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Joseph Anton ist tot – es lebe Salman Rushdie

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Statt eines kämpferischen Auftritts und eines Plädoyers für die Meinungs- und Redefreiheit und gegen religiöse Bevormundung bekamen die Zuschauer des Literaturfestivals in Berlin am Morgen des 15. Septembers beim zweiten Auftritt Salman Rushdies nicht viel mehr als eine Homestory über Joseph Anton geboten – dafür aber eine richtig gute.
Mittwoch, 18. September 2013
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Salman Rushdie, lebendes Symbol für die Meinungsfreiheit, besuchte vergangene Woche das internationale literaturfestival berlin 2013 | Foto: Töns Wiethüchter |

Manchmal schreiben Zettel Geschichte – kleine, große, lustige oder tragische Geschichte. Wie der Zettel eines Torwarts, gereicht bei einem Elfmeterschießen. Er soll die entscheidende Information über die beliebtere Torecke des Schützen enthalten haben. Der Ausgang ist bekannt: Torwart hält, Spiel gewonnen. Oder jener Zettel, der bei einer Pressekonferenz offenkundig unvorbereitet vorgelesen wurde und zum endgültigen Sturz eines diktatorischen Regimes und zu der Wiedervereinigung Deutschlands führte. Und dann jener, der einen Maschinen geschriebenen Text enthalten haben soll, den ein Nachrichtensprecher am 14. Februar 1989 verlas. Der Zettel ist nahezu unbekannt, dafür die Geschichte umso mehr.

Ein sterbenskranker, alter Mann soll seinem Sohn einen folgenreichen Aufruf diktiert haben, den Aufruf „an alle tapferen Muslime, wo auch immer sie sein mögen“, den Schriftstellers und alle, die an der Verbreitung seines Werkes Die satanischen Verse mitwirken, „ohne Aufschub“ zu ermorden, „damit niemand von nun an den heiligen Glauben der Muslime beleidigen möge.“ Der alte Mann hieß Ayatollah Ruholla Khomeini und der Autor Salman Rushdie. Der Zettel enthielt eine sogenannte Fatwa, ein islamisches Rechtsgutachten. Sie machte den indisch-britischen Autor zum wahrscheinlich berühmtesten lebenden Schriftsteller. Und sie machte aus dem Schriftsteller Salman Rushdie nur noch Rushdie, den Autor der satanischen Verse.

Ein kleiner, aber entscheidender Unterschied, wie Salman Rushdie in der gut besuchten aber nicht ausverkauften Lesung versicherte. Denn nun habe durch die Weglassung des Artikels „die“ „Rushdie“ die Verse selbst geschrieben. Und da die Verse satanisch sind, ist dies auch der Autor: Satan Rushdie. „Hängt Satan Rushdie“ war auf einem der vielen Plakate damals zu lesen.

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Das Setting auf der Bühne setzte den indisch-britischen Autoren und seine Begleiter ins Licht (der Freiheit) | Foto: Töns Wiethüchter

„Höre nicht auf, du selbst zu sein!“

Die Fatwa hat ihr Ziel verfehlt. Salman Rushdie lebt. Joseph Anton aber ist tot. Joseph Anton ist der Name, den Salman Rushdie sich in den Jahren seiner Unsichtbarkeit gab, vor allem um Geschäfte inkognito abwickeln oder Häuser und Wohnungen anmieten zu können. 12 lange Jahre lang. Und es ist der Name, den seine wechselnden Personenschützer-Teams benutzen konnten, um sich nicht aus Versehen in der Öffentlichkeit zu verplappern. Anton stamme von Anton Tschechow, den „Künstler der Einsamkeit“, wie Rushdie ihn nennt, und Joseph von Joseph Conrad. Er habe mit Namen seiner Lieblingsschriftsteller herumgespielt und musste manche Kombinationen aus Vor- und Nachnamen wie zum Beispiel Marcel Beckett, den Namen Marcel Prousts und Samuel Becketts entnommen, als zu auffällig verwerfen. Joseph Conrad habe eine seiner Figuren einmal einen für ihn wichtigen Satz sagen lassen: Ich muss leben, bis ich sterbe. Daraus sei ihm ein Motto geworden: „Höre nicht auf, du selbst zu sein!“

In Joseph Anton: Autobiografie beschreibt Salman Rushdie sein Leben unter der Fatwa. Sie sei ein „nicht-fiktionaler Roman“, wie der Autor die Mischgattung beschreibt. Der Stoff sei der Wirklichkeit entnommen, die Erzähltechnik aber dem Roman. Sie erzählt aus der Perspektive der dritten Person die Geschichte einer Selbstentfremdung und Aufspaltung der Persönlichkeit Salman Rushdies. Einmal ist es die Geschichte Salmans, der er für sich selbst und seine Freunde, aber vor allem auch für seine Familie war. Die Geschichte einer scheiternden Ehe, die Geschichte des Versuchs, trotz größter Schwierigkeiten immer noch ein guter Vater für seinen Sohn Zafar sein zu können. Dann die Geschichte Rushdies, der zum Spielball internationaler Diplomatie, zum Hassobjekt religiöser Fanatiker und zu einem Fall und Symbol für etwas anderes wird. Das Buch erzählt die große Geschichte von der Fatwa und deren Bedeutung für die Welt und die unendlich vielen, kleinen Geschichten: Von den Freunden, die ihn im Stich ließen, von denen, die er gewann, von der oftmals überraschenden und überwältigenden Hilfsbereitschaft und Solidarität. Von den Auseinandersetzungen mit der Polizei, den Bemühungen, angemessene Häuser zu finden und seinen Roman am Leben zu halten - und immer wieder von dem Versuch, ab und zu wertvolle Zeit mit seinem Sohn zu verbringen, damit dieser sich nicht auch von seinem Vater entfremde.

Blasphemie ist die Mutter aller Kritik

Im Laufe dieser Geschichte verliert Rushdie seine auf Vernunft und Kritik fußende atheistische Identität. Den Tiefpunkt der Selbstverleugnung habe er erreicht, als die britische Öffentlichkeit der Ansicht war, dass er selbst schuld an seiner Misere sei, erzählt er von der großen Bühne herab. Er ging Kompromisse ein und biederte sich den Religiösen an. Ja, er behauptete sogar, gläubig zu sein. Er, der nie an einen Gott geglaubt hatte. Der Versuch der Versöhnung schlug fehl. So erzählt dieses großartige Buch die Geschichte einer Selbstverleugnung und Selbsttäuschung - und auch des Verrats an einem Menschen, der um sein Leben im psychischen und physischen Sinne kämpft.

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Salman Rushdie musste viele Bücher beim internationalen literaturfestival berlin 2013 signieren. Der Andrang war groß | Foto: Töns Wiethüchter

Und als Kampf oder gar Schlacht beschreibt Salman Rushdie recht häufig die Jahre der Fatwa. Auf dem Literaturfestival spricht er von der „Stimme der Vernunft“, die er als Flagge in die Schlacht getragen habe. Im Buch beschreibt er sich selbst zitierend den Kampf als Schlacht, die nun England erreicht habe und in der „das Weltliche gegen die Religion, Licht gegen Dunkelheit“ kämpfe. Etwas weiter im Buch präzisiert er seine Kritik an Religionen in einem Brief mit der Anrede „Liebe Religion“. Darin wehrt er sich gegen die Vorstellung einer körperlosen, präexistenten und religiösen Vernunft, die an die Idee der Offenbarung gekoppelt sei: „Denn dann ist es schließlich mit dem Denken vorbei, nicht? Alles, was bedacht werden muss, wurde offenbart, und das war’s, absolut, auf ewig und ohne Hoffnung auf Widerruf.“ Seine Universalien seien die Menschenrechte, die menschliche Freiheit, die menschliche Natur, schreibt er weiter. Darin entpuppt sich Salman Rushdie als wahrer Humanist.

Bei der Lesung und Vorstellung von Joseph Anton: Autobiografie schien der Autor des Kampfes müde zu sein. Kein Wort über Religionen und „die Unabdingbarkeit der Blasphemie“, wie es in seiner Autobiographie heißt. Kein Wort über die Freiheit als Voraussetzung für künstlerische Freiheit. Kein Wort über die Zumutung einer Zeit, in der die Rücksicht auf religiöse Organisationen und Glaubenssysteme zu einer freiwilligen oder erzwungenen Einschränkung der Rede- und Meinungsfreiheit führt - auch nach Ansicht Salman Rushdies die unhintergehbare Voraussetzung unserer demokratischen Kultur. Das Frage-Antwort-Gespräch zwischen dem Weltstar der Literatur und seinem Übersetzer Bernhard Robben ließ fast nur Anekdotisches zu. Vielleicht ist er es auch Leid, als lebendes Symbol für die Grenzen religiöser Bevormundung und für die Freiheit der Kritik herhalten zu müssen. Vielleicht ist sich der Autor auch sicher, dass ohnehin bekannt ist, wie er zu was steht. Warum die Veranstalter das Thema, das in seinem heute vorgestellten Buch so wichtig und prominent ist, ausließen, blieb unbeantwortet. Fragen konnten im Anschluss an die Rushdie-Show leider nicht gestellt werden.

Kein Ende der Fatwa in Sicht

Salman Rushdie lebt. Das ist die wichtigste Botschaft. Sein Leben konnte geschützt und die Rede- und Meinungsfreiheit erfolgreich verteidigt werden – bis heute. Denn die Fatwa ist nach wie vor gültig. Erst in letztem Jahr wurde das Kopfgeld auf 3,3 Millionen Dollar erhöht. Schlechter erging es seinem japanischen Übersetzer Hitoshi Igarashi, der 1991 in Tokio erstochen wurde. Sein norwegischer Verleger Wiliam Nygaard wurde 1993 in erschossen. Laut Wikipedia starben 37 Gäste, als ihr Hotel in der Türkei nach Protesten gegen Rushdies türkischen Übersetzer Aziz Nesin abbrannte.

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Eva Mattes, Salman Rushdie und Bernhard Robben auf der Bühne im Haus der Berliner Festspiele | Foto: Töns Wiethüchter

So blieb es am Sonntag bei den spannenden kleinen Geschichten wie der, die die u.a. als Tatortkommissarin bekannt gewordene Schauspielerin Eva Mattes verlas: Als Salman Rushdie eines Abends - wie jeden Abend - seinen Sohn zu einer verabredeten Zeit versuchte, telefonisch zu erreichen und niemand den Hörer abnahm, wurde aus der anfänglicher Sorge zunehmend Panik und die Gewissheit, etwas Furchtbares müsse passiert sein. Ein Team der Spezialeinheit, die ihn beschützte, wurde beauftragt, das Wohnhaus des Sohnes unauffällig zu besuchen. Die Türen stünden offen und das Haus sei hell erleuchte, vermeldete dieses. Noch einmal wählte er die Nummer. Plötzlich war sein Sohn am Telefon. Was denn los sei. Draußen stünde ein Polizist, der sagte es kämen noch fünfzehn weitere. Wie sich herausstellte, hatte das Team das falsche Haus aufgesucht. Zafar war mit seiner Mutter nur etwas länger als geplant bei einer Schulaufführung geblieben. Eine atemberaubende Geschichte, die wie kaum ein zweite die Ohnmacht des Autors vor Augen führt, der zur Unsichtbarkeit verdammt wird und nicht mehr Herr über sein eigenes Leben war.

Joseph Anton: Autobiografie schließt mit einem Happy End, einem vorläufigen. Als Salman Rushdie längst in den Vereinigten Staaten in New York ein unbehelligtes und unbeschütztes Leben führte, kehrte er nach England zurück und wurde zu einer Unterredung mit höheren Beamten des Personenschutzes geladen. Aufgrund des zu geringen Sicherheitsrisikos gäbe es keinen Grund mehr, ihn zu beschützen. Die „Gefahrenstufe“ sei drastisch gesenkt worden. Am Ende steht Salman Rushdie wie jeder andere an der Straße und winkt nach einem Taxi. Joseph Anton ist endgültig Geschichte.

Image of Joseph Anton: Autobiografie

Salman Rushdie: Joseph Anton: Autobiografie. C. Bertelsmann Verlag 2012, Gebundene Ausgabe, 720 Seiten

Image of Die satanischen Verse

Salman Rushdie: Die satanischen Verse. Rowohlt Taschenbuch Verlag 2006, Taschenbuch, 720 Seiten