Direkt zum Inhalt

Ein Manipulationsversuch

Druckversion
Es fiel schwer, dieses Buch zu lesen. Leider nicht, weil es aufschlussreiche Informationen enthält, die schockieren, sondern weil es richtig schlecht geschrieben ist. Bis auf wenige Ausnahmen kann man die Artikelsammlung, die Alice Schwarzer mit dem Buch „Prostitution. Ein deutscher Skandal!“ herausgibt, als dumpfe Boulevardblatt-Lyrik bezeichnen. Schade.
Donnerstag, 13. Februar 2014

Das „Prostitutions-Gesetz“, das die rot-grüne Regierung 2002 verabschiedete, scheint tatsächlich nach hinten losgegangen zu sein. Durch das Gesetz werden die Kontrolle von Bordellbetrieben und Zuhältern erschwert, Menschenhandel und menschenunwürdige Arbeitsbedingungen werden befördert. Das sind die Probleme, die angegangen werden sollten.

Anscheinend ist der Beruf der Prostituierten (auf männliche Prostituierte wird nicht eingegangen) aufgrund dieser Entwicklungen gespalten: Es gibt die selbst bewusste, selbstbestimmte, freiwillige Prostituierte, die Freier wegschicken kann, wenn diese sich nicht benehmen. Diese Frauen bieten Sex als Dienstleistung gegen Geld. Und es gibt Prostituierte, die auf vielfältige Weise gezwungen werden, sich zu verkaufen, ohne einen Anflug von Freiwilligkeit. Diese Frauen verkaufen nicht nur ihren Körper, sondern leiden psychisch extrem unter ihrer Situation. Letztere sind inzwischen in der Mehrzahl. Für diese Frauen ist Prostitution nicht ein Beruf wie jeder andere.

Wie geht das Buch auf diese Problematik ein?

Die Artikelsammlung des Buchs umfasst rund 34 Jahre und man kann feststellen, dass ältere „interne“ sowie die „externen“ Beiträge, die also von Nicht-Emma-Redakteurinnen verfasst wurden, am ehesten brauchbar für die Debatte um die Diskussion über Prostitution sind. Denn diese enthalten wirkliche Informationen statt suggestiver und tendenziöser heißer Luft. Leider muss man mehr als einhundert Seiten überwinden, um zu diesen Aussagen zu kommen.

Bis dahin, als gehörten Männer einer anderen Spezies an, sind sie böse Täter, die als solche auf die Welt kommen. Frauen dagegen haben eine Geschichte, haben Gewalterfahrungen und Missbrauch bereits in der Kindheit hinter sich, wiederholen diese Opfer-Geschichte und sind, wenn sie von „Freiwilligkeit“ sprechen, verblendet vom Patriarchat. Frauen, die im Frauen- und Kinderhandel tätig sind, werden – wenn überhaupt – nur mal am Rande erwähnt. In einem der ollen Artikel von 1980, aus der Feder von Alice Schwarzer, wird die Ehe mit der Prostitution gleichgestellt. Ob das bedeutet, dass die Frau den Mann zum Anschaffen schickt, während sie sich als Zuhälterin zu Hause einen lauen Lenz macht, oder weil sie ekligen Sex mit ihrem Ehemann haben muss, weil er ihr Behausung, Kinder und Lebensunterhalt finanziert, wird nicht erläutert. Selbst wenn man damals in feministischen Kreisen dieser Meinung war, ist es bezeichnend, dass dieser Artikel im Jahre 2013 noch als Beitrag in die Prostitutionsdebatte einfließt.

Für Emma-Frauen scheint Sex mit Männern generell unerwünscht und unerfreulich zu sein, ihre Moral erscheint viktorianisch. Tatsächlich verhalten sich Frauen sexuell in der Regel anders als Männer (was evolutionär erklärbar ist, vgl. auch Christian Ulmens vorzügliche Sendung „Who wants to fuck my girlfriend/boyfriend“) und sexuell freizügige Frauen werden anders bewertet als sexuell freizügige Männer („Schlampe“ oder „Nymphomanin“ vs. „Frauenheld“). Auch in dieser Kultur liegt ein Teil der Scham begründet, die viele Prostituierte empfinden.

Cover

Die immer gleichen Informationen tauchen im Buch immer wieder auf. Das Großbordell in Stuttgart allein wird in geschätzten zwölf verschiedenen Artikeln angeprangert. Mehrere „Bordellbesuche“ der Emma-Autorinnen, die an Lächerlichkeit nichts zu wünschen übrig lassen, kommen (bis auf wenige Ausnahmen) zu den stets selben Ergebnissen. Prostituierte werden von der Bordell-Reporterin schon mal als „zwei Untote mit ihren Kunden“ bezeichnet. In einem unsäglichen Text, „Reise in das Land der Vampire“, werden zwischen den Reisebeschreibungen Zitate aus Bram Stokers Dracula eingefügt. „Wissen Sie nicht, dass heute Nacht, wenn die Glocke Mitternacht schlägt, die bösen Wesen Macht erhalten? (...)“ Gemeint ist eine Reise von Bielefeld an den Straßenstrich im tschechischen Dubi. Irgendwo stehen „drei dunkle Lastwagen“, die „Fahrer sind nicht zu sehen, vermutlich bumsen sie in ihren Schlafkabinen“. Vielleicht schlafen sie auch oder sind essen gegangen, überprüft wird keine einzige derartige Aussage, im ganzen Buch nicht. Es werden Zahlen genannt, ohne Quelle. Studien werden angeführt, ohne Quelle.

Im „Vampir-Artikel“ gibt es eine denkwürdige Passage, in der die Deutschen als Dauerübel seit dem 13. Jahrhundert beschrieben werden, schließlich mit Hitlers Truppen. „Im Sommer 1945 wurden die Deutschen ausgewiesen, ‚vertrieben’ nennen sie es heute noch. Jetzt, 50 Jahre später, kehren sie zurück. Vom Berggipfel aus fallen deutsche Männer ins Tal ein, um den tschechischen Frauen das Blut auszusaugen.“ Selbst wenn es sich hier nicht um Wissenschaft, sondern um Journalismus handelt und man sich eventuell auf die künstlerische Freiheit berufen könnte – das geht so nicht! Derartige Texte sind eine Zumutung.

Und das ist schade, denn es sind einige wenige gute Interviews und Artikel versteckt, die über die Veränderungen im Prostituiertenmilieu informieren, die realistische Einschätzungen liefern, die gute Gründe gegen das Gesetz von 2002 vorbringen und konstruktive Änderungen vorschlagen. In manchen älteren Texten sind Männer noch Menschen und man erfährt von ihnen, weshalb sie nach Thailand fliegen, um sich dort von Frauen mit Massagen und Sex versorgen zu lassen. In einer kleinen Passage werden sogar Menschenhändler und Zuhälter als Menschen geschildert. Schweden wird etliche Male als Modell hochgelobt und angepriesen, nach über 200 Seiten erfährt man allerdings en passant und unkommentiert, dass schwedische Männer nun zum Kurztrip nach Deutschland fliegen, um ins Bordell zu gehen. Eine der wichtigsten Informationen ist meines Erachtens, dass die Zustände in den Herkunftsländern der gehandelten Frauen katastrophal sind. Familien verkaufen ihre Töchter, Nachbarn ihre Nachbarin, die Zuhälter drohen den Frauen damit, ihren Kindern und ihrer Familie Schaden zuzufügen, wenn sie sich nicht unterwerfen.

Das sind die Ansatzpunkte, nämlich die Verbesserung der Lebensbedingungen in den Heimatländern der Prostituierten, die Verbesserung der Arbeitsbedingungen hier. Wer Prostitution hier einfach verbietet, sorgt am wahrscheinlichsten dafür, dass das Problem ausgelagert wird ins Ausland. Anscheinend fällt es einigen Männern schwer, von Prostituierten zu lassen. Ebenso scheint Prostitution für manche Frauen die beste Option zum Broterwerb darzustellen. Das mag man bedauern, muss man aber als Realität anerkennen, um eine Chance zu haben, die Situation der Frauen zu verbessern, die in diesem Beruf tätig sind.

Das Buch von Alice Schwarzer bietet weder für die adäquate Problemstellung noch die Problemlösung eine brauchbare Quelle, sondern zerstört jeden realistischen Ansatz mit unhaltbaren Behauptungen. Man kann dieses Buch nicht ernst nehmen.