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Arabischer Frühling: Yes, they still can!

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Auf den arabischen Frühling droht ein langer Winter der Despotie und der Bürgerkriege zu folgen, berichten die Medien hierzulande nahezu einhellig. Auch wir haben diese Frage kürzlich gestellt. Die Autoren des bemerkenswerten Buches „Writing Revolution – the voices from Tunis to Damascus“ sehen das anders.
Donnerstag, 12. September 2013
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„I’m Saudi. I’m sorry.“ Autorin Safa Al-Ahmed liest aus „Writing Revolution – the voices from Tunis to Damascus“ in der Heinrich-Böll-Stiftung Berlin | Foto: Töns Wiethüchter

„Ist der Arabische Frühling vielleicht gar nicht die vermutete Sternstunde der islamischen Welt? Haben gar jene Pessimisten Recht, die nun behaupten, dem kurzen Frühling folge nun ein langer arabischer Winter?“ Dies fragte Balduin Winter in seinem Leitartikel in unserer Sommerausgabe. Die jüngsten Ereignisse in Ägypten haben diese Frage nicht weniger dringlich gemacht. Ist die Revolution in der arabischen Welt schon vorbei? War alles umsonst?

Am 10. September stellten die Autoren Safa Al-Ahmed und Mohamed Mesrati und die Herausgeberinnen Layla Al-Zubaidi und Nemonie Craven Roderick in der Heinrich-Böll-Stiftung in Berlin ihre Anthologie Writing Revolution: The Voices from Tunis to Damascus  vor. Nur einmal verliert die mitreißende Journalistin Safa Al-Ahmad dabei die Fassung. „Bullshit! So ein Blödsinn“, ruft sie verärgert in das Publikum, als eine Zuschauerin fragt, ob die Araber eigentlich Demokratie könnten? Natürlich können sie. „Es ist keine Frage der Rasse oder Religion. Egal, wie man es nennt, Demokratie oder was auch immer. Egal welche Form die Menschen wählen, um sich selbst zu regieren, sie haben das Recht, es zu tun. Und sie haben das Recht, selbst herauszufinden, was das Beste für sie ist.“ In Ägypten hätten sie es innerhalb eines Jahres vermasselt? Das war doch nur ein Jahr, ruft die saudische Journalistin dem Publikum zu. Der Lernprozess der arabischen Nationen bräuchte wahrscheinlich Jahrzehnte, meint sie und erinnert die Deutschen an ihre eigene Geschichte.

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Autor Mohamed Mesrati bei der anschließenden Podiumsdiskussion | Foto: Töns Wiethüchter

Als die Menschen anfangs auf die Straße gingen, wäre ihnen die Demokratie egal gewesen, pflichtet ihr der 24 Jahre alte Schriftsteller Mohamed Mesrati bei. Sie wussten nur eines: Sie wollten keine Leichen mehr sehen - und sie wollten die Mörder loswerden. Die Forderungen nach Demokratie und Freiheit seien erst später aufgekommen. Nach teilweise 40 Jahren Diktatur müssten sich die Menschen nun zunächst an ihre neue Freiheit gewöhnen. „Wir können den Aufstand nicht nach zwei Jahren bewerten“, so der aus Libyen stammende und in London lebende Autor.

Sie beide haben eine Geschichte zu dem Buch Writing Revolution: The Voices from Tunis to Damascus  beigetragen, das nun endlich mit Unterstützung der Heinrich-Böll-Stiftung in Englisch erscheinen konnte. Zwei Jahre habe sie sich die Hacken abgelaufen, um einen Verleger zu finden, berichtet die Literaturagentin und Mitherausgeberin Nemonie Craven Roderick. Angesichts der vielen Zuschauer, die heute bei der Präsentation des Buches mangels Sitzplätze teilweise im Treppenhaus stehen müssen, ist es erstaunlich, dass niemand an das populäre Potential des Buches geglaubt hat.

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Herausgeberin Layla Al-Zubaidi und Autorin Safa Al-Ahmed stellten sich den Fragen aus dem Publikum | Foto: Töns Wiethüchter

Herausgekommen ist eine Anthologie von acht Geschichten und Essays aus acht arabischen Ländern geschrieben von acht Autoren. Ein mutiges und schwieriges Projekt, das ein großes Ziel verfolgt: Den Akteuren der arabischen Revolutionen und Aufstände einen literarischen Raum zu bieten, ihre eigenen Geschichten der Geschehnisse zu erzählen. Dabei bietet es keine Expertenanalysen, die häufig mit großem räumlichen und emotionalen Abstand die Geschehnisse beurteilen, sondern versucht im Gegenteil Menschen zu Wort kommen zu lassen, die auf ihre je eigene Art an dem Schicksal „ihres“ Landes teilnehmen – sei es als politische Aktivisten, Journalisten oder Schriftsteller.

„Was wir als Augenzeugen im Fernsehen sahen war nur ein kleiner Teil eines viel größeren Kampfes“, heißt es im Vorwort des Buches, „der nicht mit der Selbst-Verbrennung des tunesischen Früchtehändlers begann und nicht damit endete, dass ein Diktator ein Flugzeug nach Saudi-Arabien nahm und ein anderer sich eine Kugel in den Kopf schoss.“ Hört man Safa Al-Ahmed und Mohamed Mesrati sprechen, so scheint das vermeintliche Ende der Aufstände erst der Anfang einer Geschichte zu sein, die den jungen arabischen Autoren gehören wird. Eine Geschichte von Menschen, die keine Angst mehr davor haben, sich so auszudrücken, wie sie es wollen. Die sich nicht mehr den Mund verbieten lassen und die ihre gewonnene Freiheit nie wieder Militärs, Diktatoren und religiösen Fanatikern überlassen werden. „Wenn es uns bis heute nicht vollständig gelungen ist, die Diktatoren zu stürzen, weil es ein weiter Weg ist, so haben wir die Angst verloren.“ Der Verlust der Angst sei entscheidend, so Safa Al-Ahmed: „Wenn du sie einmal verloren hast, ist alles möglich.“ Allerdings nicht alles und nicht sofort. Auf die Frage der moderierenden Layla Al-Zubaidi, ob er, Mohamed Mesrati, nun nach Libyen zurückkehren und sich öffentlich als Atheist bekennen würde, antwortet dieser mit britischem Humor: „Ja, aber nicht jetzt.“

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Literaturagentin und Mitherausgeberin Nemonie Craven Roderick hat zwei Jahre lang nach einem Verlag gesucht | Foto: Töns Wiethüchter

Writing Revolution: The Voices from Tunis to Damascus ist nicht selbst die Revolution, aber deren Fortsetzung mit literarischen Mitteln. Wie die Menschen in den arabischen Ländern ihren öffentlichen Raum zurückeroberten, so versucht das Buch einen literarischen Raum zu eröffnen, in dem sich die Akteure und Autoren der Revolutionen treffen und frei von Angst ausdrücken können. Es ist ein Buch, um das niemand herumkommen wird, der verstehen will, was in den arabischen Ländern passiert. Und dass hoffentlich bald auch in deutscher Übersetzung zu haben sein wird.

Image of Writing Revolution: The Voices from Tunis to Damascus

Layla Al-Zubaidi, Matthew Cassel: Writing Revolution: The Voices from Tunis to Damascus. I.B. Tauris & Co. Ltd. 2013, Taschenbuch, 304 Seiten