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Scheitert die Integration?

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Eva Maria Bachinger und Martin Schenk, österreichische Journalisten, werfen einen kritischen Blick auf die oft hysterischen öffentlichen Debatten über Einwanderer in den deutschsprachigen Ländern. In lebendigen Reportagen konfrontieren sie Ideologien mit Realitäten.
Dienstag, 21. Januar 2014

Besonders interessant ist der Beitrag über den Schweizer Ort Langenthal, in dem ein indischer Millionär den größten Sikh-Tempel in Mitteleuropa bauen ließ. Das Bauvorhaben wurde u.a. unterstützt vom damaligen Stadtpräsident, einem Mitglied der liberalen Schweizer FDP, und stieß auf keinen Widerstand in der Bevölkerung.

Später stimmten aber 60 Prozent der Langenthaler in einer Volksabstimmung gegen Minarette. Der neue Stadtpräsident, Mitglied der rechtsnationalen Schweizer Volkspartei (SVP), versteht sich zwar auch als Liberaler, ließ aber zu, dass fragwürdige SVP-Plakate, in denen Minarette aussehen mit Raketen, aufgehängt wurden – im Gegensatz zu einem Verbot in etlichen Schweizer Städten. Zudem gewann die rechtsextreme PNOS (Partei National Orientierter Schweizer) einen Sitz im Stadtrat. 

Während es gegen die sehr kleine Sikh-Gruppe kaum Vorbehalte gibt, treffen Muslime auf massive Vorurteile, obwohl sie sich um Anerkennung und Integration bemühen. Dabei ist auffällig, dass die Aktiven sowohl der „Ausländergegner“, wie auch der Einwanderer Männer sind, während sich Frauen im Hintergrund halten.

Cover

Bemerkenswert ist auch die Reportage über eine Frauenklinik im österreichischen Linz. Während österreichische Frauen sich oft nicht an die Anweisungen der Hebammen halten, v.a. aus Angst vor Kontrollverlust, nehmen Frauen aus Südosteuropa die Geburt wie ein Naturereignis und es kommt seltener zu Komplikationen. Die Einwanderinnen scheinen sich also hier sinnvoller zu verhalten wie die oft gebildeteren Inländerinnen.

Eine weitere Reportage widmet sich in Wien lebenden Flüchtlingen, etwa einer Nigerianerin, die als beliebte Verkäuferin einer Straßenzeitung von Angestellten einer benachbarten Bank eingeladen wurde, oder ein Jurist aus Afghanistan, der als Küchenhilfe arbeitet, weil seine Ausbildung nicht anerkannt wird. In beiden Fällen wird – trotz juristischer Benachteiligung der Einwanderer – die spontane Solidarität von Österreichern deutlich.

Das deutsche Beispiel ist die mittlerweile pädagogisch erfolgreiche frühere Rütli-Schule, deren positive Entwicklung mit der des Vereins „Durchbruch“ kontrastiert wird. Dieser kümmert sich v.a. um die große Gruppe von jüngeren, schlecht integrierten Migranten, die schon wegen ihrer oft Elternhäuser erhebliche Probleme haben. Gelegentlich verursachen sie aber auch Probleme, etwa durch ihre „Machohaltungen“.

Insgesamt bietet der Band eine wohltuend differenzierte Sicht. Weder zeichnet er Multikulti-Idyllen noch lässt er die Situation als hoffnungslos erscheinen, denn z.B. gibt es auch bei konservativen Inländern durchaus Ansätze für ein Verständnis von Zuwanderern. Darüber hinaus sind Reformen, z.B. im Bildungssystem und in der Flüchtlingspolitik, möglich und nötig. Verhindert werden diese aber oft durch einen von den Autoren kritisierten „kulturalistische[n] Kurzschluss“ (S. 34). Einwanderer werden durch ihre angeblich homogene Gruppenidentität z.B. als Türke definiert. Tatsächlich aber haben Menschen verschiedene Identitäten je nach ihrer Geschichte, ihrem Geschlecht und ihrer Schichtzugehörigkeit. Die „Ausländerfeindlichkeit“ der Inländer hat oft viel mit sozialer Distanz zu tun: Mittelschichtangehörige blicken häufig auf die sog. Unterschicht herab. Zudem spitzen sich aber auch im Zuge der Prekarisierung Konflikte zwischen wenig qualifizierten Einheimischen und zugewanderten Akademikern zu.

Insgesamt eine gelungene Mischung aus einer reflektierten theoretischen Analyse, die die neueren Debatten aufgreift, und anschaulichen Reportagen. Der Blick nach Österreich und in die Schweiz zeigt Ähnlichkeiten, aber auch Unterschiede zur Lage in Deutschland. Rundum empfehlenswert.

Image of Die Integrationslüge: Antworten in einer hysterisch geführten Auseinandersetzung

Martin Schenk, Eva Maria Bachinger: Die Integrationslüge: Antworten in einer hysterisch geführten Auseinandersetzung. Deuticke Verlag 2012, Taschenbuch, 208 Seiten