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Chinesischer Dissident erhält Friedenspreis

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Der chinesische Regimekritiker und Schriftsteller Liao Yiwu erhält in diesem Jahr den Friedenspreis des Deutsche Buchhandels, weil er "prachmächtig und unerschrocken gegen die politische Unterdrückung aufbegehrt und den Entrechteten seines Landes eine weithin hörbare Stimme verleiht." Die chinesische Regierung hat die Preisvergabe Medienberichten zufolge scharf kritisiert.
Dienstag, 26. Juni 2012
Liao Yiwu

Der chinesische Schriftsteller Liao Yiwu bei einer Veranstaltung im Literaturhaus Köln. | Foto: wikimedia commons

"Wenn ich das alles niederschrieb, würden meine Kinder wenigstens nicht glauben müssen, ihr Vater wäre ein Aufschneider", schrieb der chinesische Schriftsteller Liao Yiwu in seinem, im vergangenen Jahr unter dem Titel Für ein Lied und hundert Lieder – Ein Zeugenbericht aus chinesischen Gefängnissen erscheinenen Bericht aus chinesischer Gefangenschaft. Für dieses 600 Seiten umfassende Dokument des Grauens, dass Yiwu mehrmals schreiben musste, weil seine Manuskripte immer wieder vernichtet wurden und in dem er in Schalamow'scher Manier den chinesischen Gulag beschreibt, erhielt Yiwu bereits im vergangenen Jahr den Geschwister-Scholl-Preis der Stadt München (diesseits berichtete ausführlich). Nun folgt also der Friedenspreis des Deutschen Buchhandels, wie die Jury gestern mitteilen ließ.

In der Begründung des den Preis vergebenden Börsenvereins heißt es, dass man den chinesische Schriftsteller ehre, weil er

sprachmächtig und unerschrocken gegen die politische Unterdrückung aufbegehrt und den Entrechteten seines Landes eine weithin hörbare Stimme verleiht. Liao Yiwu setzt in seinen Büchern und Gedichten den Menschen am Rand der chinesischen Gesellschaft ein aufrüttelndes literarisches Denkmal. Der Autor, der am eigenen Leib erfahren hat, was Gefängnis, Folter und Repression bedeuten, legt als unbeirrbarer Chronist und Beobachter Zeugnis ab für die Verstoßenen des modernen China.

Liao Yiwu: Die Kugel und das Opium

Eine mutige Entscheidung, schließlich belastet die Affäre schon jetzt das politische Verhältnis zwischen Deutschland und China. Dies macht auch die Kritik deutlich, die nun aus dem chinesischen Außenministerium kam. Liao Yiwu "fabriziere" Geschichten, um Sympathie und Unterstützung zu bekommen, berichtet heute der Börsenverein des Deutschen Buchhandels. Der Sprecher des chinesischen Außenministeriums, Hong Lei, habe demzufolge gesagt, dass Liao Yiwu wegen "illegaler Aktivitäten" verurteilt worden sei und er hoffe, dass die "relevanten Institutionen und Personen" in Deutschland die Entwicklungen in China in "objektivem und fairem Licht" betrachten.

Das Bekenntnis des Börsenvereins könnte neben den diplomatischen durchaus auch wirtschaftliche Konsequenzen haben. Aber ohne diesen Mut wäre der Preis auch nur halbsoviel wert.

Liao Yiwu war viele Jahre in China wegen seiner schriftstellerischen Tätigkeiten inhaftiert, wurde von amnesty international lange als gewaltloser politischer Gefangener behandelt. Bereits 2007 sollte Yiwu vom unabhängigen chinesischen PEN-Zentrum den Preis Freiheit zum Schreiben erhalten. Die Verleihung wurde aber kurzfristig verhindert. Einer Einladung zur Frankfurter Buchmesse im Jahr 2009, als China Ehrengast der Messe war, konnte er nicht nachkommen. Der Staat verweigerte die Ausreise. Auch zur lit.cologne Anfang 2010 durfte er nicht reisen. Ein Appell Yiwus an Bundeskanzlerin Angela Merkel führte dazu, dass er erstmals im Herbst 2010 aus China ausreisen durfte und am Literaturfestival in Berlin teilnehmen konnte. 2011 wurde ihm aber erneut mehrmals die Ausreise verweigert, so dass er im vergangenen Sommer über Vietnam nach Deutschland floh. Als Stipendiat beim Berliner Künstlerprogramm des Deutschen Akademischen Austauschdiensts (DAAD) lebt und arbeitet er in Berlin. Am Tag nach der Verleihung des Preises am Schlusstag der Frankfurter Buchmesse (14. Oktober) soll sein neues Buch Die Kugel und das Opium – Leben und Tod am Platz des Himmlischen Friedens erscheinen.

Schon jetzt, bevor dieses neue Buch vorliegt, muss Liao Yiwu als einer der heißesten Kandidaten für den Literaturnobelpreis gelten. Nicht weil er einen moralischen oder politischen Standpunkt hat, den jeder vernünftige Mensch teilt. Sondern weil er diesen Standpunkt mit allem, was er hat, vertritt - auch wenn es das nackte Leben ist. Und weil er diesen Standpunkt nicht zuletzt auch in Worte kleiden kann, die dem Leser den Atem nehmen. Wie diese, die der Verlag bereits zum neuen Buch zitiert: 

Die ruhelosen Seelen von 1989, die Opfer von 1989, meine Brüder, die Väter und Mütter von 1989, im Himmel, unter der Erde, im Regen und vom Wind davongeweht, wie sie waren, ich verneige mich vor euch.

Mehr zu Liao Yiwu finden Sie hier.