen entrissen. Nicht nur Dora Lux, war eine hochinteressante Frau, auch ihr Familienverband, der politisch links-liberal, frauenbewegt und humanistisch orientiert war, ist gerade auch für Humanisten von größtem Interesse.
Montag, 18. Juni 2012
Hilde Schramm: Meine Lehrerin Dora Lux

Zu Beginn des 20. Jahrhunderts als in Deutschland akademische Bildung noch den Männern vorbehalten war, erkämpfte sie sich gegen vielfältige Widerstände ihr Recht auf Bildung. Weil es noch keine Mädchengymnasien gab, besuchte sie in Berlin externe, von der Frauenrechtlerin Helene Lange eingerichtete, Gymnasialkurse für Frauen. Da sich die Berliner Universität bis zuletzt beharrlich dem Frauenstudium widersetzte, studierte sie in Heidelberg und München, wo sie 1906 als erst zweite Frau im Fach Altphilologie promovierte. Das Staatsexamen für das höhere Lehramt, legte sie 1907 in Karlsruhe ab. In Kassel konnte sie schließlich 1909 wiederum als eine der ersten Frauen die schulpraktische Ausbildung mit dem 2. Staatsexamen abschließen. In der Folge unterrichtete sie bis 1922 in Gymnasialkursen für Frauen, später dann beim Lette-Verein.

1933 aufgrund ihrer jüdischen Abstammung entlassen, erteilte sie privaten Unterricht vor allem für aus dem öffentlichen Schulsystem gedrängte Schüler jüdischer Herkunft.

Dora Lux selbst verstand sich nicht als Jüdin. Bereits ihre Eltern waren aus dem Judentum ausgetreten, sie war evangelisch getauft, aber auch die christliche Religion spielte für sie keine Rolle. Zwar blieb sie zeitlebens Mitglied der evangelischen Kirche, verstand sich aber immer als Humanistin. Ihre Töchter ließ sie nicht taufen, aber am evangelischen Religionsunterricht teilnehmen, weil sie das Wissen über die christliche Religion als Teil der Allgemeinbildung betrachtete. Sowohl ihr Mann, Heinrich Lux als auch ihr Onkel Richard Bieber und dessen Frau, Hanna Bieber-Böhm waren Dissidenten. Letztere gehörten beide 1892 zu den Gründungsmitgliedern der Gesellschaft für ethische Kultur, deren Zeitschrift Richard Bieber von 1897 bis 1935 verlegte. Seit Anfang der 1930er Jahre bis in das Jahr 1936 als sich die Gesellschaft auflöste, schrieb auch Dora Lux für diese Zeitschrift, teilweise als verantwortliche Redakteurin. Dabei zeichnen sich ihre Beiträge durch ein hohes Maß von Zivilcourage aus. Während große Teile der Gesellschaft sich nach der NS-Machtübernahme sehr schnell anpassten und zum Teil selbst gleichschalteten, beharrte Dora Lux in ihren Artikeln auf grundlegenden demokratischen und humanistischen Prinzipien.

Auch wenn sich die kleine, zu dieser Zeit nur noch wenig bedeutende Zeitschrift, offenkundig nicht im Visier nationalsozialistischer Zensoren befand, beweist das ein hohes Maß an Zivilcourage. Denn nicht mit ihren Inhalten reizte Dora Lux die NS-Machthaber, aufgrund ihrer jüdischen Abstammung mit Berufsverbot belegt, hätte sie eigentlich auch nicht mehr publizieren dürfen. Sie setzte sich darüber hinweg, wie auch über andere gesetzliche Bestimmungen des Regimes, was erstaunlicherweise letztlich dazu führte, dass sie die NS-Zeit weitgehend unbeschadet überstand.

Zum Ende des Jahres 1938 führten die NS-Machthaber die „Judenkennkarte" ein. Alle, die nach den Nürnberger Gesetzen als Juden galten, waren verpflichtet eine solche Kennkarte zu beantragen und gleichzeitig die Zwangsvornamen Sara bzw. Israel zu führen. Dora Lux entzog sich dieser Verpflichtung, was im Fall ihrer Entdeckung zur sofortigen Einweisung in ein KZ geführt hätte. Sie wollte sich nicht von den Nationalsozialisten eine jüdische Identität zuweisen lassen, die ihrem Selbstbild nicht entsprach. Entsprechend machte sie auch bei der Volkszählung von 1939 falsche Angaben zu ihrer Abstammung und gab nur zwei jüdische Großeltern an. Da sie bereits bei Geburt evangelisch getauft war, in keinerlei Verbindung zur jüdischen Gemeinde stand und zudem mit einem „Arier" verheiratet war, entging sie so den Verfolgungsmaßnahmen. Ein elektronischer Datenabgleich, der die falschen Angaben unweigerlich ans Licht gebracht hätte, war damals noch nicht möglich.

Dass Dora Lux ganz selbstverständlich anderen NS-Verfolgten half, gehört ebenfalls zu ihrer bemerkenswerten Vita.

Nach dem Ende der NS-Herrschaft begann sie mit nun 63 Jahren wieder zu unterrichten. Das tat sie bis 1956, sicher bereitete ihr das Freude, aber es gab auch eine wirtschaftliche Notwendigkeit. Aufgrund der 12 Jahre Berufsverbot fiel ihre Rente sehr gering aus. Erst im Jahre 1953 erhielt sie nach einem langwierigen und entwürdigenden Verfahren eine Entschädigung von 4.734 DM zu gesprochen. Eine lächerlich geringe Summe angesichts von 12 Jahren Verdienstausfall und verlorenen Rentenversicherungszeiten.

In den Jahren 1953 bis 1955 lernte Hilde Schramm Dora Lux als außergewöhnliche Geschichtslehrerin kennen, die für Aufklärung und Humanität stand. Sowohl ihre Persönlichkeit, als auch ihre Inhalte und Methoden beeindruckten Hilde Schramm derart, dass sie, die selbst Pädagogin wurde, beschloss die Biographie dieser mutigen und unangepassten Frau zu schreiben. Ihre persönliche Annäherung an Dora Lux ist eine sehr lesenswerte, würdige Erinnerung an eine leider in Vergessenheit geratene Persönlichkeit, deren Wirken für Frauenrechte, Menschlichkeit und Humanismus nunmehr die Aufmerksamkeit erhält, die ihr schon lange gebührt.

Hilde Schramm: Meine Lehrerin Dr. Dora Lux, 1882-1959. Nachforschungen. Rowohlt Verlag 2012. 432 Seiten, 19,95 Euro.