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Die Schlacht um Stalingrad aus anderer Perspektive

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Voltaire formulierte einst: „Geschichte ist die Lüge auf die man sich geeinigt hat“. Was die Schlacht von Stalingrad angeht, gibt es in Deutschland und Russland sehr unterschiedliche Erzählungen. Beiden gemeinsam ist, dass sie nur bestimmte Teile der Realität abbilden.
Freitag, 6. September 2013
Stalingrad 3

Die Stalingrader Schlacht begann im Juli 1942. In erbitterten, beiderseits verlustreichen Kämpfen wehrte die Rote Armee das weitere Vordringen der faschistischen Truppen ab. | Foto: Allgemeiner Deutscher Nachrichtendienst - Zentralbild (Bild 183) (CC-BY-SA 3.0)

In Deutschland ist die Schlacht um Stalingrad vielfach und in den unterschiedlichsten Darstellungsformen wie Erinnerungsberichten, historischen Sachbüchern, Romanen, Spielfilmen und Dokumentationen erzählt worden. Allen diesen Darstellungen ist eins gemeinsam: Im Fokus steht das Schicksal der Männer der 6. Armee, die im Kessel von Stalingrad verzweifelt um ihr Leben kämpften und dort - von ihrer Führung verlassen - Opfer eines größenwahnsinnigen Kriegszugs wurden. Dabei geriet lange Zeit aus dem Blickfeld, dass jene Männer auch als Täter agiert hatten. Nicht nur, dass sie ein Teil der Kriegsmaschinerie bildeten, die die Verbrechen des NS-Regimes überhaupt erst ermöglicht hatte. Die 6. Armee hatte unter ihrem vormaligen Befehlshaber, von Reichenau, im Zuge des Vernichtungskrieges diverse Verbrechen begangen, sich u.a. an dem Massaker von Babi Jar beteiligt, dem knapp 35.000 Juden zum Opfer fielen. Reichenau hatte seine Männer aufgefordert, „für die Notwendigkeit der harten, aber gerechten Sühne am jüdischen Untermenschentum volles Verständnis“ zu zeigen und gegenüber der Zivilbevölkerung Handlungen aus „missverstandene(r) Menschlichkeit“, wie das Verschenken von Zigaretten und Brot zu unterlassen. Als Ziele des Feldzugs nannte er:

  1. die völlige Vernichtung der bolschewistischen Irrlehre, des Sowjet-Staates und seiner Wehrmacht;
  2. die erbarmungslose Ausrottung artfremder Heimtücke und Grausamkeit und damit die Sicherung des Lebens der deutschen Wehrmacht in Rußland.

Durch solche Anweisungen stimuliert und gedeckt, gehörten Plünderungen, Vergewaltigungen und Morde zum Alltag vieler Soldaten, auch in Stalingrad. So zwangen Angehörige der 16. Panzerdivision  junge Frauen des Dorfes Latoschinka, nördlich der Stadt, mit Waffengewalt in ein von ihnen errichtetes Bordell. Im selben Ort wurden nach der Rückeroberung durch die Rote Armee die Leichen gefolterter gefangener sowjetischer Soldaten gefunden.

Hellbeck: Stalingrad-Protokolle

Die Tatsache, dass Stalingrad wie Moskau und Leningrad mit dem Ziel erobert werden sollte, die Stadt und ihre Bewohner auszulöschen und dass ein Teil von ihnen zum Arbeitseinsatz nach Deutschland verschleppt wurde, spielte lange Zeit in den gängigen Darstellungen aus deutscher Sicht ebenfalls keine Rolle. Das Leiden und Sterben auf sowjetischer Seite, - die Schätzungen liegen zwischen 500.000 und einer Million gefallener sowjetischer Soldaten - das weitaus mehr Opfer kostete als auf deutscher, blieb eher im Hintergrund.

Auf der anderen Seite bastelte die Sowjetunion ihrerseits kräftig am Mythos der Schlacht und erschuf daraus ein Heldenepos, das teilweise bis heute fortgeschrieben wird. Entsprechend schwer ist es, einen unverstellten Blick auf das Geschehen zu werfen. So ist es verdienstvoll, dass nunmehr durch die Veröffentlichung von Die Stalingrad-Protokolle: Sowjetische Augenzeugen berichten aus der Schlacht  in Deutschland das Augenmerk auf die sowjetische Seite gelenkt und ein Beitrag geleistet wird ein von Überhöhungen und Umdeutungen freies, weitgehend realistisches Bild der Schlacht zu zeigen. Der Historiker Jochen Hellbeck, Professor an der Rutgers University (New Jersey, USA) hat die Protokolle in russischen Archiven entdeckt, kommentiert und herausgegeben.

Angesichts des weltweiten Interesses an der seit Monaten tobenden Schlacht und des absehbaren sowjetischen Sieges reiste im Dezember 1942 eine Gruppe von Moskauer Historikern unter der Leitung von Isaak Minz nach Stalingrad, um dieses Ereignis für die Nachwelt festzuhalten. Zwischen Januar und März 1943 interviewten sie Offiziere aller Ränge, Kommissare, einfache Soldaten, Sanitäterinnen sowie Verantwortliche der Stadtverwaltung und Einwohnerinnen. Eigentlich muss man davon ausgehen, dass im Rahmen der stalinistischen Diktatur sich die Interviewten den Angehörigen einer staatlichen Kommission gegenüber nicht in aller Offenheit geäußert haben, jedoch vermitteln die Gesprächsprotokolle ein überraschend realistisches Bild, nicht nur der Ereignisse, sondern auch des Selbstverständnisses und der Motivation der Akteure auf sowjetischer Seite. Offiziere wie Soldaten berichten nicht nur über Heldenmut und Erfolge. Sie thematisieren auch ihre Angst und kritisieren Fehler und Versäumnisse bei der Verteidigung der Stadt, von denen es vor allem in den ersten Wochen offenkundig viele gab.

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Der Kriegsrat der Stalingrader Front im Dezember 1942 (links Nikita Chruschtschow, rechts Andrei Jerjomenko) wollte mehr über die Lage in den Truppen wissen und schickte Isaak Minz ins Feld | Foto: Commons:RIA Novosti (CC-BY-SA 2.0)

In Anbetracht der Offenheit der Erzählungen verwundert es nicht, dass diese Protokolle dann später in den Archiven verschwanden und ihr Urheber Isaak Minz in Ungnade fiel. Zu viele Aussagen passten nicht in das offizielle Bild, das die Sowjetunion im Nachhinein von der Schlacht zeichnete. Das wird auch deutlich, wenn man, was der Herausgeber getan hat, die veröffentlichen Erinnerungen der interviewten Kommandeure mit ihren Aussagen gegenüber der Historikerkommission vergleicht. Berichte über Fehler und Versagen, „negatives Heldentum“, das zu unnötigen Verlusten führte sowie die gnadenlose Härte gegenüber eigenen Offizieren und Soldaten, die nicht bereit waren, auch in aussichtsloser Lage weiterzukämpfen, fanden in den späteren, offiziell abgesegneten Darstellungen keinen Platz mehr.

Schon die Einführung des Herausgebers Jochen Hellbeck, bietet einen guten Einblick in das Denken, Handeln und Fühlen auf sowjetischer Seite. Er zeigt auf, dass die hohe Kampfmoral der sowjetischen Truppen nicht in erster Linie ein Ergebnis der drakonischen Maßnahmen gegen als „Feiglinge und Verräter“ gebrandmarkte Soldaten war. Neben dem Bewusstsein, die Heimat zu verteidigen, spielten die sowjetische Ideologie und der Stalin-Kult eine wichtige Rolle für viele Soldaten. Es wird deutlich, dass und wie es der KPdSU gelang, Rückhalt in der Armee zu mobilisieren und sich der Loyalität der Soldaten zu versichern. Die von den Deutschen begangenen Verbrechen spielten dabei eine wichtige Rolle: „Das Streben nach Vergeltung für das vom Feind verursachte Leid und der Wille zum Sieg formten einen gemeinsamen Nenner“.

Soldaten, die sich ausgezeichnet hatten, wurden ohne Umstände in die Partei aufgenommen, die strengen Kriterien für eine Parteimitgliedschaft der Vorkriegszeit galten nicht mehr. „Die Armee verteilte unter den Soldaten Vordrucke, Konten oder Rachekonten genannt, in denen sie die Zahl der von ihnen umgebrachten gegnerischen Soldaten bzw. zerstörten Waffen notieren sollten.“ Wer hier eindrucksvolle Zahlen vorweisen konnte, dem stand die Parteimitgliedschaft offen. Diese galt als Privileg, die Partei fungierte als Glaubensgemeinschaft, die über den Tod hinaus wirkte. Wer als Kommunist starb, erwarb sich besonderen Ruhm. Dieser aus heutiger Sicht makaber anmutende Wettbewerb führte u.a. auch dazu, dass sich ein effektives und auf deutscher Seite gefürchtetes Scharfschützenwesen entwickelte.

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Rotarmist schwenkt die Fahne des Sieges auf dem zentralen Platz, Januar 1943 | Foto: Allgemeiner Deutscher Nachrichtendienst - Zentralbild (Bild 183)

In Verbindung mit den außerordentlich heftigen und verlustreichen Kämpfen trug diese Form der Motivation dazu bei, dass Partei- und Armeeführung, dann doch nicht alles unter Kontrolle hatten. Um unnötiges Blutvergießen zu vermeiden, bemühte sich die sowjetische Seite vor allem nach der Schließung des Kessels sehr darum, deutsche Soldaten zur Kapitulation zu bewegen. In diesem Zusammenhang stattete sie immer wieder einzelne deutsche Gefangene großzügig mit Verpflegung aus und versicherte ihnen, dass die Rote Armee ihre Gefangenen anständig behandelt. Mit dieser Botschaft schickte sie sie dann zu ihren Einheiten zurück. Dennoch berichteten einige sowjetische Soldaten, dass ihre Einheiten grundsätzlich keine Gefangenen machten oder zumindest die effektivsten Kämpfer auf deutscher Seite, u.a. die Scharfschützen nach der Gefangennahme erschossen.

Da die Kommission auch Angehörige der Stadtverwaltung und Einwohnerinnen befragte, entsteht auch ein Bild der Leiden der Zivilbevölkerung. Ca. 40.000 Einwohner fielen den deutschen Luftangriffen vom August und September 1942 zum Opfer. Die Bewohner Stalingrads erlebten das gleiche Inferno wie später jene Hamburgs, Dresdens und weiterer deutscher Städte. Jene Zivilisten, die in der umkämpften Stadt ausharren mussten, wurden von den deutschen Besatzern drangsaliert und ausgeplündert. Das erlebte Grauen blieb nicht ohne Folgen: „Wir gingen durch unseren befreiten Bezirk, über Trampelpfade, die durch Minenfelder führten, und trafen auf Menschen, die das menschliche Gedächtnis verloren hatten und ihre eigene Stimme fürchteten. Du siehst einen Menschen – er hat die Gestalt eines Jungen, aber seine Schläfen sind ganz weiß“.

Zu den Stalingrad-Protokollen gehören auch Aufzeichnungen von Verhören deutscher Kriegsgefangener. Diese belegen, dass das, was man in der Sprache der Militärs als die „Moral der Truppe“ bezeichnet, auf deutscher Seite ungeachtet der misslichen Lage erstaunlich lange in Takt blieb. Die Zahl derjenigen, die sich vor der offiziellen Einstellung der Kämpfe gefangen gaben, blieb gering und jene, die es taten, wurden dann entsprechend den vorliegenden Befehlen von den eigenen Kameraden beschossen. Erstaunlich ist der nahezu ungebrochene Optimismus in Bezug auf den Ausgang des Krieges, den viele an den Tag legten. Ungebrochen blieb oftmals auch die Wirkung der NS-Ideologie. Obwohl er die Erfahrung gemacht hatte, dass die von der NS-Propaganda über die Russen gezeichneten Bilder keinerlei Realitätsbezug hatten, hielt ein Rittmeister, der im Übrigen kein Mitglied der NSDAP war, auch gegenüber seinem russischen Vernehmer unerschütterlich daran fest, dass „die Juden, die in allen Ländern außer Deutschland die führende Rolle im Staate an sich gerissen haben“ schuld am Krieg seien.

Image of Die Stalingrad-Protokolle: Sowjetische Augenzeugen berichten aus der Schlacht

Jochen Hellbeck: Die Stalingrad-Protokolle: Sowjetische Augenzeugen berichten aus der Schlacht. S. FISCHER 2012, Gebundene Ausgabe, 608 Seiten