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Umfangreich, aber dennoch unbefriedigend

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Christopher Clarks Buch „Die Schlafwandler“ über den Ausbruch des Ersten Weltkrieges.
Mittwoch, 12. Februar 2014

Der in England lehrende, australische Historiker, Christopher Clark hat eine voluminöse und vielfach hoch gelobte Studie zur Vorgeschichte des Ersten Weltkriegs vorgelegt. Darin untersucht er das Handeln der politischen und militärischen Entscheidungsträger in allen beteiligten Staaten. Er gelangt zu der Schlussfolgerung, diese seien wie Schlafwandler, „wachsam, aber blind, von Alpträumen geplagt, aber unfähig die Gräuel zu erkennen, die sie in Kürze in die Welt setzen sollten“ in den Krieg hineingestolpert. Dieser entstand aus Bedrohungsängsten, mangelndem Vermögen sich in die Lage der anderen hineinzuversetzen und Fehleinschätzungen in einer komplizierten und zugespitzten Lage. Der Ausbruch des Ersten Weltkriegs sei zu verhindern gewesen, aber ein Schuldiger lasse sich nicht feststellen.

Cover

Nicht alle seine Einschätzungen sind für mich nachvollziehbar und vor allem krankt sein Buch an einem methodischen Mangel. Clark verfolgt, von aller Kritik an der personen- und herrschaftsfixierten Geschichtsschreibung offenbar unbeeindruckt, genau diesen klassischen Ansatz. Bewusst blendet er übergeordnete politische und ökonomische Faktoren aus. Imperialistische Gegensätze, die Interessen von Rüstungsindustrie und Hochfinanz, das alles spielt bei ihm keine oder nur eine untergeordnete Rolle. Er will nach eigener Aussage nicht herausfinden, warum es zum Weltkrieg kam, sondern wie. Allein die politischen und militärischen Entscheidungsträger der verschiedenen Ebenen stehen im Mittelpunkt seines Interesses, so als hätten diese im gesellschaftspolitisch luftleeren Raum agiert. Die Motive ihres Handels bleiben weitgehend im Dunkeln, oder er sucht sie im persönlichen Bereich. So sieht er eine Erklärung für die Kriegstreiberei des österreichischen Generalstabschefs Franz Conrad von Hötzendorf in dessen Affäre mit einer verheirateten Frau. „Nur als siegreicher Kriegsheld wäre er, so glaubte Conrad, imstande, die gesellschaftlichen Hindernisse aus dem Weg zu räumen und den Skandal zu überstehen, der mit der Heirat einer prominenten, geschiedenen Frau verbunden war.“ Die Vorstellung, dass das komplizierte Liebesleben eines Generalstabschefs dazu beigetragen haben könnte, einen Weltkrieg anzuzetteln, ist absurd. Sie ähnelt mehr dem Niveau der bunten Blätter als seriöser Geschichtsschreibung und verstellt den Blick auf das Wesentliche.

Dieses methodisch unzulängliche Vorgehen beeinträchtigt natürlich den Erkenntnisgewinn des Buches. Das ist schade, denn sein Ansatz, alle hauptbeteiligten Staaten gleichermaßen zu betrachten, macht einiges deutlicher als der lange Zeit vor allem in Deutschland vorherrschende einseitige Blick auf die imperialistischen Interessen des Kaiserreichs. Dessen aggressive, teilweise auch nur ungeschickte – was z. B. die kraftmeierischen Sprüche von Wilhelm II. – anbelangt, Außenpolitik gepaart mit militärischer Stärke hat einen Großteil zur explosiven Situation des Jahres 1914 beigetragen, das stellt Clark nicht in Abrede. Da er die imperialistische Logik akzeptiert, billigt er dem Reich jedoch zu, seine imperialistischen Interessen ebenso wie die anderen Großmächte zu verfolgen. Genau diese imperialistische Logik führte jedoch schließlich zum Krieg, weil Deutschland als neu erstandene Großmacht mit seinen Ansprüchen das internationale Gleichgewicht ins Wanken brachte und alle beteiligten Staaten ebenfalls bereit waren, ihre Interessen gewaltsam durchzusetzen. Insofern ist Clark zuzustimmen, dass es keine deutsche Alleinschuld am Ersten Weltkrieg gegeben hat. Jedoch war es kein Versagen der Diplomatie, imperialistische Gegensätze führten den Krieg herbei.

Während Clark das Kaiserreich und vor allem Österreich-Ungarn in sehr positivem Licht zeichnet, stellt er Serbien als eine Art von Schurkenstaat dar. Sein Hinweis darauf, dass man vor dem Hintergrund der serbischen Politik der 1990er Jahre, sich „leichter den serbischen Nationalismus als eigene historische Kraft vorstellen“ kann, nährt den Verdacht, dass er das Serbien von 1914 nicht in seiner Zeit sondern durch eine von heutigen Erfahrungen geprägte Sichtweise betrachtet.

Überaus eigenwillig ist seine Sicht auf Österreich-Ungarn. Er attestiert dem Habsburgerreich eine innere Stabilität und sieht in gegenteiligen Aussagen entweder Feindpropaganda oder aus der Rückschau des Zerfalls, der dann 1918 eintrat, gewonnene Erkenntnisse. Dahingegen konstatierten nicht nur die Gegner des Vielvölkerstaates seine Schwächen im Umgang mit dem allerorten erwachenden Nationalbewusstsein. Auch ihre deutschen Verbündeten selbst der ermordete Erzherzog Franz Ferdinand, sahen dringenden Reformbedarf und fürchteten ansonsten dessen Auseinanderbrechen.

Gerade diese Furcht bildet eine Erklärung für den unbedingten Willen der Donaumonarchie, nach dem Attentat von Sarajewo Stärke zu zeigen und auf einen Krieg mit Serbien hinzuarbeiten. Ansonsten befürchtete sie das Schicksal des Osmanischen Reiches zu erleiden, dem aufgrund seiner inneren Schwäche die Nachbarstaaten in den in den letzten Jahren große Teile seines Staatsgebietes entrissen hatten. Die Existenz solcher Überlegungen bei den Entscheidungsträgern in Österreich-Ungarn räumt Clark auch ein. Die Frage wie das mit seiner Auffassung zusammenpasst, dass eine solche Schwäche eigentlich gar nicht bestand, bleibt unbeantwortet.

Ähnlich widersprüchlich ist seine Sicht auf das Ultimatum, das Österreich-Ungarn Serbien stellte, nachdem sich erste Anhaltspunkte für eine Verwicklung serbischer staatlicher Institutionen in das Attentat ergeben hatten. Aus dem Protokoll der entscheidenden Sitzung des Ministerrats am 7. Juli 1914 in Wien wird deutlich, dass Österreich-Ungarn sich nicht mit einem diplomatischen Erfolg zufrieden geben wollte. Das Ultimatum sollte von vornherein so formuliert werden, das es unannehmbar sei. Letztlich sollte es nur den Vorwand für die Kriegserklärung an Serbien liefern. Vor allem jene Forderungen, die auf die Verletzung der Souveränität des serbischen Staates zielten, erschienen nicht nur den Serben unannehmbar. Das bestreitet auch Clark nicht, dennoch argumentiert er, dass es sich durchaus in dem üblichen diplomatischen Rahmen bewegt habe. Schließlich verweist er darauf, dass die Nato 1999 von Jugoslawien erheblich stärkere Einschränkungen seiner Souveränität forderte, um den Kosovo-Konflikt beizulegen. Weil Jugoslawien das ablehnte, obwohl es keine starken Bündnispartner hatte, wurde es wochenlang bombardiert.

Im Sommer 1914 hätte Serbien das Ultimatum angenommen, weil es sich einem Krieg mit Österreich-Ungarn nicht gewachsen fühlte. Erst die russische Zusicherung, Serbien im Falle eines Angriffs beizustehen, bewirkte, dass die Serben genau jene Forderungen, die ihre staatliche Souveränität berührten ablehnten. Serbien wollte nicht einen Krieg um jeden Preis vermeiden, sondern nur einen aussichtslosen.

Genau das war auch die Haltung aller anderen Staaten. Krieg galt als legitimes Mittel zur Durchsetzung politischer Interessen, hier gab es keinen Unterschied zwischen demokratisch verfassten Staaten wie Frankreich und England und den mehr oder weniger autoritär regierten Kaiserreichen. Clark weißt nach, dass es in allen am ersten Weltkrieg beteiligten Staaten starke Kräfte gab, die auf eine militärische Option setzten. Die Frage war nur, unter welchen Umständen sich diese politisch durchsetzen konnten. Und er zeigt auch auf, dass es den politisch Handelnden auf allen Seiten mehr darum ging, der jeweils anderen Seite den schwarzen Peter für den Ausbruch des Krieges zuschieben als zu versuchen, ihn zu verhindern.

Der Erste Weltkrieg wurde nicht vom Zaum gebrochen, um die serbische Souveränität zu zerstören bzw. zu schützen. Er war das Ergebnis lange andauernder Konflikte zwischen imperialistischen Staaten, die allesamt bereit waren, ihre Interessen gegebenenfalls auch militärisch durchzusetzen. Die Frage war nicht, ob es einen Krieg zwischen den beiden Bündnissystemen geben würde, sondern nur wann. Im Sommer 1914 war die Situation eingetreten, dass alle Seiten glaubten, den Schritt wagen zu können. Insofern vermag ich den beiden Hauptthesen von Clark, dass der Krieg vermeidbar war und dass die europäischen Politiker wie Schlafwandler in diesen Krieg hineingestolpert sind, nicht zuzustimmen.

Image of Die Schlafwandler: Wie Europa in den Ersten Weltkrieg zog

Christopher Clark: Die Schlafwandler: Wie Europa in den Ersten Weltkrieg zog. Deutsche Verlags-Anstalt 2013, Gebundene Ausgabe, 896 Seiten