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Die Abgründe eines Kriegserfahrenen

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Vierzig Jahre nach dem Vietnamkrieg verarbeitet Karl Marlantes seine Erlebnisse in seinem Roman „Matterhorn“ und lässt seine Leser in den Abgrund seiner Seele blicken. Den Krieg als Mittel zum Zweck stellt er jedoch nicht infrage.
Mittwoch, 14. August 2013
Karl Marlantes: Matterhorn

Karl Marlantes, Jahrgang 1944, ist US-Amerikaner, aufgewachsen im ländlichen Oregon, und so etwas wie ein cooler Typ. Ein ganzer Kerl, Rugbyspieler. Zum Studium geht er an die Ostküste und macht seinen Bachelor in Yale. Er meldet sich mit zwanzig freiwillig zum United States Marine Corps. Später verlässt er die USA und geht zum Masterstudium nach Oxford. 1967 tobt der Vietnamkrieg und während der Widerstand weltweit zunimmt und andere aus Protest ihre Einberufungsbefehle öffentlich verbrennen, bricht er sein Studium ab, um dorthin zu gehen, wo keiner hin will: nach Vietnam. Warum? Karl Marlantes beschreibt das selbst so: Es „war eine sehr gegensätzliche Mischung aus Patriotismus, einem genetischen Imperativ, […] einer Sehnsucht nach Überhöhung und Flucht aus dem Einerlei, dem Bedürfnis, meine Männlichkeit zu beweisen, einfacher Selbsterprobung und Neugier.“

Er lernt den Krieg in seiner ganzen Brutalität kennen. Zurück mit all den Bildern und dem Grauen im Kopf, ereilt ihn das, was man heute posttraumatische Belastungsstörung nennt. Er wird nicht bejubelt wie sein Vater, der als Kriegsveteran aus dem 2. Weltkrieg zurückkehrte. Er wird bespuckt und beschimpft. Alkohol, Drogen, Stress sind die Folgen. Er geht zurück nach England, um sein Studium zu beenden, was ihn rettet: „Das Angebot des Rektors holte mich aus dem Land, weg von Wut, Schmerz und Demütigung.“ Er wird Wirtschaftsberater. Aber die Albträume, Flashbacks und Gewaltausbrüche bleiben. Seine erste Ehe zerbricht. Er verarbeitet, indem er schreibt.

Dreißig Jahre später ist sein Buch Matterhorn erschienen, ein Roman über den Vietnamkrieg. Jetzt, ein Jahr später, kommt sein zweites Buch Was es heißt, in den Krieg zu ziehen heraus. Hier versucht er in elf Kapiteln unterschiedliche Blicke auf den Krieg zu werfen und seine Zeit als Soldat zu beschreiben. Er reflektiert, was in ihm vorgeht, während er sieht, wie seine Kameraden sterben und wenn er selbst tötet. Er lässt uns in sein Inneres, in den Abgrund, blicken, zeigt uns seine Gefühle, auch die niederen, wenn er wie im Rausch den Feind massakriert und bisweilen auch misshandelt. Seine Beschreibungen sind schonungslos, ehrlich und sehr differenziert. Wenn er etwa beschreibt, wie er einen jungen Vietcong tötet und dabei in dessen Augen sieht, die ihn noch jahrelang verfolgen. Oder einen seiner besten Freunde bei einem Kampfeinsatz verliert, bei dem er diesen in eine so gut wie aussichtslose Offensive drängt.

Karl Marlantes: Krieg ziehen

Man kann nachempfinden, wie entmenschlicht ein Krieger (so nennt er den Berufsstand des Soldaten) während einer Schlacht agiert und reagiert. Das ist eindringlich beschrieben und oft schmerzhaft zu lesen. Marlantes spricht von Seelsorge und Gott, aber auch von der Verantwortung, die der Krieger für seine Taten übernehmen muss. Diese Verantwortung haben aber vor allem auch die Politiker, die sie in Kriege schicken. Nur üben sie diese oft nicht aus. Er problematisiert auch, um wie viel einfacher das Töten für den Krieger mit zunehmender Technisierung wird, weil man das Ergebnis, die Zerstörung und das Leiden, das man zufügt, nicht mehr mit allen Sinnen erlebt. Angesichts der Debatte um Drohnentechniken ein sinnvoller und nachdenklich machender Verweis ins Hier und Jetzt.

Die Kriegserlebnisse haben Marlantes aber nicht zu einem Pazifisten gemacht; auch seine Beschäftigung mit Spiritualität und Mythologie sowie der Psychologie des Krieges nicht. Der Krieg ist für ihn Bestandteil des menschlichen Lebens, solange es nicht nur gute Menschen gibt und die Welt nicht vollkommen ist.

Karl Marlantes sucht nach einem Moralkodex. Nach einer Kriegsethik, nach moralischen Standards, die das Handwerk des Tötens vertretbar machen. Und er sucht nach Wegen, wie man Soldaten das Rüstzeug gibt, seelisch unbeschadet aus Schlachten und dem Kriegseinsatz in den Alltag zurückzufinden. Seine Vorschläge: Man müsse Rituale schaffen, um trauern und sich ent-schuldigen zu können bei den toten Feinden und Freunden. Es bräuchte Zeremonien, die den Kriegern helfen, nach ihrem Einsatz wieder in der zivilen Gesellschaft Fuß zu fassen, sowie die Möglichkeit, über die gemachten Erfahrungen reden zu dürfen. „Keine Nation wird je reif werden und eine vernünftige Außenpolitik betreiben, solange ihre Krieger, ihr Volk und ihre Führer nicht mit gleichen Gefühlen über alle Aspekte des Krieges zu sprechen lernen.“

Was es heißt, in den Krieg zu ziehen lässt seine Leser, die friedensbewegten erst recht, ratlos zurück. Es breitet den ganzen Irrsinn des Krieges aus, das Lügen, die Gewaltexzesse und zeigt auf, wie Menschen verheizt werden. Es beschreibt die posttraumatischen Störungen danach. Es macht sich dafür stark, den Krieg „verantwortungsvoller“ zu führen, damit weniger Exzesse stattfinden, die zu körperlichen und seelischen Schäden führen. All das ist sinnvoll und richtig. Es stellt aber nicht die viel wichtigere Frage, warum Kriege geführt werden, wer an ihnen verdient und wem sie nützen. Es akzeptiert unkritisch oder nimmt zumindest hin, dass Krieg ein Mittel der Politik ist, und rechtfertigt ihn somit immer wieder.

Image of Matterhorn

Karl Marlantes: Matterhorn. Arche Verlag 2012, Gebundene Ausgabe, 672 Seiten

Image of Was es heißt, in den Krieg zu ziehen

Karl Marlantes: Was es heißt, in den Krieg zu ziehen. Arche Verlag 2013, Gebundene Ausgabe, 384 Seiten